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Bücher März 2013
„Noch immer unentschieden. Franz“
Florian Illies‘ hinreißendes Panorama eines ganz besonderen Jahres: „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“.

Es ist, schreibt Florian Illies, „die ungeheure ungleichzeitige Gleichzeitigkeit, die das Jahr 1913 vor allem ausmacht“. Ein Jahr, in dem so vieles anfing, eine große Wende nahm, dem Untergang geweiht wurde oder voll erblühte. Der Erste Weltkrieg stand schon vor der Tür. Vieles schien möglich, während am Horizont längst dunkle Wolken aufzogen.

Was geschah allein im März vor punktgenau 100 Jahren? Der Elsässer Theologe Albert Schweitzer promovierte in Medizin, verkaufte sein Hab und Gut und reiste ins heutige Gabun, wo er das Urwaldhospital „Lambarene“ gründete. Die hochbegabte französische Bildhauerin und Rodin-Muse Camille Claudel landete endgültig in der Irrenanstalt. Pablo Picasso erlebte die bisher größte seelische Krise seines Lebens („Vater tot, Hund tot, Geliebte todkrank“). Der Komponist, Dirigent und große Musik-erneuerer Arnold Schönberg bekam im Wiener Musikverein eine Ohrfeige, weil eine Komposition seines Schülers Alban Berg die Gemüter zur Weißglut getrieben hatte. Und von Prag aus teilte Franz Kafka seiner Freundin Felice in Berlin mit, dass er sie besuchen kommen wolle, konnte sich nach viel Hin und Her doch nicht durchringen, schrieb ihr schließlich: „Noch immer unentschieden. Franz“ – und machte sich damit endgültig zum stilprägendsten Zauderer und Zögerer der literarischen Moderne des 20. Jahrhunderts. „Vier Worte, eine Autobiografie“, kommentiert Florian Illies trocken.

Ein doppelgesichtiges, bewegtes, unerhört vielfältiges Jahr, das Illies – Jahrgang 1971, studierter Kunsthistoriker, langjähriger deutscher Kunst- und Feuilleton-journalist und nunmehriger Partner des Berliner Auktionshauses „Villa Grisebach“ – kunstvoll und feinsinnig zu einem bunten, nach Monaten geordneten Mosaik zusammensetzt. Aus Briefen und Zeitungsberichten, Biografien, literarischen und historischen Werken entnimmt er das Rohmaterial für seine eleganten Kurztexte, von denen jeder eine Momentaufnahme aus dem politischen, literarischen oder künstlerischen Leben des Jahres 1913 darstellt. In einer so kleinteilig und streng aufgebauten Konstruktion die Lesespannung zu halten ist eine große Kunst. Illies ist genau das dank seines feinen Sinns für Ironie, seiner klugen Anekdotenauswahl und seiner spürbaren Freude am Material gelungen. Vieles, was er erzählt, ist bekannt, und reißt einen doch aufs Neue hin.

 


Florian Illies:
1913.
Der Sommer des Jahrhunderts.

S. Fischer
320 Seiten
Euro 20,60

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2013 – von Julia Kospach