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Es ist immer zu früh!
Als ihre Eltern kurz hintereinander starben, meinte Veronika, 42, in ihrer Trauer zu versinken.

Mama, wann war die Französische Revolution?“ „Papa, wann sollen Apfelbäume geschnitten werden?“ „Mama, wie mache ich einen Germteig?“ Mein Leben lang hatte ich Fragen an meine Eltern. Und bekam immer eine Antwort. Als Zweite in der Geschwisterreihe von fünf Kindern wohnte ich lange zu Hause, heiratete spät. Mit meinem Mann zog ich in den nur drei Kilometer vom Elternhaus entfernten Nachbarort.

Papas Krebsdiagnose traf wie aus dem Nichts mitten in einen vollen, gesunden Sommer. Trotz der erfolgreichen Operation starb er unerwartet vier Wochen später. Die Trauerbegleitung in unserer Pfarre half mir, mich in meinem Schmerz nicht so einsam zu fühlen. Trotz meines unterstützenden Umfeldes musste ich lernen, mit meinen Tränen und Erinnerungen allein umzugehen. Bücher zum Thema „Trauer“ sind mir bis heute eine Quelle für Tränen und Trost.

Meine Eltern waren fast 45 Jahre verheiratet. Für Mama war es anfangs nicht leicht, in dem großen Haus allein zu sein. Mehrmals am Tag rief sie mich an, wegen alltäglicher Kleinigkeiten. Der Verlust des Lebenspartners ist mit dem Fehlen des Vaters nicht vergleichbar. Über seinen Tod haben wir nicht sprechen können.

Was meine Eltern alles geleistet haben, ist mir erst nach ihrem Tod bewusst geworden.

Am ersten Sonntag im März wollten Mama und ich uns zum Suppenessen treffen. Doch ein Auto überrollte sie direkt vor dem Pfarrhaus. Ihr Zustand sei nicht lebensbedrohlich, sagte der Notarzt. Doch Stunden später konnte mir der Unfallchirurg nur mehr den Zeitpunkt ihres Todes nennen.

Ich stand total unter Schock. Es konnte einfach nicht wahr sein. Als schlimmste Phase erlebte ich in der ersten Woche nach ihrem Tod das Aufwachen. Jeden Morgen die Gewissheit: Nein, das habe ich nicht geträumt, Mama ist tot. Sie kommt nie wieder. Wie gut, dass mich mein Mann dann tröstend in seine Arme nahm.
Mit Mamas Tod wachte ich schmerzhaft aus der kindlichen Vorstellung auf, dass Eltern unsterblich sind. Ihr Sterben passiert immer zu früh, unabhängig davon, wie alt sie sind und wie alt ich als ihr Kind bin. Ich bin nun endgültig erwachsen geworden. Und meine eigene Endlichkeit ist näher an mich herangerückt. Der Unterschied zwischen Wichtigem und Unwichtigem hat sich noch mehr verschärft. Materielle Dinge sind für mich noch bedeutungsloser geworden. Ich weiß jetzt, dass nur wenige Menschen über Tod und Trauer sprechen können.

Ich habe mit dem Ausräumen des Elternhauses begonnen. Täglich finde ich Briefe, auch aus den Jahren vor meiner Geburt. Ich staune, dass ich vieles über sie – beide waren Entwicklungshelfer in Bolivien -, die ich ein Leben lang gekannt habe, nicht weiß. Ich trauere über die Unmöglichkeit, sie nicht mehr fragen zu können. Durch die eigene Elternschaft ist mir und meinen Geschwistern bewusst geworden, wie viel Arbeit, Kraft und Liebe Papa und Mama für unsere Familie aufgewendet haben.

In meine Traurigkeit beginnen sich zunehmend Dankbarkeit und Stolz auf meine Eltern zu mischen. Doch mein innerer Impuls „Jetzt ruf ich Mama an, das muss ich ihr erzählen!“ treibt mir immer noch die Tränen in die Augen.


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2013 – von Michaela Herzog