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Erleben Frauen einen Rückschlag?

Keine Frau in der Oberösterreichischen Landesregierung. Islamische Religionslehrer, die Frauen als das schwache, schutzbedürftige Geschlecht sehen. Müssen Frauen sich sorgen, dass ihre bereits erreichten Rechte wieder beschnitten werden?

Schon wieder keine Frau auf dem Podium!“ Meine Freundin ist echt erzürnt und greift in die Tasten. Schreibt Mails und bekommt patzige Antworten. Man hätte leider keine Frau gefunden, die vorgesehene habe kurzfristig abgesagt. Und schließlich: Es gehe um die Sache und nicht um das Geschlecht. Diese Argumente kennen wir. Und dass es in der Oberösterreichischen Landesregierung bei neun Landesräten keine Vertreterin der größten Bevölkerungsgruppe gibt, sei eben so, weil es immer um die Besten gehe, weil die ÖVP halt eine blöde Bündelogik habe, weil die Regionalität wichtiger als das Geschlecht sei und so fort. Schließlich toppt noch der Chef der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Oberösterreich diese ganze seltsame Welt der Abwehrargumente: Er ist der Meinung – und er beruft sich auf den Koran –, dass Frauen eben das schwächere und daher schutzbedürftige Geschlecht seien. Was eine gewisse Überordnung, sprich Schutzaufgabe, des Mannes über die Frau rechtfertige. Willkommen in der Vergangenheit!

Als klar wurde, dass Oberösterreich mit einem Männerkabinett startet, war die Empörung vieler Frauen groß. Schnell suchten die Verantwortlichen zu beschwichtigen. Der Parteichef der ÖVP sagte zu, dass der nächste frei werdende Regierungsjob von einer Frau besetzt werde. Und wie geht es dann weiter? Frauen machen 52 Prozent der Bevölkerung aus. Die Hälfte von neun ist mindestens vier, sofern die Grundrechnungsarten noch stimmen. Der Chef des Koalitionspartners FPÖ scheint davon nichts zu halten. Er sagte in Interviews, dass er nicht einmal eine negative Stimmung der Frauen im Land wahrgenommen habe. Was entweder an seiner mangelnden Feinfühligkeit liegt oder am Verhalten der Frauen. Sind sie doch zu leise? Klar zeigt sich momentan, dass die sogenannte Frauenbewegung noch einige Schwächen hat. Sie hat einerseits erreicht, dass viele Institutionen Frauenförderung oder Gender-Mainstreaming in ihrer Agenda führen. Es gibt eine ganze Reihe von Instrumenten, Frauen zu fördern. Man denke an Mentoringprogramme; an Initiativen, die mehr Frauen und Mädchen in technische Berufe bringen wollen; an Kompetenzzentren für Familie und Beruf, an Frauengesundheitszentren und vieles mehr. In unterschiedlichen Formen gibt es sogar Frauenquoten und Selbstverpflichtungen, Frauen stärker zu fördern. 

Und dann gibt es noch eine ganze Reihe von Frauenklubs, Frauenvereinen, Frauenorganisationen, teils frei, teils innerhalb von Parteien und Interessenvertretungen organisiert. Als die einzige Frau aus dem Team der oö. Landesregierung gekippt wurde, zeigte sich aber deren Schwäche. Sie sind untereinander zu wenig vernetzt, können nicht in kurzer Zeit zu einer wahrnehmbaren öffentlichen Größe werden. Wer sich nicht laut wehrt, stimmt zu. Zumindest wird das in den Sphären der Macht so wahrgenommen. 

Es gibt keinen Zweifel, dass de facto keine Frau zurück in die Vergangenheit will. Frauenrechte sind unverzichtbar und dürfen nicht beschnitten werden, egal, wer sich dazu mit welchem religiösen oder weltanschaulichen Hintergrund eine andere Meinung zurechtlegt. Von dieser Basis ist auszugehen. Und auch Neuankömmlinge im Land werden dieser Basis zustimmen müssen, um sich gut integrieren und bleiben zu können.

Aber einiges ist noch zu lernen. Erste Lehre: Nichts, was sicher scheint, ist es auch. Wir müssen darum kämpfen. Zweite Lehre: Wer brav ist, bekommt nichts geschenkt. Frau muss sich auch trauen, etwas zu fordern. Dritte Lehre: Wer etwas will und bereit ist, dafür zu kämpfen, muss sich Verbündete suchen. In Sachen Frauen gibt es die bereits. Wenn es gelingt, die unterschiedlichen Frauenorganisationen zu einer überparteilichen Plattform zu sammeln, bekommt das auch gesellschaftlich ein Gewicht. Manche meinen, dass wir solch eine Plattform noch nicht haben, sei ein Problem mangelnder Frauensolidarität. Das sehe ich nicht so. Ich meine, es ist ein Problem mangelnder Erfahrung und Strategie, wie man miteinander kämpft. Zu oft meinen Frauen, wenn sie die Positionen anderer nicht hundertprozentig mittragen könnten, wäre eine Zusammenarbeit eben schwer möglich. Stimmt nicht. Wir müssen den kleinsten gemeinsamen Nenner suchen. Dann brauchen wir wie im guten Fußball eine Strategie mit Stürmerinnen, einem starken Mittelfeld, einer sicheren Abwehr, den Außenspielerinnen und unerschrockenen Torfrauen. 

„Wir schaffen das“, sagt Angela Merkel. Stimmt. Wir müssen es nur wollen.

Christine Haiden meint, dass wir nicht den Rückschlag beklagen, sondern den Kampfgeist stärken sollten.

Kommt ein Backlash?

  • Viele meinen, Anzeichen eines Rückschlags für die Sache der Frauen zu erkennen. Beispielsweise würden junge Frauen wieder damit kokettieren, sich nicht auf eigene Füße zu stellen, sondern an einen Versorger anzulehnen. 
  • In der Politik stagniert die Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen. Quotenregelungen werden dennoch von den meisten, auch Frauen, abgelehnt. 
  • Die Frauenbewegung der 1970er-Jahre ist im Wesentlichen in institutionalisierte Formen der Frauenförderung eingeflossen. 
  • Die große Zahl an Frauenorganisationen verfolgt sehr unterschiedliche Ziele. Selten engagieren sie sich gemeinsam, allzu schnell werden parteipolitische oder weltanschauliche Differenzen betont.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at