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Frauen aus Syrien: Dem Krieg entkommen

Hunderttausende ihrer Landsleute sind im Krieg gestorben, die Hälfte ist wie sie auf der Flucht: Im Gespräch mit Syrerinnen wird klar, wie tief zerrissen ihr Heimatland ist. Und warum es so schwerfällt, Brücken hin zum Frieden zu finden.

Es klingt, als wäre jede der Frauen vor einem anderen Krieg geflohen, so unterschiedlich sind ihre Geschichten: Wa’aed Altallfah (32) wollte keine Sekunde länger zu Hause in Homs bleiben, nachdem Terroristen, die sich zu den Aufständischen zählten, die Schule ihres Sohnes überfallen hatten. Halima al-Mahmoudi (23) studierte an der Uni in Aleppo Arabisch, als Fassbomben, wahllos aus Helikop­tern abgeworfen, vom Himmel fielen. Solche Metalltonnen, gefüllt mit Sprengstoff und Metallteilen, sind für einen Großteil der zivilen Todesopfer verantwortlich. Allein im September 2015 warf die syrische Armee fast 1.800 Stück auf die Rebellengebiete ab. Nahren Hana (32), eine Christin, wurde von der Terrormiliz des „Islamischen Staates“ vertrieben. Ihr Mann Sabri starb, wie sie sagt, „an gebrochenem Herzen“ im Libanon, während ihrer Odyssee, die in Wien-Ottakring endete. Ein Foto, an das ihre Tochter Marie ein Papierherz klebte, blieb von ihm. Ein Infarkt tötete Sabri mit 39, den stolzen Ingenieur, der beim Wasserkraftwerk bei al-Tabka am Euphrat arbeitete.

Erleichterung in der Freiheit: Wa'aed Altallfah (li.) ist mit ihrer Familie aus Homs geflohen. In Ohlsdorf (OÖ) hat sie mit Brigitta Schausberger eine beherzte Helferin und Freundin gefunden.

Erleichterung in der Freiheit: Wa’aed Altallfah (li.) ist mit ihrer Familie aus Homs geflohen. In Ohlsdorf (OÖ) hat sie mit Brigitta Schausberger eine beherzte Helferin und Freundin gefunden.

ZUKUNFT IST ZUFLUCHT
Mit mehr als einem Dutzend Syrerinnen, die in Österreich Schutz suchen, hat „Welt der Frau“ über den Konflikt gesprochen. Was sie erzählen, ergibt ein maßstabgetreues Bild der Zersplitterung des Landes. Ihre Heimat ist zur tödlichen Falle geworden, entlang der alten Konfliktlinien zusammengebrochen. Syrien entstand im Rohentwurf 1918 durch die Nachkriegsordnung der Siegermächte des Ersten Weltkrieges. 1947 wurde das fragile Land unabhängig. Zwanzig verschiedene Glaubensgemeinschaften, AraberInnen und KurdInnen waren zur nationalen Einheit verdonnert worden; zu Stabilität fand man nie. Doch jetzt, nach fünf Jahren Bürgerkrieg, ist das ohnehin zerbrechliche Nebeneinander Geschichte.  250.000, möglicherweise sogar 300.000 Menschen sind tot, die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Regionale Großmächte wie der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, aber auch die USA und Russland mischen in dem Konflikt mit, beliefern die eine oder andere Seite mit Waffen, greifen direkt ein. Große Teile der Städte sind zu Ruinen zerbombt, und die Hälfte des Landes wird von den Terroristen des „Islamischen Staates“ besetzt gehalten, deren brutaler islamistischer Kodex die Zivilbevölkerung, vor allem die Frauen, quält.

