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Seine eindringliche Fotoserie über wartende Prostituierte in Spanien hat Txema Salvans „The Waiting Game“ betitelt. Michalis Pantelouris verleiht den Bildern mit seinem Text zusätzliche Brisanz.

Das nimmt kein gutes Ende. Dieses Warten. Es endet, wenn Kundschaft kommt, aber ein gutes Ende kann das nicht sein, nicht auf den Hinterlandstraßen der spanischen Küste, wo die Lastwagen fahren, denen die Autobahngebühren zu hoch sind. Die Zeit der Fahrer ist billiger als die Straße. Offenbar auch dann noch, wenn sie anhalten, um bei einer der Frauen oder einem der Mädchen Sex zu kaufen, die Txema Salvans für „The Waiting Game“ fotografiert hat, seine Serie über die wartenden Prostituierten am Rande des riesigen Nichts. Sie warten. Es endet ja auch nicht, das Warten, es wird nur unterbrochen. Ich kann nicht sagen, welcher Teil des Tages mich trauriger macht.

Wenn du hier schreist, hört dich niemand, und immer wieder gibt es an diesen Straßen Opfer in jeder Form von Schrecklichkeit. Wenn man nur Salvans’ Bilder sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass es hier noch irgendetwas anderes geben mag als Opfer. Man könnte sogar den Gedanken hegen, dass selbst die Fahrer der billigen Straßen Opfer sind, Opfer von etwas, was stärker ist als sie. Warum sollten sie sonst am Rande des riesigen Nichts ihr bisschen Geld aus ihrer Hose kramen und ihre Würde dabei gleich mit? Man kann das denken. Aber wenn man Vater von kleinen Töchtern ist, dann wird es schwieriger. Dann will man hinfahren, so einen Kerl nehmen und seine Eier in der Fahrertür seines Lasters einklemmen. Und sei es nur deshalb, weil einem nichts Besseres einfällt. 

ALS VATER VON TÖCHTERN
Ich bin Vater von zwei kleinen Töchtern. Es ist wahrscheinlich der machohafteste aller Impulse, ein Mädchen retten zu wollen, kein Grund jedenfalls, beruhigt zu sein ob der eigenen Motive – das ist etwas, was ich gelernt habe von den vielen Frauen und Mädchen, die mich umgeben. Ich bin so aufgewachsen: mit einer lauten Mutter und zwei Schwestern. Heute habe ich zu den zwei Töchtern noch die Frau. Es waren immer Frauen um mich herum, und ich glaube nicht, dass ich Frauen gegenüber jemals respektlos war, weil sie Frauen waren. Niemals mit Absicht jedenfalls und nicht bewusst. Ich habe mir mein Leben lang sagen können, ich wäre nicht das Problem dabei, dass Frauen schlecht behandelt werden, dass sie weniger verdienen zum Beispiel. Dass weniger von ihnen in Führungspositionen sind. Und dass so viele von ihnen an einsamen Straßen stehen und ihren Körper vermieten, immer in der Gefahr, ums Geld geprellt, geschlagen oder ermordet zu werden. Ich habe mit all dem direkt nichts zu tun. Aber plötzlich wurde es zu meinem Problem. Denn ich bin Vater von Töchtern. Und wenn ich mich ehrlich angucke, dann bin ich viel mehr Teil des Problems, als ich es je für möglich gehalten hätte.

