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Die alte Frage stellt sich immer wieder neu: Prägt uns die Zeit, in der wir leben, mehr als das familiäre Vorbild? Wandern auf den Spuren von Großmutter, Mutter und Töchtern.

Wenige Worte erzeugen solche Emotionen wie diese: „Wie deine Mutter!“ Das kann von einer älteren Tante freudvoll ausgerufen sein und meinen: „Sie hatte auch so blaue Augen und blonde Haare. Du bist schön und siehst ihr ähnlich.“ Oder der Nachbar, den du am Nachhauseweg im Auto mitnimmst, will damit dankbar ausdrücken: „Du bist so hilfsbereit und freundlich wie sie.“ Aber dann gibt es auch das vom Partner in geladener Atmosphäre gezischte „Wie deine Mutter!“. „So unnachgiebig, so streitsüchtig, so nachtragend“, will er damit sagen. Und in diesem Moment möchtest du den Vergleich so nicht stehen lassen, denn dir kommen selbst die Konflikte mit deiner Mutter und ihre schwierigen Seiten in den Sinn.

Wo ansetzen bei einer so komplexen und gefühlsbehafteten Bindung wie der zur eigenen Mutter? Und welche Rolle spiele ich selbst als Mutter von Töchtern? Meine Mutter ist 80 Jahre alt, meine Töchter sind 25 und 27. Wir sind einander nahe, und doch gibt es Momente, in denen wir die andere nicht verstehen, in denen wir unter ihrem Denken und Handeln leiden. Da hilft es, ein Stück Distanz zu wahren und an eine den Indianern zugeschriebene Weisheit zu denken: „Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.“ In den Schuhen der anderen gehen – lass es mich ausprobieren. 

Meine Mutter wurde 1934 geboren, der große Krieg stand vor der Tür. Als er vorbei war und der Vater endlich heimkehrte, waren die Eltern einander fremd geworden – mit elf Jahren wurde meine Mutter zum Scheidungskind. Mit 13 wurde sie von zu Hause weggeschickt, weil sie, die Intelligente, in die Stadt ins Gymnasium gehen sollte. Sie wollte es später anders machen, ihre eigene Familie zusammenhalten. Sie hat sieben Kinder bekommen und ihren Vorsatz wahr gemacht. Nach 15 Jahren Familien- und Hausarbeit sehnte sie sich in ihren Beruf als Lehrerin zurück. Das war 1974, nach dem Gesetz musste die Frau damals noch die Zustimmung ihres Mannes einholen, um arbeiten gehen zu dürfen. Die tiefkatholische, großbürgerliche Familie, in die sie eingeheiratet hatte, brachte kein Verständnis für ihren Schritt auf und sie fühlte sich mehr denn je von ihr abgelehnt. Doch sie war und ist eine Kämpferin und hat ohne fremde Hilfe alles unter einen Hut gebracht: jeden Tag, pflichtbewusst, aber ohne große Leidenschaft, für alle gekocht, sieben eigene Kinder durch die langen Schuljahre begleitet – und ungezählte andere Schülerinnen und Schüler dazu. 

DIE VERRÜCKTEN BABYBOOMER
Frauen waren und sind in unserer Familie sehr präsent – von meiner alleinerziehenden Großmutter bis zu deren Urenkelkindern, nicht nur durch die große Anzahl bedingt: 16 der 21 Enkelkinder meiner Mutter sind Mädchen und junge Frauen. „In einem zu großen Schuh stolpert man“, sagt ein englisches Sprichwort. Was hat das Vorbild des unvorstellbar ausgefüllten Lebens meiner Mutter mit uns, ihren Töchtern und deren Töchtern, gemacht? Ich weiß nur eines: Vielleicht ist manche in den großen Schuhen gestolpert, doch keine ist gestürzt.

