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Familien im Modernisierungsstress?
Seit 20 Jahren untersucht Paul M. Zulehner, wie Männer und Frauen sich in ihrem Selbstverständnis entwickeln. Anhand seiner neuesten Befunde fragen er und Petra Steinmair-Pösel, ob die Gleichstellung in einer Sackgasse gelandet ist.

Ich gestehe, dass ich leichten Unmut empfinde bei der Frage, ob sich die Gleichstellung in der Sackgasse befinde. Warum Sackgasse? War die Entwicklung denn grundlegend falsch? Ich bin auch etwas irritiert, wenn Gleichstellung als Hauptmotiv für die Erschöpfung in den Familien genannt wird. Kann das stimmen?

Ein Blick in das Buch der Theologin Steinmair-Pösel und des Theologen Zulehner zeigt schnell eine differenziertere Weltsicht. Auch die medial kolportierte Müdigkeit von Männern und Frauen, ihre Rollen zu verändern, stellt sich vielschichtiger dar.

Die empirischen Daten der beiden Sozialforscher mit kirchlichem Background zeigen, was auch die Wahrnehmung im eigenen Umfeld ist: Die Hauptlast der Veränderung tragen nach wie vor Frauen, die Hauptangst vor Veränderung haben nach wie vor Männer. 61 Prozent der Männer fürchten gravierende Nachteile im Beruf, wenn sie sich Karenzzeiten oder für die Pflege Angehöriger Auszeiten nehmen.

Dass auch Frauen diese Nachteile haben, wird in Kauf genommen, zumindest von den meisten Frauen. Zulehner und Steinmair-Pösel versuchen Typen zu bilden, um ihre Daten lesbar zu machen. Die Kohorte der „Modernen“ wird als jene gesehen, die eine weitgehende Gleichstellung von Männern und Frauen in beruflichen und privaten Angelegenheiten befürworten.
Die Gruppe der „Traditionellen“ sieht den Mann als Familienernährer und die Frau als Erzieherin der Kinder mit entsprechend weitgehendem wechselseitigem Ausschluss aus den Welten Beruf und Familie. Dazwischen sind die „Pragmatischen“ angesiedelt. Sie versuchen irgendwie durchzukommen. Meist sind hier beide Partner berufstätig, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Unterstützung durch außerhäusliche Kinderbetreuung, sei es familiär oder öffentlich, wird, soweit vorhanden, in Anspruch genommen. Das Zeitkorsett ist spürbar eng.

Der Modernisierungsstress wächst laut Zulehner und Steinmair-Pösel. Die Studie der beiden konzentriert sich, wie vieles, was zum Thema „Gleichstellung“ erhoben wird, noch immer sehr auf die Rolle der Frauen, deren Ansprüche und Theorien. Die Konkurrenz zwischen Frauen, die sich zuerst als Berufsfrauen sehen, und jenen, die sich zuerst als Familienfrauen sehen, wird als große Konfliktzone wahrgenommen.

Dass es diese Bruchlinie bei Männern nicht gibt, kann man auch so interpretieren, dass es dort noch kein ausgeprägtes neues Rollenverständnis gibt. Männer sind offenbar noch immer grundsätzlich berufsorientiert. Die entsprechenden Zahlen aus dem Fundus von Steinmair-Pösel und Zulehner sind eher erschreckend. Im Vergleich zu vor zehn Jahren beschäftigen sich Männer durchschnittlich weniger mit ihren Kindern – ausgenommen jene mit einem „modernen“ Rollenverständnis –, sie machen auch im gemeinsamen Haushalt nur wenige ausgewählte Arbeiten.

Grundsätzlich meine ich, dass die Gleichstellung nicht in der Sackgasse, sondern an einer Gabelung angelangt ist. Es stellt sich die Frage, ob wir weitergehen wollen oder nicht. Die Wegzeiger stehen bei der einen Straße in Richtung Veränderung der Männerrolle, wenn Frauen nicht zurück in die alten Muster und Risiken wollen. Denn das darf nicht übersehen werden: Auch bei den „Pragmatischen“ tragen die Frauen das Hauptrisiko. Sie arbeiten weniger gegen Bezahlung, erwerben weniger Versicherungszeiten und haben im Fall einer Scheidung gravierendere finanzielle Nachteile. Frauen sind wohl eher deswegen bereit, pragmatisch zu agieren, weil sie auch eine halbwegs erträgliche Lebensqualität suchen.

Die Gleichstellung scheint mir nach wie vor ein lohnenswertes Ziel. Offenkundig braucht es aber noch eine Änderung in den Haltungen. Im beruflichen Bereich wird die Angst der Männer vor Nachteilen, wenn sie sich um ihre Familie kümmern, nur dann kleiner, wenn ein erheblicher Anteil der Männer tatsächlich in Karenz geht. Die Soziologie weiß, dass es mindestens ein Drittel sein muss, damit dieses Verhalten als „normal“ gilt. Die Politik sollte meiner Einschätzung nach gezielt Anreizsysteme für Männer schaffen. Außerdem muss Familie auch im Beruf ein Thema sein dürfen. Wer will sich schon ständig als getrenntes Wesen sehen? Wir haben den Wunsch nach Ganzheitlichkeit. Wenn wir dem näher kommen, wird der Stress kleiner.

Im Zeitkorsett

  • Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner und die Sozialethikerin Petra Steinmair-Pösel konstatieren in ihrem neuen Buch „Gleichstellung in der Sackgasse?“ (Styria Premium) schon im Untertitel: „Frauen, Männer und die erschöpfte Familie von heute“.
  • Sie berichten, dass die Zahl der „modernen“ Frauen und Männer in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen sei. Gestiegen sei die Zahl der „Pragmatischen“. Diese versuchten, sich so gut wie möglich zwischen Beruf und Familie einzurichten.
  • Meist mit einem traditionellen Anteil, indem die Frauen den Großteil der Pflegearbeit übernehmen, und einem modernen, indem Frauen auch berufstätig sind. Männer bewegen sich in ihren Rollen wesentlich weniger.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/14 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at