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Es sind doch unsere Kinder!
Gibt es Traurigeres als müde, erschöpfte Kinder? In Sibirien sieht man sie öfter, als einem lieb ist. In abgewohnten Plattenbauten, auf engstem Raum mit Nachbarn und Geschwistern oder im Gefängnis, wo ihre Mütter einsitzen. Wo das Leben die Erwachsenen über das hinaus fordert, was sie bewältigen können, brauchen Kinder erst recht Hilfe. Caritas und Welt der Frau unterstützen daher die Mütter in Sibirien, damit es den Kindern besser geht.

GROßE WUNDER SIND MEIST GANZ STILL. Als Anna das Bild ihrer schlafenden Tochter Gloria sieht, steigen Tränen in ihre Augen. Seit der Entbindung hat sie ihre Tochter nie schlafend gesehen. Nun flimmert das Bild ihres schlummernden Kindes auf der großen Leinwand. Mitarbeiterinnen des Säuglingsheimes haben es als Überraschung vorbereitet. Annas Bett steht im Häftlingstrakt, Glorias in der Kinderstation des Frauengefängnisses im sibirischen Tscheljabinsk.

Noch vor zwei Jahren mussten Mütter wie Anna an der Tür des Kinderheimes warten. Dann händigten ihnen Pflegerinnen das fertig adjustierte Kind aus und sie durften zwei Stunden im Gefängnishof zusammen spazieren gehen. Seit die neue Chefärztin im Dienst ist und die Caritas-Mitarbeiterinnen regelmäßig ins Gefängnis kommen, hat sich vieles geändert. Aus der Krankenstation für Kinder wurde eine echte Betreuungseinrichtung. Das alte, desolate Gebäude wurde saniert. Hockten die Kinder früher ohne Spielzeug auf dem blanken Linoleumboden, werden sie heute liebevoll von Pädagoginnen betreut. Die Mamas der Kleinen verbringen regelmäßig die Nachmittage mit ihren Sprösslingen. Sie lernen dabei ihre Kinder kennen, sich selbst und vielleicht auch neue Perspektiven für das Leben nach der Haft.

EINEN WEG EBNEN. »Die Frauen hier stehen an einem Wendepunkt ihres Lebens. Es ist wichtig, dass sie den richtigen Weg finden«, sagt Natalia Gas. Die ärztliche Leiterin der Kinderstation im Gefängnis Nummer 5 von Tscheljabinsk hat vor allem eines: viel Geduld – und einen starken Glauben. Beides kann man gut brauchen, wenn man mit Menschen zu tun hat, die von der Butterseite des Lebens keine Ahnung haben, dafür aber mit Drogen, Gewalt, Kriminalität und Obdachlosigkeit vertraut sind. Menschen wie Anna: 30 Jahre alt, zum zweiten Mal in Haft, dieses Mal wegen Raub. Tochter Gloria war bei der Geburt sehr schwach. Die Caritas sorgte mit ihrem »Baby-Hilfsfonds« für die notwendigen Medikamente, um die Kleine aufzupäppeln.

Gloria kam im Gefängnis zur Welt. Wenn sie drei Jahre alt ist, wird ihre Mama noch für zwei Jahre hinter Gittern bleiben müssen. Gloria wird in ein städtisches Kinderheim übersiedeln. Ihre Mama wird sie dann, hoffentlich, nach Ende ihrer Haft abholen. Wenn sie eine Adresse hat, wohin sie reisen kann. Zu ihrer Mutter nach Krasnojarsk? Zwölf Zugstunden entfernt? Am Entlassungstag werden Natalja oder Tatjana, die Mitarbeiterinnen der Caritas, vor den Gefängnistoren auf Anna warten. Sie werden ein Zugticket, Kleidung und Essen für die Reise mitbringen. Sie werden gemeinsam Gloria abholen. Wird sie ihre Mama erkennen? Dann wird die kleine Gruppe Richtung Bahnhof fahren und die Stunden bis zur Abfahrt des Zuges gemeinsam zubringen.

NEUE SOZIALARBEIT GESTALTEN. »Noch lieber wäre uns, wenn Frauen wie Anna nach der Entlassung eine Zeit in unserem Mutter-Kind-Heim wohnen würden. Damit sie sich wieder aneinander gewöhnen und alle Weichen für das gemeinsame weitere Leben mit unserer Hilfe stellen«, sagt Schwester Elisabeth Jakubowitz. Sie ist Caritas-Direktorin der Diözese Westsibirien. Diese ist die Kleinigkeit von 4,2 Millionen Quadratkilometern groß und erstreckt sich vom Ural bis nach Krasnojarsk, von Kasachstan bis zum Nordpol.

