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Empfänglich für die Achterbahn des Lebens

Die Heldin dieses Romans, die Ich-Erzählerin Amory Clay, lässt keine Gelegenheit aus, das Leben zu kosten, sich ein großes Stück zu nehmen und dabei auch noch darauf zu achten, dass die ihr Nahestehenden niemals leer ausgehen. Amory – das Mädchen – wird vom Vater 1908 in der Geburtsanzeige in der Times als Sohn begrüßt, dass das kein Fehler, sondern wohl kalkulierte Absicht war, weiß die gesamte Familie. Als der Vater 1918 aus dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Krieg, heimkehrt, ist nur körperlich unversehrt. Er, der einigermaßen bekannte Schriftsteller, zieht sich immer mehr in seinem großen Anwesen zurück, seine Frau lässt ihn gewähren und dirigiert die Hausangestellten im Cottage. Der kleinen Amory kommt immer wieder in den Sinn, wie ihre Eltern wohl vor dem Großen Krieg und vor allem vor der Geburt der drei Kinder waren? Lustig, fröhlich? Es ist ihr Onkel, die ihr die erste Kamera schenkt und ihr beibringt, sie richtig zu handhaben: Seit sie zum ersten Mal mit der Kodak Brownie Nr. 2 ihr Motiv ausgewählt, die Belichtungszeit gewählt und ausgelöst hat, legt Amory die Kamera so gut wie nie mehr aus der Hand.

Sie ist eine gute Schülerin im schottischen Internat, übt mit einer Mitschülerin den Zungenkuss und lässt sich auch von der Schulleiterin nicht einschüchtern: „Ich will Fotografin werden, nein, studieren will ich eigentlich nicht.“ Es ist ein Literaturstipendium, das die Tochter aus gutem Hause nach Oxford bringen könnte, wenn da nicht der Vater aufgetaucht wäre. Er fährt sich und Amory direkt in einen See, will sich umbringen und dabei seine Tochter „mitnehmen“: Der Vater kommt in eine Anstalt, der Tochter wird eine längere Zeit der Erholung zugestanden. Sie ist traumatisiert, verlässt das Internat und unterstützt ihren geliebten Onkel Greville als Gesellschaftsfotografin. Sie ist in ihren Mentor dermaßen verliebt, dass ihr völlig entgeht, dass Greville doch die Männer den Frauen vorzieht. Amory möchte berühmt werden: Gekonnt setzt sie die Damen der feinen englischen Gesellschaft in Szene, einmal nur zu mutig, schon ist sie ihre Stelle los und geht nach Berlin. Skandalbilder bringt sie mit: Nachtclubs, Kabaretts, Jazz, käufliche Liebe, miteinander schmusende Frauen, Wolllust – der Skandal ist zwar da, bringt der jungen Fotografin außer einer Verurteilung aber wenig.

Das Buch erzählt Stationen einer mutigen Frau, viele davon erzählen von ihrem inneren Wachstum, ihrer Auseinandersetzung mit ihrer neurotischen Familie, der Verarbeitung des geplanten Suizids des Vaters, Amory hasst den Krieg und wird als junge Fotografin doch eines der Opfer des Zweiten Weltkriegs, des Faschismus.

Ich spürte, dass Ärger in der Luft lag. Und mir fiel auf, dass sich die Anzahl der Schwarzhemden, die als Ordner fungierten, auf geheimnisvolle Weise vergrößerte, da sich immer mehr junge Männer in Uniform dem Zug unauffällig anschlossen. Es gelang mir, etwa zwanzig Schwarzhemden zu fotografieren, die in einer Art Phalanx aus der U-Bahn-Station Stepney Green zum Vorschein kamen, während die gesamte Marschkolonne gerade nach links in die White Horse Street einbog.

Amory wird zusammengeschlagen, sie wird, so die Diagnose, nie Kinder bekommen können. Ihre Arbeit in New York gipfelt in einer wilden Liebesbeziehung, Paris erlebt sie als besetzte Stadt, immer ist sie auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen, während ihre Auftraggeber ihre Perspektive nicht immer zu schätzen wissen. Unzählige Cocktails werden hier getrunken, die Fotografin liebt, trinkt, genießt gutes Essen, gute Gespräche und guten Sex. Anpassung ist nicht ihre Stärke, wie auch ihre Schwester eine außergewöhnliche Pianistin und ihr kleiner Bruder ein außergewöhnlicher Lyriker und Pilot wird: Alle drei Kinder sind Künstler, während der Vater in einer Art Schlaftherapie in der Klinik ruhig gestellt wird und sich nach Amory sehnt.

Eine starke Frau, die liebt, die verzweifelt lieben kann, die sich in Männer verliebt, die nicht Helden sein wollen: Die prekären finanziellen Verhältnisse ihrer Kindheit wiederholen sich ihr Leben lang, als Witwe muss sie das Anwesen mit ihren Zwillingstöchtern verlassen – sie ist krank, alt und will in Würde sterben. Rückblenden in die Kindheit, in die Jugend und in die Zeit als junge Frau im Berlin der 30er-Jahre wechseln mit beschwerlicheren Wegen der älteren Frau ab, die über ihr kompliziertes Leben und das Glück, das aus so mancher Komplikation erwuchs, nachdenkt. Pflücke den Tag, Amory!

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Lust auf ein wildes Leben, Ausgelassenheit, einen anderen Blick auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg, Sehnsucht, einen Skandal auszulösen, Lust, wieder zu fotografieren; einen neuen Zugang zu allen Spielarten von Liebe und Wahnsinn, Hektoliterweise Alkohol, Stangenweise Zigaretten – Abstand zu Tofu und Ideen zum „richtig gesunden Leben“, Huldigung an die Liebe, die Melancholie, eine bizarre Heldin.

 

Der Autor, 1952 in Ghana geboren, ist mehrfach ausgezeichneter Verfasser von Drehbüchern, Romanen und Kurzgeschichten.

 

 

William Boyd:

Die Fotografin.

Roman.

Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky und Ulrike Thiesmeyer.

München: Berlin Verlag 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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