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Frau mit 70, verliebt.
Für Klara war eine neue Liebe kein Thema mehr. Die 70-jährige Witwe hatte sich alleine recht gut in ihrem Leben eingerichtet. Bis sie Paul kennenlernte.

Genau an unserem 40. Hochzeitstag ist mein Mann gestorben. Meine schlimme Ehe war überstanden. Warum keine Scheidung? Weil ich aufgewachsen bin mit der Vorgabe, dass nur der Tod scheiden darf. Weil ich ihn trotzdem gern gehabt habe. Weil mein Geld in unserem Haus angelegt war. Weil er gedroht hat, mich und unsere vier Kinder umzubringen, sollte ich mich trennen. Weil es mir gelungen ist, eine Wand um mich aufzubauen. Weil ich nicht erreichbar war, weder mit Freundlichkeiten noch mit Gewalt.“Ich will Sie kennenlernen.“ So ein fescher Mann. Er war mir schon während des Vortrags aufgefallen. Auf einmal stand er vor mir. Etwas älter als ich und Witwer.

Meine Weihnachtskarte löste einen Brief¬wechsel aus, in dem wir uns sehr nahekamen. Bis Paul und ich ein erstes Treffen herbeisehnten.
„Es ist so eine Freude, dich anzuschauen!“ Seither erlebe ich nie gekannte Zärtlichkeit. Wie ich die genieße. Seine wertschätzende Zugewandtheit. Wie mir die guttut.

Manchmal lässt mich seine Offenheit richtig rot werden. Ich lerne, nicht nur verbale Schamgrenzen zu überwinden. Ich spüre die erotische Anziehungskraft meines 70 Jahre alten Körpers. Zunehmend selbstbewusster erforsche ich mit ihm unsere Sexualität. Ich mache mich schön für ihn, ich genieße nicht nur seine Blicke. Seine Hände fordern nie, sondern erkunden meine Bedürfnisse.

Ich spüre die erotische Anziehungskraft meines alten Körpers.

Schmetterlinge im Bauch – so wie damals mit 17 – spüre ich keine, sondern eine tiefe, sehnsuchtsvolle Lebenskraft, wenn ich an ihn denke.
In meinem kleinen Heimatort spüre ich das Tuscheln. Was will die in ihrem Alter? Schließlich haben alle über meine Ehe Bescheid gewusst. Will die immer noch Sex? Darum fahre ich lieber die 300 Kilometer zu ihm. Meine erwachsenen Kinder haben sich nie eingemischt.
Ich genieße meine Zeit mit ihm und alleine ohne ihn. Meinen Freundeskreis und meine Hobbys.
Er will heiraten. Zusammenleben ist eine Herausforderung, sowohl in „jungen Jahren“ als auch in „alten Tagen“. Ob ich das noch einmal will? In mir sträubt sich alles.

Doch auf Dauer in „wilder Ehe“ zu leben, erlaubt meine Religiosität nicht. Dieser Zwiespalt, entweder kirchlich zu heiraten oder auseinanderzugehen, belastet mich schwer.

Unser Alter kann von heute auf morgen einen Schlussstrich unter unsere Liebe ziehen. Durch eine Krankheit und die daraus folgende Bedürftigkeit. Mit einer Ehe entstehen Verpflichtungen, die ich weder von mir noch von ihm verlangen will.

Ein Missverständnis hatte dazu geführt, dass wir für zwei Wochen den Kontakt zueinander abgebrochen haben. Mir war so leid, so weh. Ich war total überrollt von der Intensität meines Kummers. Auch Paul meinte, dass er ohne mich seine Freude am Leben verlieren würde.
Er hat mir ein Buch mit einem wunderbaren Liebesbrief geschickt. Mein Gelübde, nach Lourdes wallfahren zu gehen, sollte unsere Beziehung wieder in Fluss kommen, haben wir gemeinsam eingelöst.

Mit schwerem Herzen schiebe ich die Entscheidung vor mir her. Was soll ich nur tun?


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Michaela Herzog