Die gebürtige Deutsche, Franziskanerin von Aachen, entwickelt Zug um Zug eine nachhaltige Sozialarbeit in dem unvorstellbar großen Land. Dabei zählt sie besonders auf lebendige Pfarrgemeinden wie jene in Tscheljabinsk. Alle Caritas-Mitarbeiterinnen sind aktive Christinnen. Das macht in einem Land wie Russland einen großen Unterschied. Wo soziale Probleme lange Tabu waren und über Gefängnisse öffentlich kaum geredet wurde, braucht es einiges an Überzeugung, gerade Häftlinge zu besuchen und ihnen zu helfen. Einmal die Woche verbringen Caritas-Mitarbeiterinnen einen Tag im Frauengefängnis. Sie haben eine sogenannte Mütterschule eingerichtet. »Viele der Frauen haben selbst nie Mutterliebe erlebt. Wir machen sie langsam mit ihren Kindern vertraut und unterstützen sie dabei, eine echte Bindung aufzubauen«, sagt Schwester Elisabeth Jakubowitz.

EINE SCHWIERIGE GESCHICHTE. Tscheljabinsk ist eine Industriestadt jenseits des Urals. Eine Million Einwohner leben in einer Stadt, die großteils aus Plattenbauten besteht, die erst in den vergangenen Jahrzehnten aufgezogen wurden. Die Schwerindustrie prägt den Ort, nicht nur mit Emissionen, deren Werte man besser nicht kennt. Jenseits des Urals war Russland wegen der dort angesiedelten militärischen Forschung und Rüstungsindustrie lange Sperrzone. Nach dem Ende des Sowjetsystems blieben im Übergang zum Kapitalismus viele Schwächere auf der Strecke. Viele Tausend Kinder wurden in Heimen abgegeben, weil die Eltern dem Alltag nicht mehr gewachsen waren. Diese Generation bekommt nun Kinder. Oft sehr früh und oft ohne in der Lage zu sein, für diese wirtschaftlich und emotional zu sorgen. Gesellen sich dazu noch Arbeitslosigkeit und Gewalt in der Familie, wird die Mischung explosiv.

ALLEINE DURCHKOMMEN. Sascha stapft mit breitem Gang auf die Tür zu und strahlt die Besucherinnen an. »Schätzchen!«, ruft ihn seine Mutter, »bleib da!« Irina schnappt ihren Sohn und geht mit ihm in die Küche. Seit drei Monaten lebt sie im Mutter-Kind-Haus der Caritas. Das Zimmer ist einfach möbliert, ein Bett, ein Kasten, ein Spiegel. Das ist dennoch mehr, als Irina zuvor ihr Eigen nannte. Irina hatte einen guten Job in der Polyklinik und ein Untermietzimmer.

Dann wurde sie schwanger. Der Kindesvater wollte den Nachwuchs nicht, Irina schon. Nach sieben Abtreibungen – Verhütungsmittel konnte sie sich nicht leisten, Abtreibungen gibt es gratis – wollte die  27-Jährige endlich ein Kind. »Dann musst du alleine schauen, wie du durchkommst«, verabschiedete sich ihr Freund. Aber auch Mutter und Großmutter hatten keine Freude mit dem Familienzuwachs und versagten Irina jede Unterstützung. Als dann auch noch die Vermieterin den Mietzins hinaufsetzte, kam Irina ohne Dach über dem Kopf an: Endstation Straße, Notschlafstelle für Obdachlose, mit Baby. Die Caritas nahm sie schließlich auf. Nun kocht Irina für die gesamte Belegschaft des Mutter-Kind-Hauses, putzt, wäscht und schmiedet Lebenspläne: ein Zimmer, einen Job, einen guten Mann vielleicht, sie hält ihre Wünsche »flach«.

UNTERSTÜTZUNG IM ALLTAG. »Die Träume von einer Familie und einem guten Leben scheitern meistens ganz schnell«, weiß Natalia Iwanowna. Die Leiterin der Caritas in Tscheljabinsk hat schon viele Frauen begleitet auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Die Gegenwart ist hart genug, beispielsweise für Sina. Sie ist eine kräftige 30-Jährige mit zwei Kindern, Olga und Aljoscha. Die achtjährige Olga ist ein aufgewecktes Mädchen. Aljoscha ist aufgrund eines ärztlichen Fehlers bei der Geburt schwer behindert.

