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Es fing alles mit der Tasche an
Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld

Das „Museum der Unschuld“, so auch der Titel des gleich vorgestellten Romans, gibt es für Sie alle zu besichtigen. Dann, wenn Sie in Istanbul sind. Dann, wenn Sie das Buch gelesen haben und sich auf alle ausgestellten Stücke freuen. Und dann, wenn Sie Freude am Spiel mit der Phantasie und die Unsterblichkeit einer grenzgenialen Sehnsucht nach einem Menschen verstehen. Dann ist man richtig im „Museum der Unschuld“ oder eben auch falsch, geht heim und ordnet seine eigenen Sammlungen der Erinnerungen. Dann passt es auch wieder.

„Das Museum der Unschuld“ des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk wurde vom Europäischen Museum Forum (EMF) als „Europäisches Museum des Jahres 2014“ ausgezeichnet: Es behält die von Henry Moore gestaltete Skulptur „The Egg“ für ein Jahr. Orhan Pamuk erzählt in seinem Roman „Das Museum der Unschuld“ vom Istanbul der 70-er Jahre, indem er von einer ungleichzeitigen Liebe erzählt. Kemal, verwöhnt, attraktiv, Kind der Oberschicht, hat die passende Verlobte, trägt die angesagte Kleidung und besucht die richtigen Lokale. Als er seiner Verlobten eine Tasche kaufen will, begegnet er Füsun, seiner weitschichtig Verwandten und verliebt sich in sie. Sibel, seine Verlobte, spielt in dieser Dreiecksgeschichte mit, Füsun heiratet einen anderen, Kemal verzweifelt.

Füsuns Ehemann, ein junger Künstler, nicht sehr erfolgreich, gibt sich begeistert von seinem neuen Gönner, während dieser immer wieder Gegenstände entwendet, vielleicht nennen wir es „ausborgen“: Alles, was seine ehemalige Geliebte berührte, vielleicht sogar kaufte und einige Male abstaubte, erregt Kemals Interesse. Es ist Treue, die den jungen Mann, der Geldsorgen nicht kennt, in der Firma seines Vaters in leitender Stelle arbeitet, dazu bewegt, Abende lang bei der Familie seiner Ex-Geliebten zu sitzen und fern zu sehen. So reicht es ihm, Zigarettenstummel zu sammeln, wenn er in ihrer Nähe rauchte, da ein Schüsselchen und dort ein Taschentuch mitzunehmen: Liebe, die zwar erwidert, aber nicht gelebt werden kann, lässt auch LeserInnen leiden. Erzählte Zeit: 8 Jahre, unzählige Fernsehabende sowie ein wachsender Bestand an Ausstellungstücken.

Nach acht Jahren waren wir zum erstenmal wieder zu zweit unterwegs. Natürlich war ich sehr glücklich darüber, aber mehr noch war ich aufgeregt und nervös. Obwohl ich endlich wieder mit dem Mädchen zusammen war. Mit dem ich so vieles durchgemacht hatte, kam es mir eher so vor, als würde ich zum erstenmal mit einer Heiratskandidatin zusammentreffen, die andere für mich ausgesucht und mir als die perfekte Frau empfohlen hatten.

Es war Kemals Feigheit auf der Verlobungsfeier mit Sibel, die seine Geliebte so tief getroffen hat: Standesunterschiede, Istanbul in seiner Veränderung, ein Dandy, der zu einem tragischen Liebhaber wird, das sind die Zutaten dieses großen Liebesromans. Das tragische Ende klingt ab der ersten Begegnung durch: Kemal führt als Ich-Erzähler wie ein Museumsdiener durch sein Leben, seine Versäumnisse und seine vitalen Sehnsüchte. Diese große Liebesgeschichte fordert ihr dramatisches Ende ein: Kemal bleibt zurück und fällt in seinen Hort der Erinnerungen, „Das Museum der Unschuld“.

Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld
Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
München: Hanser 2008

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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