1963 war der geburtenstärkste Jahrgang im Nachkriegsösterreich, da wurde auch ich geboren. Die Jahre des Wiederaufbaus waren vorbei, Sicherheit und ein bescheidener Wohlstand hatten Einzug gehalten. Frauen waren inzwischen rechtlich gleichgestellt, auch wenn die reale Gleichberechtigung bis heute hinterherhinkt. 1966 war die erste Frau Ministerin geworden. Meine Großmutter hatte noch über die Berufsausbildung meiner Mutter entschieden, wir waren freier. Alles schien möglich, ein neuer Horizont tat sich auf. War meine Mutter noch ganz auf ihre Familie und den Beruf konzentriert, so konnten wir, die Babyboom-Generation, uns in der Jugend Verrücktheiten leisten. So sahen es zumindest die Eltern. Wir gingen gegen Atomkraft auf die Straße, engagierten uns für die erfrischend jungen Grünen, fühlten uns für die ganze Welt verantwortlich. Das Massaker am Tian’anmen-Platz in ­Peking ließ uns ebenso wenig kalt wie Folter in Uruguay, Apartheid in Südafrika, die Willkür gegen DissidentInnen in Prag oder die Besetzung wichtiger Positionen unserer Republik mit ehemaligen Nationalsozialisten. 

Die Welt war groß geworden, dennoch sehnten wir uns nach der Geborgenheit einer eigenen Familie. Mit meiner Familiengründung mit Mitte 20 war das gesellschaftspolitische Engagement vorerst in den Hintergrund gerückt. Meine Mutter sah die wachsende Enkelschar mit großer Freude und verstand uns wieder ganz und gar. Die großen Ansprüche an die Emanzipation der Frau ließen sich schwer mit dem realen Alltag vereinbaren: Lange Stillzeiten vertrugen sich nicht mit dem schnellen Wiedereinstieg in den Beruf, der bessere Verdienst des Mannes war außerdem ein gutes Argument für das vorläufige Daheimbleiben. Ich ging bald wieder Teilzeit arbeiten, kochte jeden Tag, pflichtbewusst, aber ohne große Leidenschaft, und bemühte mich um einen funktionierenden Familienalltag. 

ALLES MÖGLICH; NIX FIX
Heute sind meine Töchter so alt, wie ich damals war. Sie sind engagierte junge Frauen. Mit dem Wohlstand ist die Welt noch viel größer geworden: ein Erasmus-Jahr in Istanbul, ein Praktikum am Himalaya, eine Weltreise nach dem Studienabschluss – das alles ist möglich und wahr geworden. Den Druck, möglichst rasch eine Familie zu gründen, haben meine Töchter nicht, auch wenn sie hin und wieder damit liebäugeln. Das Kochen bereitet ihnen wenig Stress, oftmals erledigen es die Männer an ihrer Seite. Die Frage der Frauenemanzipation beschäftigt sie kaum, im Alltag erleben sie wenig Diskriminierung. Sie leisten sich den Luxus, lange jung zu bleiben und die vielfältigen Möglichkeiten auszukosten. Meine Mutter nimmt lebhaft Anteil an ihrem abwechslungsreichen Leben und reist in Gedanken mit.

Doch den Optimismus unserer Generation, die in den goldenen Jahren der Vollbeschäftigung groß geworden ist, haben die jungen Frauen nicht. Sie werden sich in einer Welt beweisen müssen, in der Frauen zunehmend wieder aus dem Arbeitsleben gedrängt werden, in der die Kinderfeindlichkeit wächst und der politische und religiöse Extremismus sie in Atem hält. In welchen Schuhen werden sie den Weg beschreiten? Geben ihnen die Schuhe ihrer Vorfahrinnen Halt? Wie oft werden sie den Ausruf „Wie deine Mutter!“ hören? Ich hoffe, er hat zumeist einen schönen Klang.

Metamorphose der Erinnerungen

Die deutsche Fotografin Nina Röder, 1983 geboren, greift in der Serie „Mutters Schuhe“ Jugenderlebnisse ihrer Mutter auf und geht der Frage nach: Wie verwandeln sich die Erinnerungen von Großmutter und Mutter mit der Zeit? Und wie viel weiß sie selbst aus Erzählungen? Entstanden sind die Fotografien im Elternhaus und Jugendzimmer von Röders Mutter in der mittelfränkischen Provinz mit Originalkleidungsstücken aus deren Jugendzeit.  www.ninaroeder.de        

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 05/15 – von Eva Reithofer-Haidacher