Sina gehören zwei Zimmer in einer abgewohnten Plattenbauwohnung. Eines davon hat sie vermietet. Zusammen mit der Kinderbeihilfe ergibt das ein leidliches Auskommen. Aber es reicht nicht für Medikamente und Therapien für ihren Sohn. An Berufstätigkeit ist nicht zu denken, wenn sie Aljoscha nicht in einem Kinderheim abgeben möchte. Viele andere an ihrer Stelle hätten das schon getan. »Meine Mutter hat mich sehr geliebt, deswegen habe ich auch die Kraft, meine Kinder so zu lieben«, sagt Sina. Die Caritas-Mitarbeiterinnen helfen ihr mit Medikamenten immer wieder aus. Ob sie gemeinsam auch erreichen, dass Sina eine ebenerdige Wohnung bekommt, damit sie Aljoscha, der nicht gehen kann, nicht immer in den dritten Stock hinauf tragen muss?

HILFE IM EINZELFALL. Sibirien ist nicht nur ein weites Land, es bedrückt mit der Fülle an Schicksalen. In jedem Haus immer noch eine Frau, die irgendwie versucht, durchzukommen. Irina hat mit ihrer vierjährigen Tochter und einem vier Wochen alten Säugling eine Abstellkammer bezogen. Ein Zimmer ohne Adresse, aber immerhin mit einer Heizung. Wenige alte Möbel füllen den Raum, das einzige Schlafmöbel ist ein durchgesessenes Ausziehfauteuil. Darauf schläft Tochter Katja, im Gitterbett daneben Baby Darja und auf dem Boden die Mutter. »Wie lange werden wir noch bleiben können?«, fragt Irina.

Der Vater ihrer älteren Tochter wurde drogensüchtig und hat sie verlassen. Der Vater ihrer zweiten Tochter wollte von einem Kind nichts wissen. Auch Irina hatte kein Dach mehr über dem Kopf. Eine Caritas-Mitarbeiterin verschaffte ihr schließlich im Plattenbau die Notwohnung. Einzige Bedingung: Irina muss das Stiegenhaus putzen und den Hof kehren. Zweimal die Woche. Seit das Baby da ist, gestaltet sich das schwierig. Einmal versuchte Irina nachts zu putzen, während die Kinder schliefen. Aber Katja wurde wach und will die Mama seither nicht mehr weglassen. Nun schrubbt sie die abgetretenen Stufen, während Katja im Kindergarten ist. Das Baby stellt sie einstweilen in der Tragetasche auf den Treppenabsatz. »Wollen Sie zu uns ins Mutter-Kind-Haus kommen?«, fragt Schwester Elisabeth Jakubowitz. »Was müsste ich da tun?«, erkundigt sich Irina. Sie bleibt etwas skeptisch. Das Zimmer hat sie zumindest sicher. Was, wenn man sie bei der Caritas nicht behält? »Viele Frauen haben schon so viel durchgemacht, dass es einiges braucht, um ihr Vertrauen zu gewinnen«, sagt die Caritas-Direktorin. Ob Irina vielleicht einfach eine kostenlose Kinderbetreuung nützen würde, damit sie wieder arbeiten und Geld für ihre Familie verdienen kann? »Sollten wir im Mutter-Kind-Haus eine Art Hort anbieten?«, fragt Schwester Elisabeth ihre Kollegin.

WEITER IN DIE ZUKUNFT. Mit dem Caritas-Bus geht es zurück in die Pfarre. Vorbei an rauchenden Schloten und Hochöfen, an vielen Plattenbauten, vorbei an knatternden Autobussen und Menschen, die geduldig an den Stationen auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. So etwas Ähnliches ist es wohl auch, was die Caritas den Frauen anbietet. Die Chance, voranzukommen, neue Ziele anzusteuern, nicht am Rand vergessen zu werden.

HILFE FÜR FRAUEN UND KINDER IN SIBIRIEN

Tscheljabinsk ist eine graue Industriestadt im Westen Sibiriens. Wo acht von zehn Ehen geschieden werden, jedes dritte Kind außerehelich zur Welt kommt und Frauen ab 35 auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten, summieren sich die Probleme für die Schwächsten.
Die Caritas Tscheljabinsk betreut daher besonders sozial schwache Frauen und ihre Kinder. Mit einem »Baby-Hilfsfonds« werden Nahrungsmittel, Medikamente und Kleidung finanziert. Ein Mutter-Kind-Heim bietet zwölf Frauen und ihren Kindern vorübergehend Wohnung und Betreuung. Besonders intensiv werden Mütter betreut, die aus der Haft entlassen werden und mit ihren Kindern ein neues Leben aufbauen möchten.

Welt der Frau finanziert in Tscheljabinsk seit 2010 die Hilfe für Mütter und Kinder in Not. Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende auch 2011 wieder. IBAN AT24 2032 0025 0001 1115, BIC ASPKAT2LXXX. Danke!