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Menschen, die beeindrucken, sind meist jene, die Außergewöhnliches tun. Sie erfüllen sich Träume, widmen sich selbstlos Hilfsbedürftigen oder setzen Visionen um. Eines haben sie gemeinsam ? sie sind stolz auf sich, stellen sich aber selbst damit nicht in den Mittelpunkt. Wir finden aber, dass es Zeit dafür ist.

Die Visionärin

Julia Kospach stellt vor: Andrea Kohnhauser (37), die ihrer Fantasie freien Lauf ließ und ihren Garten in eine Art Alice-im-Wunderland Naturwelt verwandelte, wo sie Englischunterricht gibt.

Eines von Andrea Kohnhausers drei Hühnern sitzt auf dem kniehohen Geländer der überdachten Terrasse. Es legt den Kopf auf die Seite und lugt neugierig zu uns her. Als es flatternd auf die Terrasse hereinhüpft, springt Andrea Kohnhauserlachend auf, packt das Huhn und bugsiert es zurück in den Garten.
Andrea Kohnhauser ist eine quirlige, kleine Frau, die ständig in Bewegung ist. Ich kannte sie als Nachbarin, die ich ab und zu traf. Irgendwann fiel mir auf, dass ihr Garten sich in äußerst origineller Weise zu verändern begann. Neben dem Eingangstor an der Straße verabschiedete einen nun ein großes, gemaltes Schild, auf dem ein Krokodil mit weit aufgerissenem Maul ein fröhliches »See you later, alligator!« wünschte. An einem Zaunpfahl des Geheges, in dem die von ihrer achtjährigen Tochter Flo »Blacky« und »Superstar« getauften Schafe weiden, hing eines Tages ein Schild mit einem wolligen, schwarzen Schaf und dem Reim: »Baa, baa, black sheep, have you any wool? Yes, Sir, yes, Sir, 3 bags full!« Und der offene Pavillon auf dem Hügel hinter dem Schwimmbad hatte sich mit einem Mal in ein Open-Air-Schlafzimmer mit Doppelbett und dem Schriftzug »bedroom« am Kopfende, einem Riesenteddy, einem Nachtkasterl mit Kerze und einem alten Fernseher mit der Aufschrift »Mr. Noisy« verwandelt.
»Ich habe mir überlegt, was wir im Garten machen könnten«, erzählt die 37-Jährige. Der Garten etwas außerhalb von Bad Ischl erstreckt sich über das Gelände der stillgelegten Gärtnerei, die Andrea Kohnhauser mit ihrem Mann Veit Ende der 1990er-Jahre von ihrer Großmutter übernommen hat. Nach ein paar Jahren hatten die Juristin und ihr Mann, ein Wirtschaftsingenieur, den Garten zu dem gemacht, was er heute ist: weite Wiesen, Baumgruppen, Hügel und Senken, Hecken und kleine Lichtungen, adaptierte Gewächshäuser, ein Schwimmbecken mit kugelig und spitz zugeschnittenen Büschen rundherum, oben hinter den Fliederbüschen eine große Holzhütte mit einer Natursandkiste, davor eine in den Hang gebaute, lange Rutsche.
Seit einiger Zeit heißt der Garten »Giggly Wiggly Garden« und Andrea Kohnhauser, die mit ihrem zweijährigen Sohn Vinzenz in Karenz ist, bietet dort Englischkurse für Kinder an. Das kommt nicht von ungefähr. Die Familie war drei Jahre in England. Dort sondierte Andrea Kohnhauser alle Unterrichtsmaterialien für Kinder, die sie finden konnte, und sie machte selber eine Unterrichtsausbildung. Tochter Flo ist zweisprachig.
Tatsächlich hat Andrea Kohnhauser mit viel Fantasie etwas erfunden, das weit über simple Outdoor-Englischkurse hinausgeht: einen naturnahen Abenteuerspielplatz, eine Wald- und Wiesen-Sprachschule, ein Abtauchen in eine Art Alice-im-Wunderland-Naturwelt, für die sie ständig neue Features erfindet. »Lernen mit allen Sinnen« soll hier stattfinden, sagt sie. Sie malt die bunten Schilder selbst. Die meisten der englischen Reime fallen ihr en passant ein, und stetig kommen neue Ideen dazu. Es gibt eine »Feeling Box«, die aussieht wie ein Plumpsklo: Durch das herzerlförmige Fenster werden den mit verbundenen Augen drin sitzenden Kindern Gegenstände gereicht, die sie ertasten und benennen sollen. Durch einen Schrank betreten sie »Guinea Pig Town«, die Meerschweinchenstadt, die im Inneren eines Gebüschs mit kleinen Tischen, Geschäftsschildern und Tafeln ausgestattet ist. Meerschweinchen gibt?s natürlich auch. Wie bei Pippi Langstrumpf wird in Andrea Kohnhausers Englischunterricht schon auch einmal ein Pferd bemalt ? »Das hat ihnen irrsinnig getaugt« ? und dieSchafe werden mit Schal, Mütze und Socken ausgestattet. So lernen sich die englischen Wörter für Kleidungsstücke einfach leichter. Ihre »Rolling Drops«-Bahn ist ein abschüssig verlegter Schlauch, in den man oben eine bunte Kaugummikugel hineinwirft, um dann den Hügel hinunterzujagen und sie aufzufangen, wenn sie am Schlauchende wieder ausgespuckt wird. Den fertig gekauten Kaugummi klebt man an die »Gum Wall«. »Die Idee habe ich aus dem National Geographic Magazine. Dort war einmal ein Foto einer bunten Kaugummiwand in England«, erzählt sie.
Für ihren Unterricht verwendet Andrea Kohnhauser sogar ein großes Buch aus Marzipan, das ihr die Konditorei Zauner gemacht hat. »Please be warned before you look: This is a very yummy book!« steht darauf in Schokolettern. »Da kann ich dann immer sagen: Wir im Giggly Wiggly Garden verschlingen Bücher«, erzählt sie lachend und fügt schmunzelnd hinzu: »Damit es nicht heißt, wir treiben hier nur Unfug.« Für mich ist es der produktivste Unfug, den ich mir vorstellen kann, und sobald meine Tochter drei ist, werde ich sie in einem von Andrea Kohnhausers Englischkursen melden. Bis dahin lautet die Devise: See you later, alligator!

