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Nichts tut so gut wie das Eintauchen in das Grün des eigenen Gartens. Wer könnte das besser formulieren als Dichter, die das erlebt haben? Erkundungen darüber, was man sonst noch so tut, denkt und lernt, während man in der Erde wühlt, pflanzt und jätet.

Wer sich etwas mit einem eigenen Garten anfängt, verfängt sich gleich in einem ganzen Universum. In diesem Universum geht es um weit mehr als ums Graben, Setzen, Jäten und Harken. Jeder, der einen Garten hat, kennt das. Es passiert ganz selbstverständlich.
Kein im Garten verbrachter Tag vergeht ohne lange Momente, in denen man völlig von sich selbst absieht. Es ist wie das Abtauchen in eine Welt, in der die Selbstbetrachtung an Bedeutung verliert. An ihre Stelle tritt die Betrachtung eines Ortes und seiner Pflanzen. Dieses Abgleiten geht sanft und unmerklich vor sich. Es scheint nichts Geheimnisvolles daran zu sein, und trotzdem strahlt es zurück auf das Ich, das sich gerade in den Gedanken oder im Kümmern um eine Pflanze verloren hat. In Momenten selbstvergessener Gartenarbeit wird der Garten zu einer ganzen neuen Lebenswelt: neu bevölkert, neu beschaffen, mit neuen Regeln und Möglichkeiten und mit einem neuen Zeitgefühl.
Alle, die übers Gärtnern geschrieben haben, erzählen von diesen und anderen erwünschten Nebenwirkungen. Zum Beispiel der amerikanische Schriftsteller Charles Dudley Warner, Freund und Nachbar des großen Mark Twain: „Binnen einer halben Stunde kann ich alles um mich herum vergessen; ich harke mich richtiggehend hinaus aus dieser Welt, hinein in ein weites Feld, das keine Hindernisse kennt. Welch eine Beschäftigung, um die Gedanken schweifen zu lassen! Der Geist brütet wohl wie eine Henne auf ihren Eiern, man denkt nichts Konkretes, sondern vegetiert einfach vor sich hin, genau wie die Pflanzen um einen herum.“ Das bringt Entspannung und Entlastung. Ein eigener Garten, so Warner, habe durchaus nicht den Hauptzweck, uns mit Obst, Gemüse oder Blumen zu versorgen. Seine Funktionen gehen weit darüber hinaus. Für Warner ist er gar ein „Werkzeug der Moral“, das „die großen Lektionen des Lebens vermittelt“: Geduld und Achtsamkeit, Bescheidenheit und Respekt, einen genauen Blick und den gelassenen Umgang mit großen Hoffnungen und enttäuschten Erwartungen.

GARTEN SUCHT LEHRLING.

Seine Lehren erteilt der Garten langsam und beiläufig, aber eindringlich. Erst das Pflanzen habe ihm klargemacht, schreibt etwa der US-Dramatiker Arthur Miller, „wie ergiebig, aber auch empfindlich und leicht zu ruinieren die Oberfläche unseres kleinen Planeten eigentlich ist“. Eine Pflanze, die an einem Ort wunderbar gedeiht, mag an einem anderen traurig dahinkränkeln. Erst mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl für die Bedürfnisse seiner Pflanzen, für die Beschaffenheit des Bodens und dafür, wie man sich all den Phänomenen seines Gartens gegenüber verhalten soll. Wer mit Allmachtsfantasien in einen Garten kommt, wird schnell enttäuscht. Mit Gewalt richtet man Pflanzen gegenüber wenig aus. In einem bestimmten Garten ist nie alles möglich. „Wirklich zu gärtnern fing ich erst an, als ich den Garten sich äußern hörte, in den Sätzen seiner Bedürfnisse“, schreibt die leidenschaftlich gärtnernde österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth. Völlig auf dem Holzweg befände man sich nämlich, „solange man glaubt, man würde einen Garten schaffen“, schreibt Frischmuth. Nachgerade umgekehrt verhält es sich: „Nicht der Gärtner ist es, der der Natur einen Garten abgetrotzt hat, sondern der Garten hat sich einen Gärtner gefunden, der an seinem Zustandekommen leidenschaftlich interessiert ist.“