ZU SIMPLE LÖSUNG
Gehen wir kurz einen halben Schritt zurück zu der Stelle, an der ich Hoden in einer Autotür zerquetschen will. Mit den besten Absichten natürlich, politisch vielleicht nicht korrekt, aber getragen von dem Wunsch, ein Problem zu lösen. Es sind zwei Punkte, auf die ich hinweisen möchte, und beide fallen mir in den vergangenen Jahren mehr und mehr als männlich auf: Da ist erstens der unbedingte Wille, Probleme zu lösen, und zweitens die Bereitschaft, die Probleme dafür so lange zu vereinfachen, bis sie zur eigenen Lösung passen. Konkret: Vielleicht möchte ich Straßenmädchen helfen, von denen ich sicher bin, dass sie sich diesen Weg, ihr Leben zu fristen, nicht ausgesucht haben. Das ist eine Art, meinen Impuls zu beschreiben. Ich fürchte aber, es gibt noch einen anderen Blick darauf: Ich habe eine sehr geringe Toleranz, Dinge zu ertragen, die mir zeigen, wie wenig Kontrolle ich über die Welt habe. Ungerechtigkeit ist nur ein Teil davon. Da wir von männlichen Verhaltensmustern sprechen: Schon mal gesehen, wie zwei Männer über die subjektive Verletzung ihres Stolzes in Streit geraten? „Ey, was guckst du so?“ Das Problem, nicht kontrollieren zu können, wie man angeguckt wird, löst gewalttätige Impulse aus – wie soll man das erklären? Und vor allem: Wie soll sich jemand, der nicht ähnlich gestrickt ist, in einer Umgebung durchsetzen, in der allen anderen die Fähigkeit fehlt, Dinge zu ertragen? In der ein Widerspruch ein Problem ist, das gelöst werden muss? Und in der die Lösung für fast alles ist, sich Erleichterung zu verschaffen?

Gucken wir uns kurz meine Lösung an: Eier in die Autotür klemmen. Das ist technisch kompliziert, vom Wesen her allerdings eher unterkomplex. Vor allem aber ist es eins ganz und gar nicht: eine Lösung. Die spanische Wirtschaftslage wird nicht weniger grausam diejenigen am unteren Rand der Gesellschaft zerquetschen, weil ich es mit Körperteilen tue. Es wäre bloß eine Erleichterung, genau wie der Halt am Straßenrand für den Trucker eine Erleichterung ist – ein kurzer Moment der Macht. 

ICH WILL GESETZE
Und das ist meine große Angst: dass das Leben meiner Töchter bestimmt wird von einer Reihe von Momenten, in denen irgendein bescheuerter Mann sein bisschen Macht braucht, seine Erleichterung. Seine Lösung. Seinen Halt am Straßenrand. Deshalb bin ich Feminist: weil ich glaube, dass es keinen Sinn hat, darauf zu vertrauen, dass Männer ihre Reflexe im Griff haben. Ich habe meine nicht im Griff, und ich halte mich für einen der Guten. Deshalb will ich Gesetze, Quoten und Förderung. Wenn jemand meine Töchter freiwillig fair behandelt: gerne! Aber ich vertraue nicht darauf. Ich bitte auch nicht darum. Und erst recht will ich nicht, dass sie darum bitten müssen.

Ich lebe mit lauter Frauen und Mädchen, und manchmal macht es mich wahnsinnig. Frauen und Mädchen haben auch noch jede Menge Freundinnen, und ständig wird irgendetwas diskutiert, irgendein Problem, irgendetwas, was furchtbar ist und sich nicht ändern wird, indem man darüber redet. Ich hasse das, ich kann nicht anders. Und ich habe es viele Jahre lang für destruktiv gehalten, für problem- statt lösungsorientiert, für eine Art Äquivalent zur Koabhängigkeit bei den Angehörigen von Suchtkranken, die mit ihrer Unterstützung nur das Leiden verlängern. „Und dann hat er gesagt, und dann hab ich gesagt, yakyakyakyak.“ Morgen dann wieder, und übermorgen auch. Das sind Frauen. Männer sitzen daneben und denken: „Wenn irgendwas von dem, was da an Ratschlägen ausgetauscht wird, richtig wäre, müsste das Problem ja eigentlich mal gelöst sein. Und wenn es nie gelöst wird, müsste man doch irgendwann mal aufhören, sich gegenseitig Ratschläge zu erteilen.“ Irgendwie so habe ich, wenn schon nicht bewusst gedacht, aber doch gefühlt, und ich lerne nur sehr langsam, dass es eine andere Sicht gibt. Mein System setzt nämlich voraus, dass es einen Zustand gibt, der alles im Gleichgewicht hält, wenn niemand zu viel falsch macht. Eine unsichtbare Hand wie bei Adam Smith, die zum Beispiel dafür sorgt, dass eine glückliche Ehe glücklich bleibt, solange keiner zu große Fehler begeht. Oder dass die Prozesse in einer Firma laufen, wenn sie richtig justiert sind und keiner durchdreht. Und wenn doch einer einen Fehler macht, dann kann man ihn darauf hinweisen, und dann stellt er es ab oder eben nicht. Fick ihn oder verlass ihn. Ich glaube, so irgendwie habe ich mir die Funktion dieser POGs vorgestellt, wie ich sie nenne – problemorientierte Gespräche. Aber dann habe ich mir die Ratschläge angesehen, die Männer sich geben. Und die Ratschläge, die sie Frauen geben. Die ich meiner Frau gebe. Und ich habe gelacht. 

