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Es ist gut, wie es ist!
Maria, 68, war zuerst total geschockt, als sich ihr Sohn als homosexuell outete. Aus mütterlicher Sorge.

Wie ein stummer Gast kam mein Sohn jedes Wochenende aus dem Internat. Teilnahmslos und ganz schwarz gekleidet. Auf meine wiederholten Fragen, was denn los sei, bekam ich zwei Jahre lang dieselbe stereotype Antwort zu hören: „Es ist nix, Mama.“ Bis wir eines Abends alleine zu Hause waren. Da brach es aus dem 17-Jährigen heraus: „Mama, ich bin homosexuell.“ Ich war völlig ahnungslos gewesen. Mein Sohn, Schwarm aller Mädchen. Sein Outing war wie ein Hammerschlag. Mein erster Gedanke? Damit wird er es im Leben nicht leicht haben. Das hätte ich ihm gerne erspart. Mein zweiter Gedanke war: „Wieso hat er mir nicht früher davon erzählt?“ Ich nahm ihn fest in die Arme. Und flüsterte ihm unter unser beider Tränen ins Ohr: „Es ist gut, das schaffen wir!“

Als seine erste Vertraute versprach ich meinem Sohn, am nächsten Tag seinen Vater über seine Homosexualität aufzuklären. Doch noch am gleichen Abend, im Bett, platzte es aus mir heraus. Ich hätte sonst nicht schlafen können. Und was glauben Sie, sagte mein Mann? Er schloss mich liebevoll in die Arme und meinte ganz lakonisch: „Na und?“ Da wusste ich wieder einmal, warum ich meinen Mann so sehr liebte.

Ich denke, jeder soll die Freiheit haben, seine Neigungen zu leben. Unser Sohn hat seine Veranlagung nie als negativ empfunden. Wie würde mir da irgendeine Form von Beurteilung oder gar Verurteilung zustehen? Es ist sein Leben.

Mir fällt es jetzt nicht mehr schwer, zu sagen: „Mein Sohn lebt mit einem Mann zusammen!“

Ich weiß, dass diese tolerante Einstellung gerade in unserer Generation noch gar nicht selbstverständlich ist. Gott sei Dank hat sich aber in der gesellschaftlichen Meinung sehr viel zum Positiven geändert. Das Tabuthema „Homosexualität“ hat Risse bekommen. Die sexuelle Orientierung sollte in der Begegnung mit Menschen doch keine Rolle spielen. Mein Sohn würde an dieser Stelle aus eigener Erfahrung hinzufügen: Je ungebildeter Menschen sind, desto unreflektierter sind ihre Vorurteile. Und sein Lebenspartner, mein Schwiegersohn, würde ihm beipflichten, denn er hat in seiner Familie jahrelang viel Ablehnung ertragen müssen.

Durch unser vielseitiges Engagement sind mein Mann und ich zu öffentlichen Personen geworden. In einer Stadt mit nur 17.000 EinwohnerInnen. Doch nie in all den Jahren ist einer von uns mit diskriminierenden Bemerkungen oder Herabwürdigungen wegen der sexuellen Ausrichtung unseres Sohnes konfrontiert worden. Zuerst war ich vorsichtig, wem ich von meinem schwulen Sohn erzählte. Nach einigen Auslandsjahren und einer in die Brüche gegangenen Beziehung ist er wieder nach Österreich gekommen. Und hat bald darauf seinen jetzigen Lebenspartner kennengelernt. Der Tag ihrer Verpartnerung war einer der schönsten Tage in unserem Leben.
Manchmal, wenn ich bei ihnen zu Besuch bin, muss ich staunend in mich hineinschmunzeln. Denn mein heute 37-jähriger Sohn managt Küche, Haus und Garten und unterstützt sehr kreativ seinen Mann bei dessen erfolgreicher Berufstätigkeit. Meiner Meinung nach verwöhnt er ihn manchmal zu sehr. Was die Aufteilung der Rollen betrifft, leben sie eine sehr traditionelle Beziehung. So wie sie Frauen zunehmend weniger leben wollen. Das sagt auch meine ältere Tochter, die mit ihrem geliebten „kleinen“ Bruder gerne heftige Diskussionen darüber führt.


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2013 – von Michaela Herzog