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Erinnerungen haben keinen Körper

Saara wohnt mit ihren Eltern im Sägemehlhaus, ist dort glücklich und beobachtet ihre Mama sehr genau. Mama liegt in der Sauna und riecht gut nach Öl, Mama schneidert im Keller, Mama steht in der Früh auf und schaltet als erstes die Kaffeemaschine ein. Glück einer kleiner Familie. Tante Annu gehört irgendwie auch zu ihnen, eine umsichtige und achtsame Frau, die wunderschöne Teppiche herstellt und immer wenig Geld hat. Sie wohnt in einer klitzekleinen Wohnung und liebt ihre Nichte.

Dann gewinnt Tante Annu im Lotto, das spielt sie, seit sie eine junge Frau. Unaufgeregt kauft sie ein Landgut und übersiedelt, ihre alte Wohnung hätte dort in ein einziges Zimmer gepasst. Zur Feier des Gewinns gibt eine fabelhafte Torte, vier glückliche Menschen reden über die Zukunft.

Selja Ahava versteht es, den Roman in drei Teilen sowie in sagenhafter Beiläufigkeit zu erzählen, sie lässt einen die Achterbahnen des Lebens rauf- und runterfahren: Die stille Dramaturgie der Ereignisse zeigt sich in der detailgenauen Schilderung der Umstände und in jenen Leerstellen, mit denen die Autorin immer wieder neue Spannungsbögen erstellt. Liegt da Eis auf der Verandastiege? Eis? Wo soll das denn herkommen – so ungefähr ist es gewesen, als Saara und ihr Vater heimkamen und das Unglück sahen. Der Vater sieht es, schützt seine Tochter vor dem schrecklichen Anblick der im Haus verunfallten Mutter. Wie kam sie zu Tode? Ein Eisbrocken war mitten im Sommer vom Himmel gefallen, hat sie getroffen und zerstört. Die Kleine denkt an Hercule Poirot und an die weißen Linien, die bei ihm die Leichen umgeben: Klarheit, eine weiße Linie zwischen Leben und Tod. So sollte es sein, außerdem hat sie diesen Meisterdetektiv mit ihren Lieben – Mama, Papa und Tante Annu – kennengelernt.

Jeden Sonntag saßen wir vor dem Fernseher, mein Vater, meine Mutter und ich, und schauten Hercule Poirot. Eigentlich war es zu spannend für Kinder, aber bei uns gab es nicht so strenge Regeln wie bei meinen Freunden, weil mein Vater als Kind im Ausland gelebt hat und es bei meiner Mutter daheim nur die eine Regel gegeben hat, dass man sich nicht im Wald verirren darf. (S. 29)

Dieser Detektiv, der weder rennt noch schießt und trotzdem gewinnt, beeindruckt die kleine Saara. Sie zieht mit ihrem Vater zu ihrer Tante, die einmal am Tag mit ihren Schafen spricht und ihr ein geheimes Zimmer zeigt. Die Trauer ist groß, der Vater liegt ein Jahr lang im Bett, Saara fährt bald mit dem Bus in die Schule. Dann gewinnt Tante Annu zum zweiten Mal den Lotto-Hauptgewinn. Zufall, Schicksal, was ganz anderes? Briefe zwischen ihr und Hamish MacKay, einem Fischer, der vier mal vom Blitz getroffen worden war und überlebte, machen einen staunen. Doch, es geht weiter, Papa und Saara und Krista, die neue Frau kehren ins Sägemehlhaus zurück. Sie ist schwanger, das Baby hat anstelle seiner Beine eine Schwanzflosse und gleicht im Ultraschall einer Meerjungfrau. Krista macht Saara Pfannkuchen zum Geburtstag: ein Hauch Normalität. Hans Christian Andersens Kunstmärchen, die Märchen der Gebrüder Grimm – all diese Bezüge mischen sich in den Handlungsverlauf, im verwunschenen Haus riecht es nach Süßem und einem Hauch von Normalität. Aber nur kurz.

 

Die Autorin, 1974 geboren, hat Dramaturgie in Helsinki studiert, wurde  für ihren ersten Roman „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ für den Finlandia Prize nominiert; 2016 erhielt Selja Ahava den Literaturpreis der Europäischen Nation.

Der Übersetzer Stefan Moster, 1964 geboren, lebt und übersetzt in Berlin; er übersetzt zahlreiche berühmte finnische AutorInnen ins Deutsche.

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Kindheit, Verlust der Mutter, Märchen, Zufälle, ein Leben in einer Geheimtür, bizarre Szenen und Charaktere, Schonungslosigkeit, große Erzählkunst mit wechselnden Erzählperspektiven.

Selja Ahava:

Dinge, die vom Himmel fallen.

Roman.

Aus dem Finnischen übersetzt von von Stefan Moster.

Hamburg: Mare Verlag 2017.

205 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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