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Bücher Juni 2012
Verstummte Veza
Erst 27 Jahre nach ihrem Tod überraschten die Verke von Veza Canetti.

Sie nannte sich Veza Magd, Martha Murner oder Veronika Knecht, sie veröffentlichte ihre Erzählungen in Zeitungen und Anthologien und blieb doch eine Unbekannte. Erst 27 Jahre nach ihrem Tod erschienen ihre Texte in Buchform, diesmal unter ihrem wirklichen Namen: Veza Canetti, 1897 in Wien geboren, 1963 in London gestorben. Die Überraschung war groß: Da war eine Autorin zu entdecken, die endlich aus dem Schatten ihres Mannes, des Nobelpreisträgers Elias Canetti, trat.

Besonders der Roman „Die Schildkröten“ ist ein Fundstück: eine beklemmende Abrechnung mit den Ereignissen des Jahres 1938, mit der Demütigung und Verfolgung der Juden, mit den brennenden Synagogen und dem Warten auf Abholung oder Ausreise. In der Geschichte der Kains, deren Lebensradius nach der Machtübernahme der Nazis immer enger wird, spiegelt sich Veza Canettis Biografie. „Die Schildkröten“ entstanden im englischen Exil und fanden dort auch schnell einen Verlag. Allein der Krieg verhinderte den Druck. Sie sei es bald leid gewesen, als Bittstellerin bei den Publikationshäusern anzuklopfen, erzählte ihr Mann später. Veza verstummte.

Erst lange nach ihrem Tod – ein Selbstmord, wie es heißt – rückte er die Manuskripte heraus, sodass die Erzählungen, Romane und Stücke endlich ans Licht kamen: dicht gesponnene Szenen aus dem Alltag, hellsichtige Porträts, spannend und differenziert in ihrer Psychologie und eigenwillig in der Sprache. Mit Veza Canetti meldete sich eine Autorin zu Wort, deren fünfbändiges Werk sich selbstbewusst neben das ihres Mannes stellte. Applaus brandete auf, von Leserinnen und Lesern wie Kritik.

Viele der Bücher von Elias Canetti sind seiner Frau gewidmet. „Ich wollte damit das überwältigende Maß an Dankbarkeit ausdrücken, das ich ihr schulde.“ Für des Dichters Anerkennung hat Veza Canetti lange bezahlt. Nun ist ihre Stimme weithin zu hören. Man lauscht ihr gebannt.

 


Veza Canetti:
Die Schildkröten

ISBN 978-3446194786
Hanser Verlag
296 Seiten
Euro 20,50

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2012 – von Susanne Schaber