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Emma will sterben

Emma Verweij ist müde, ermüdet vom Leben, ermüdet von den Erinnerungen, die Nacht für Nacht zu ihr ins Bett drängen. Noch immer erschrickt sie, wenn ein Handy läutet, so wie damals, als der Festnetzapparat läutete: War das Carl? War es die Gestapo? Carl hat ihr damals eingeschärft, niemals ans Telefon zu gehen; nur wenn er mit ihrem Code anrufe, dürfe sie den Hörer heben. Carl! Wie lange ist das her?

Schon eilt die Geschichte weiter, ins Führerhauptquartier, wo die Bombe unterm Kartentisch die falschen tötete, der gottgleiche Führer hat also das Attentat überlebt, die Schuldigen und ihre Helfer werden verfolgt. Emma hat ihren Koffer immer gepackt in der Nähe, tritt der Notfall ein, flüchtet sie nach Grunewald zu Wapenaar, dem Freund des Vaters, der Menschen wie sie versteckt. Ganz selbstverständlich, wenngleich dieses Verstecken von Staatsfeinden einem Todesurteil gleichkommt. Das ganze Leben passt also in einen Koffer, Emma wird von Adrian Wapenaar fürsorglich aufgenommen. Schließlich flüchtet die junge Frau zu ihrem Cousin Chris, der sie nur kurz entsetzt, so als ob ihn eine unliebsame Erinnerung heimsuchen würde, ansieht: Komm herein. Emma bleibt, lernt Bruno kennen und lieben: In dieser Straße wird sie heimisch, in manchen Nächten suchen sie die Erinnerungen an Carl, ihren ersten Mann, heim. Die Geschichten haben Lücken und Bruno hat ein großes Herz, wenn sich die Freunde treffen, erzählen sie erst später vom Krieg und von den Menschen, die sie einst versteckten. Viele Abschiede stehen Emma in ihrem Leben noch bevor: Sie lässt ihre Lieben ziehen, nie leichten Herzen, aber immer bereit, die anderen gehen zu lassen, sie nicht binden zu wollen.

Wie gehetzt erzählt er Emma ein paar Geschichten, die ihr im Gedächtnis bleiben werden, über diese eigenartige kleine Welt, fünf Jahre unter einer Glasglocke aus Illusionen und Verdrängung. Sie hört nur zu, kommentiert nicht, was er sagt, warum sollte sie. Illusionen und Verdrängung, sie kennt das nur zu gut, genau so waren die Jahre in ihrer wohlhabenden Gegen von Berlin. Sie lauscht seinen Worten, als würde ihre Zukunft davon abhängen.

Viele Verfolgte flüchteten einst über das Dach, Bruno hat es ihnen ermöglicht, er hat vielen geholfen. Emma taucht noch einmal aus ihrem Schattenreich mit den unzähligen Erinnerungen, Fluchten, Toten und Gesprächen auf. Abermillionen Wörter umschwirren sie: Warum ist sterben so schwer? Sie ist doch 96 Jahre alt, hat so vieles schon erlebt und ausgestanden. Wo ist Carl, wo ist Bruno? Wo sind Marias Briefe, noch einmal will sie von dieser Zeit lesen, von Marias Reisen, ihren Abenteuern. Ob sie mehr als einmal zu Brunos Geliebten wurde? Aber auch das ist mittlerweile doch egal: Jetzt will Emma gehen und niemand soll sie mehr aufhalten.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie diesen Roman nicht lesen: Erinnerungskultur, Rückblick auf die NS-Zeit, Besatzungszeiten, Liebesgeschichten, Kennenlernen mutiger Menschen, die Verfolgte versteckten, Wiederanfang, Umgang mit grässlichen Erinnerungen aus grässlichen Zeiten, Liebe, Leidenschaft, Respekt, Selbstachtung, den Kampf, freiwillig aus der Welt zu gehen, die einen vielleicht noch halten will.

 

Der Autor, 1946 geboren, ist Kritiker, Verleger und Schriftsteller; er lebt in der Nähe von Amsterdam.

 

 

Otto de Kat:

Die längste Nacht.

Roman.

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke.

Frankfurt am Main: Schöffling & Co 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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