IDIOTISCHE SÄTZE
„Du darfst dir das nicht so zu Herzen nehmen“ ist mein Lieblingstipp in der Sammlung der idiotischen Sätze. Er sieht aus, als wäre er gut gemeint. Er wirkt von außen, als würde er einen Lösungsweg zeigen. In Wahrheit sagt er nichts anderes als: „Das Problem liegt in deinem Charakter, weil du unfähig bist, die Dinge richtig zu sehen.“ Er ist ein Musterbeispiel für Blödsinn. Eine Erleichterung für den, der ihn sagt, weil er alle Last ablädt auf den, der ihn zu hören bekommt.

Das Leben ist kein Weg, es ist eine Landschaft. Wenn wir Glück haben, bewegen wir uns in ihr. Wenn wir Pech haben, werden wir bewegt. Da sind Täler und Berge. Und Kommunikation ist natürlich mehr, als Ratschläge zu geben. Wenn ich mir die Frauen angucke, von denen ich umgeben bin, würde ich heute sagen: Ihre größte kommunikative Fähigkeit besteht darin, Gemeinschaft herzustellen, in der Widersprüche ertragen werden. Ohne sogenannte Lösungen, die nur Erleichterungen sind. Wo Macht des einen nicht unbedingt Ohnmacht des anderen bedeutet. Wo klar ist, dass man manchmal durch die Landschaft seines Lebens geht und manchmal vom Leben herumgestoßen wird. Und ich kann mir keine Situation vorstellen, keine Gruppe, keine Firma, gar nichts, in dem diese Fähigkeit nicht unendlich wertvoll wäre. Allein das wäre mir Grund genug für eine Quotenregelung. 

Es ist auch genau das, was mir das Herz zerreißt, wenn ich die Bilder von Txema Salvans sehe. Sie sind genau das, was nicht passieren darf: die Einsamkeit, die Bewegungslosigkeit, die Ohnmacht. Das Verharren an der schlimmsten Stelle der Landschaft. Das Warten auf nichts Gutes. 

The Waiting Game

Txema Salvans war für dieses Fotoprojekt acht Jahre im spanischen Hinterland zwischen Barcelona und Gibraltar unterwegs. Die Prostituierten, die Salvans dabei fotografierte, warten an Landstraßen und Schotterwegen, an Kreuzungen und Verkehrsinseln, in Sackgassen, Vororten und Gewerbegebieten. Der Fotograf, selbst Spanier, weiß nichts über diese Frauen, doch ihre Verletzlichkeit rührt ihn derart, dass er sie der Welt zeigen möchte – in genau dem merkwürdig gleißenden Licht, in dem sie da sitzen und warten. Als der deutsche Journalist und Blogger Michalis Pantelouris diese Bilder sah, wurde ihm klar, wo das Problem mit Männern wie ihm liegt – und er hat den abgedruckten Text dazu verfasst.  

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 07/15  – von Michalis Pantelouris