VOM HARKEN ZUM DICHTEN.
Es ist eine Umkehrung der Machtverhältnisse, denn ein Garten lässt sich nicht zwingen. Den größten Erfolg hat, wer ihm möglichst umsichtig zu Diensten ist. Trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, darf man sich in seinem eigenen Garten stets gebraucht fühlen. „Immer wenn einem das Leben sinnlos vorkommt oder ganz besonders schwierig ist, kann man in den Garten gehen und da etwas ‚Nützliches‘ tun“, schreibt Arthur Miller. Dort darf man – so der österreichische Dichter Julian Schutting – „von Schwermut rasten“. Und nicht nur das: Der Garten ist auch ein Ort der Inspiration. Zahlreich sind die Geschichten von Menschen, die ihre besten Ideen oder lang gesuchte Lösungen finden, während sie ein Beet umstechen, Ranken aufbinden oder Unkraut jäten. So viel scheint festzustehen: Das Kontemplative der Gartenarbeit fördert die Kreativität – oder wie Julian Schutting es formuliert: „Was wäre eine bessere Einstimmung auf die Arbeit an Gedichten, als mit einer Harke Erde zu lockern, Erde um Rosenstöcke zu häufen?“

LINDERUNG FÜR ALLTAGSLEID.
Ein eigener Garten wirkt wie ein Stimmungsaufheller. Er holt einen zurück in die Gegenwart, ins Jetzt, und erlaubt es zugleich, in Erinnerungen zu schwelgen. Er ist das Urbild der Fürsorge – genau das ist es auch, was sich die Gartentherapie zunutze macht. Therapie- und Heilgärten haben eine lindernde Wirkung bei vielen Formen physischer und psychischer Krankheiten. Jeder, der einen eigenen Garten besitzt, hat sicher nicht die geringsten Schwierigkeiten, sich das vorzustellen. In ihrem wunderbaren Buch „Gartengeschichten“ schreibt die deutsche Schriftstellerin Eva Demski: „Er hat mich mehr als einmal gerettet, der Garten: die Dinge zurechtgerückt, mich zum Lachen gebracht, wenn mir zum Heulen war. Er bereitet mir Niederlagen, aber er tröstet mich, wenn die Welt mir welche bereitet.“

STÖRT DER MENSCH DIE NATUR?
Und doch ist es seltsam, dass wir Gärten schaffen, denn „das bedeutet, dass es Aspekte unserer Menschlichkeit gibt, für die die Natur natürlicherweise keinen Platz hat, für die wir inmitten der Natur Platz schaffen müssen“, schreibt Robert Harrison in seinem Buch „Gärten“, das den Untertitel „Ein Versuch über das Wesen des Menschen“ trägt. Harrisons Antwort: Obwohl Gärten uns näher an die Natur heranführen, markieren sie zugleich auch unsere Trennung von ihr und stehen darin für unser Bedürfnis nach einem eigenen schöpferischen Ausdruck. Gärten, so Harrison, künden von unserem „unbezähmbaren Drang zum Erschaffen, Ausdrücken, Gestalten und Verschönern“ und davon, dass das „Ausdrücken der eigenen Persönlichkeit ein menschliches Grundbedürfnis ist“.

GOTT KANN WARTEN.
Hat man das im Hinterkopf, leuchtet einem ein Gedankenspiel des tschechischen Schriftstellers und passionierten Gärtners Karel Čapek (1890-1938) gleich viel mehr ein, in dem es um das Verhalten des „Gärtner-Menschen“ geht: „Und käme er in den Garten des Paradieses, würde er berauscht den Atem einziehen und flüstern: ‚Herrgott, ist das ein Humus!‘ Ich glaube, er dächte nicht daran, vom Baume der Erkenntnis zu naschen; er würde eher zusehen, wie er unserm Herrgott einen Schubkarren voll paradiesischer Erde entführen könnte. Oder er würde bemerken, dass rund um den Baum der Erkenntnis der Boden nicht aufgelockert ist, und wahrscheinlich eifrig zu graben beginnen, ohne zu ahnen, was über seinem Kopf baumelt. ‚Adam, wo bist du?‘, würde der Herrgott rufen. ‚Ja, ich komme gleich‘, würde der Gärtner antworten, ‚ich kann jetzt nicht‘, und er würde weiterhin in der Baumscheibe herumarbeiten.“