„Meine Heimat ist jetzt Zukunft“, fasste ein achtjähriges Mädchen namens Nour den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Geschichten der Flucht aus Syrien in viel zu erwachsenen Worten zusammen. Über Ungarn und Österreich Richtung Deutschland war sie gekommen, verbrachte eine Nacht in der Notschlafstelle der Caritas am Wiener Hauptbahnhof. Ihre Füße, übersät von blutenden Blasen, wurden von der Mutter für die Weiterreise ohne Socken in enge, altrosa Pelzstiefel gezwängt. Ohne zu mucken ging sie auch so weiter: „Ich muss in die Zukunft.“

In meine Heimat will ich nie wieder zurück. Da ist niemand mehr. Alle, die ich kannte, sind tot oder geflohen.
Nerges Mohammed (19)

LERNEN UND ARBEITEN
Nour und ihre Familie gehören zu den mittlerweile fast 400.000 Flüchtlingen und MigrantInnen, die durch Österreich durchreisten. Knapp 20.000 Flüchtlinge aus Syrien blieben hier und stellten Anträge auf Asyl. Für manche ist es trotzdem eine Zwischenstation. Wenigstens im Traum. Hanin al-Mahmoud (16), die Zahnärztin werden möchte, will „unbedingt wieder heim“. Nerges Mohammed (19) hat sich in den Kopf gesetzt, Chirurgin zu werden. Zurück nach Syrien wolle die Kurdin aber „nie wieder – es sind ja alle weg“. Unbedingt lernen und arbeiten zu wollen: Dies ist der weitere gemeinsame Nenner der so unterschiedlichen Syrien-Flüchtlinge. Zu 40 Prozent haben sie Matura oder einen Uni-Abschluss, wie schwedische Behörden eruierten. Deutsche Automobilkonzerne sollen bereits ihre PersonalmanagerInnen in die Auffanglager geschickt haben, um Fachleute anzuwerben…

Lesen Sie mehr dazu in „Welt der Frau“ 12/15

Wa’aed Altallfah

Die Angst als ständiger Begleiter

18_151026-05 Familie-0044 RGB KLEINAuf ihrem Mobiltelefon hat sie die Stationen ihres Lebens auf der Flucht gespeichert. Das blaue Zelt, in dem sie mit ihrer Familie in Griechenland geschlafen hat. Szenen von den Fußmärschen, während derer sie bis zu 13 Stunden auf den Beinen war, und auch die Wunden  durch die Schläge der ungarischen Polizei. Angst begleitete die 33-jährige Wa’aed Altallfah von ihrer Heimatstadt Homs in Syrien bis nach Ohlsdorf, nahe Gmunden, wo sie auf die Bearbeitung ihres Asylantrages wartet. Hier kümmert sich – wie in vielen Gemeinden Österreichs – eine Bürgerinitiative um Menschen wie sie. Laut Behörden wird ihr Antrag aber wahrscheinlich abgelehnt, es besteht die Gefahr, dass sie nach Ungarn zurückmuss. „Niemals. Es war so schrecklich dort“, sagt Wa´aed. Die Familie floh aus Syrien, nachdem die Schule ihrer Kinder von Terroristen attackiert worden war. Erst ein paar Wochen ist Wa’aed Altallfah hier in Österreich und schon gelingen ihr die ersten deutschen Sätze.„Auch in Homs schneit es im Winter. Nur dort ist die Infrastruktur kollabiert; es gab kaum Heizmaterial, kontinuierlich fiel der Strom aus“, erzählt sie. Der politisch-militärische Konflikt traf die Stadt als eine der ersten. Heftige Bombardements und eine Blockade hungerten die Kämpfer aus: Sie ergaben sich, und das Regime erlangte die Kontrolle, regierte ab dann mit eiserner Faust. Knapp mehr als eine Million Menschen leben – oder vielmehr – lebten in Homs, das noch vor fünf Jahren als eine Kernregion der syrischen Industrie galt. Von hier stammt auch die Frau des syrischen Präsidenten, Asma Assad. „Das ist wie bei uns“, sagt Wa’aed stolz: „Mein Mann ist auch Alawit und ich bin Sunnitin.“ 

Weitere Porträts finden Sie in „Welt der Frau“ 12/15

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/15 – von Petra Ramsauer