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Es wird Zeit für eine Bundes­präsidentin
Viele hätten sich die im Sommer verstorbene Präsidentin des Nationalrates, Barbara Prammer, gut als erste Frau im Amt der Bundespräsidentin vorstellen können. Geht die nächste Wahl 2016 wieder an einen Mann?

Was muss eine Frau können, die sich eignet, erste österreichische Bundespräsidentin zu werden? Wir erinnern uns. Kandidatinnen für das höchste Amt der Republik gab es schon mehrere. Freda Meissner-Blau, die 1986 von einem überparteilichen Komitee, aber als Testlauf für die in Gründung befindlichen Grünen nominiert wurde. Die als Kämpferin für die Hainburger Au und Moderatorin von „Club 2“ bekannte Journalistin errang einen Achtungserfolg. Benita Ferrero-Waldner, Kandidatin der ÖVP 2004, unterlag Heinz Fischer. Das Argument, man müsse ihr als erster Frau mit echten Chancen die Stimme geben, zog nicht. Viele prononciert Linke sprachen sich für Heinz Fischer aus. Dass Ferrero-Waldner als Außenministerin ihre Sache schon gut gemacht hatte, reichte nicht. Heide Schmidt, die zweimal zur Wahl antrat, landete jedes Mal abgeschlagen. Und Gertraud Knoll, die Superintendentin als Kandidatin der Grünen? Fast schon vergessen.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen: Frausein ist kein Programm und das „richtige“ Geschlecht reicht nicht, um eine Wahl zu gewinnen. Im Zweifelsfall spielt die parteipolitische Färbung der KandidatInnen für das Amt des Bundespräsidenten doch eine Rolle. Jene, die eine große, gut organisierte Partei im Rücken haben, erhöhen ihre Chancen beträchtlich.
Barbara Prammer hatte sich als Nationalratspräsidentin große Sympathien erarbeitet. In den Nachrufen anlässlich ihres viel zu frühen Todes wurde herausgearbeitet, was sie darin ausgezeichnet hat: Sie hat die Interessen des Parlaments vertreten, nicht in erster Linie parteipolitische. Sie hat sich ernsthaft um mehr Demokratie in Österreich bemüht und entsprechende Initiativen gesetzt. Persönlich galt sie als integer, nicht auf den eigenen Vorteil bedacht. Sie hatte sich, wenn man so will, in Richtung einer moralischen Autorität entwickelt. Ist das die wichtigste Eigenschaft, die ein Bundespräsident, eine Bundespräsidentin in Österreich besitzen sollte? Genug Integrität, Einsatz für das Gemeinwohl und persönliche Bescheidenheit, um dem Land gelegentlich glaubwürdig die Leviten lesen zu können, wie es Rudolf Kirchschläger etwa tat?
Wer sich umblickt, ob irgendwo am weiblichen Horizont eine sichtbar würde, die anstelle von Barbara Prammer 2016 an die Spitze des Landes gewählt werden könnte, schaut ins Leere. Immer wieder wird Barbara
Coudenhove-Kalergi genannt, der man offenkundig ähnliche Eigenschaften attestiert. Mit dann schon bald Mitte 80 wird sie nicht ernsthaft in Betracht kommen. Die neue Nationalratspräsidentin Doris Bures hat es bisher noch nicht aus der engen parteipolitischen Verbundenheit in eine Art überparteiliche Instanz geschafft. Ob da die kommenden zwei Jahre
reichen?
Wieder einmal zeigt sich, dass Menschen die Chance haben müssen, sich öffentlich zu profilieren, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Es rächt sich, dass so wenige Frauen breiter bekannt sind. Das hat seinen Grund nicht nur in mangelnder Frauenförderung der politischen Parteien. Es hängt auch mit einer weitgehend männlichen Öffentlichkeit im Bereich der Interessenvertretungen zusammen. Keine einzige nennenswert große Organisation wird in Österreich von einer Frau geleitet, von ÖGB bis ÖAMTC – von der katholischen Kirche ganz abgesehen. Außerdem unterschätzen viele Frauen die Kraft der Symbolik, die mit öffentlichen Aufgaben verbunden ist, und bewerben sich zu wenig energisch oder werden aus den eigenen Reihen zu wenig unterstützt.
Gibt es noch eine Chance, einer Frau zu öffentlicher Reputation zu verhelfen, um sie als Kandidatin für die Nachfolge von Heinz Fischer in Position zu bringen? Nehmen wir die politischen Parteien aus, bliebe nur ein Weg: Die zahlreichen Frauenorganisationen sollten sich rasch zu einem Brainstorming treffen, um eine oder mehrere Frauen zu finden, deren Nominierung 2016 von einer überparteilichen Plattform unterstützt werden könnte. Es mangelt nicht an geeigneten Frauen, davon bin ich überzeugt, sondern daran, dass zu wenige öffentlich bekannt sind. Nichts gegen Männer, aber nach zehn Bundespräsidenten haben sie ihre Chance reichlich gehabt. Schon als Zeichen in Europa würde es Österreich guttun, endlich mit einer Frau im höchsten Amt des Staates zu glänzen. Also, wen würden Sie nominieren?

 

Christine Haiden meint, Frauen müssen jetzt aktiv werden für die Bundes­präsidentenwahl 2016.

Wer wird Bundespräsident?

  • Die Republik Österreich hatte bisher zehn Bundespräsidenten an ihrer Spitze. Zwei von ihnen waren sogenannte Parteilose.
  • Der Präsident wird direkt vom Volk gewählt. Die Amtszeit beträgt sechs Jahre, eine einmalige Wiederwahl ist möglich. Das Amt umfasst viele repräsentative Aufgaben, aber auch den Oberbefehl über das Bundesheer und die Inkraftsetzung der Gesetze, die das Parlament beschlossen hat.
  • Seit 2004 ist Dr. Heinz Fischer Präsident der Republik Österreich. Seine Amtszeit wird 2016 enden. Fischer kann nicht noch einmal antreten.
  • Seit den 1980er-Jahren haben sich mehrfach Frauen um das höchste Amt im Staat beworben. Bisher konnte sich keine gegen ihre Mitbewerber durchsetzen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/14 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at