www.gigglywigglygarden.at | Tel. 0676 77 44 572

Julia Kospach braucht zum Glück Berge und Wasser. Da kam der Wiener Literaturjournalistin eine Ferienwohnung in Bad Ischl gerade recht. Über Verborgenes, Skurriles und Kulinarisches in der Region hat sie auch ein Buch verfasst: »Auf ins Salzkammergut« (Folio Verlag).

 Die Kämpferin

Christina Repolust stellt vor: Brigitte Bauer (50), die mit ihrem »Basisbildungszentrum ? abc Salzburg« dem Analphabetismus in Österreich den Kampf angesagt hat.

»Als Erstes lernte ich ihre Stimme kennen: Brigitte Bauer sprach bestimmt und eindringlich davon, wie viele Menschen in Österreich nicht ausreichend lesen und schreiben könnten. Die Stimme klang für mich nach dunklen Haaren und dunklen Augen mit Wutblitzen darin, Brigittes Locken muss ich wohl überhört haben. Seit 1999 folge ich der ehemaligen pragmatisierten Volksschullehrerin beharrlich. Immer gab es Kaffee bei ihr, immer Freude über das bisher Erreichte: einen eigenen Raum für den Unterricht, dann mit einer neuen Adresse gleich einen weiteren Raum dazu. Sie spricht mit Hochachtung von den TeilnehmerInnen der Alphabetisierungskurse und noch immer mit zornig bebender Stimme von jenen, die das Thema »Basisbildung« mit »Analphabeten gibt es nur in der Dritten Welt, nicht hier bei uns!« abtun wollen. Die 50-Jährige ist Mutter von zwei Töchtern, sie hat bei jeder Übersiedlung des 1999 gegründeten »Basisbildungszentrums ? abc Salzburg« selbst Möbel geschleppt, Türschilder montiert und mit ihrem Team dafür gesorgt, dass 126 TeilnehmerInnen 2010 lesen, schreiben und damit auch besser leben lernten. Ich bewundere, wie sie kämpft, ohne verbissen zu sein, und Entscheidungsträger überzeugt, ohne zu schleimen. Zynismus ist ihr fremd geblieben: »Der bringt ja nichts, am wenigsten mir selber!« Auf ihrem Fahrrad durch die Stadt, mit ihrem Hund an der Salzach, manchmal mit einem Eis in der Hand: eine quirlige und zähe Kämpferin, die das Abc des Lebens beherrscht. www.abc.salzburg.at | www.alphabetisierung.at

Christina Repolust ist ein Sprachenmensch. Die gelernte Germanistin und Leiterin des Bibliotheksreferats der Erzdiözese Salzburg liebt den Umgang mit den Wörtern und den Menschen. Seit Jahren unterrichtet sie Migrantinnen die deutsche Sprache. Kein Wunder, dass sie da eines Tages Brigitte Bauer kennenlernte.

Die Kraftvolle

Ute Maurnböck-Mosser stellt vor: Waltraud Dirngrabner, die in ihrem Leben aus eigener Kraft viele Stolpersteine überwunden hat und immer optimistisch nach vorne blickt.


