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Bücher März 2012
Altersweitsicht
Zwei famose Bücher mit Berichten aus dem unbekannten Land des hohen Alters.

Das ist mein Stück!«, denkt sich Emily erbost, als auf dem Begräbnis einer Bekannten das Präludium in g-Moll von Buxtehude gespielt wird. Emily ist in ihren Achtzigern. Sie hat vorgesorgt, bis hin zur Musik für ihr eigenes Begräbnis. Ihre Kinder und Enkel sieht sie höchstens ein, zwei Mal im Jahr. Ihr Mann ist seit Jahren tot. Die Versuchung, der sie widerstehen muss, ist die, »der Zeit nachzutrauern, als sie noch jung, rührig und voller Leben war«. Wenn der lang ersehnte Verwandtschaftsbesuch dann tatsächlich eintrifft, erschöpft sie der Einbruch von so viel Bewegung in ihr ruhiges Haus. Emilys Leben gewinnt neuen Schwung, als sie sich umständehalber ein Auto kauft und zaghaft wieder mobil macht.
Emily ist die Heldin des neuen Romans »Emily, allein« von US-Autor Stewart O’Nan, der ein unvergleichlicher Erzähler ist. Es passiert nicht viel in diesem weit ausufernden Buch, und doch gelingt es O’Nan, mit seinem Porträt einer ganz normalen alten Frau große Sogkraft zu entwickeln. Aus alltäglichen Momenten werden dabei große Geschichten über Alter, Familie und Aussöhnung mit sich selbst.

Stewart O’Nan: Emily, allein, Rowohlt Verlag, 380 Seiten, Euro 20,50

 

Einen ganz anderen Ton zum selben Thema schlägt die österreichische Schriftstellerin Ilse Helbich, Jahrgang 1923, an. Ihr neues Buch »Grenzland. Zwischenland« versammelt autobiografische Erkundungen ihres eigenen hohen Alters. In den bis aufs Äußerste verdichteten, kurzen Texten berichtet Helbich von ihrem Eintritt in die »Anderswelt« einer fast Neunzigjährigen. Mit dem forschenden Blick einer Insektenkundlerin und dem genauen Auge einer großen Dichterin legt sie sich selbst unters Mikroskop: »Von weit her und wie zuschauend« fühlt sich die Liebe zu den ihr Nahestehenden jetzt an, und die Angst vor körperlicher Hinfälligkeit und dem nahen Tod ist geringer als das Erstaunen. Es ist ein wunderschönes Buch, das man am besten ganz langsam liest, Satz für Satz. Geschrieben ist es spürbar in äußerster Konzentration, und es ist verdichtet zu tiefer Poesie über die überraschenden Phänomene des späten Lebens.

Ilse Helbich: Grenzland – Zwischenland. Erkundungen., Droschl Verlag, 127 Seiten, Euro 18,00

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2012 – von Julia Kospach