Sie hat keine Führungsposition inne und besteigt keine Sechstausender. Wie viele andere hatte und hat es Waltraud Dirngrabner nicht leicht ? aber dieser auf den ersten Blick unspektakuläre Optimismus, mit dem sie durchs nicht ganz einfache Leben geht, ist für mich unglaublich.
Die gebürtige Kärntnerin ist das vierte von sechs Kindern. Die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern belasteten die Kindheit und Jugend. Als die 17-Jährige eines Tages nach Hause kam, fand sie ihr Zimmer leer geräumt und für Mieter hergerichtet vor. Was tun? Sie zog zu ihrem Freund, absolvierte ihre Lehre als Einzelhandelskauffrau. Der Wunsch nach einer intakten Familie erfüllte sich nicht, die Beziehung ging auseinander. Wenige Wochen darauf lernte sie ihren späteren Mann kennen: Umzug, Hochzeit, zwei Kinder, ehe sie beruflich Fuß gefasst hatte. Der Mann war gern im Wirtshaus, sie hielt ihre kleine Familie zusammen. »Es war nicht alles schlecht«, sagt sie, auch als ihr Mann sie letztes Jahr Knall auf Fall wegen einer anderen verlassen hat. »Es soll allen Beteiligten gut gehen«, meint sie, wenn sie die ihr zustehenden Alimente freiwillig niedriger ansetzt. Auch wenn sie in ihrem Beruf als Arzthelferin so wenig verdient, dass das Haus noch weitere 20 Jahre nicht renoviert werden wird. Immerhin: Die Schwiegereltern, die im selben Haus leben, schätzen sie so sehr, dass sie ihr eine Haushälfte überschrieben haben. »Ich mag nur nach vorn schauen«, erklärt sie und jongliert einen neuen Tag mit neuen Herausforderungen.

Ute Maurnböck-Mosser hat die Idee für die Covergeschichte in die Redaktion eingebracht. Die Ö1-Mitarbeiterin entschied sich für die alleinerziehende Mutter. Weil sie weiß, dass es als berufstätige Frau schon mit Partner und einer Tochter schwierig genug ist, alles auf die Reihe zu bekommen.

Die Zuversichtliche

Alexandra Graf stellt vor: Chhamjee Sherpa, die von Nepal nach Österreich gekommen ist und hier keine Trekking-Rucksäcke mehr zum Everest-Basecamp schleppt, sondern alte Menschen pflegt.

Als ich Chhamjee Sherpa 2005 zum ersten Mal traf, arbeitete sie gerade auf ihren Führerschein hin. Über ein Jahr hatte die damals 30-Jährige schon Anfahren, Abbiegen und Einparken geübt. Trotzdem machte das Fahrzeug, in dem wir mit ihrem Fahrlehrer saßen, beim Losfahren einen Satz nach vorn und blieb ruckartig stehen. »Ich hab ja keine Eile mit dem Führerschein«, sagte Chhamjee damals. Ihr Fahrlehrer blickte flehend zum Himmel. Die Geduld, mit der Chhamjee Sherpa an ihrem Führerschein arbeitete, ist für europäische Verhältnisse fast schon absurd. Doch da, wo sie herkommt, ist Zeit das Einzige, wovon die Menschen reichlich haben. Und Zuversicht, die haben sie auch.
Chhamjee ist vom Stamm der Sherpa aus Nepal, aufgewachsen in Khumjung, einem Dorf auf knapp 3.800 Meter. Es war von Anfang an klar, dass sie als Trägerin ihr Geld verdienen würde. Als Dreizehnjährige zog sie zum ersten Mal los, um TouristInnen den Weg zum Everest Basecamp, zum Kala Pattar und zum Gokyo Peak zu erleichtern, indem sie sich bis zu 35 Kilogramm Gepäck auf den Buckel packte. »Für uns war das nichts Besonderes«, sagt die Nepalesin.
Mittlerweile trägt Chhamjee Sherpa schon lange keine Trekkingrucksäcke mehr, sondern ein strahlend weißes Arbeitsgewand. Sie hat eine Ausbildung zur Altenpflegerin gemacht, arbeitet im Seniorenheim in Saalfelden und lebt mit ihrem Freund und ihren zwei Söhnen in einer Wohnung, die für Putzmittel Werbung machen könnte. Am Telefon glaubt man, es mit einer waschechten Pinzgauerin zu tun zu haben, so authentisch spricht sie Dialekt. Und doch klingt immer wieder die Nepalesin durch. Zum Beispiel, wenn Chhamjee ausspricht, was viele Einheimische vergessen haben: »Österreich ist Luxus.«

Alexandra Graf liebt die Berge, ob Ski fahrend, wandernd oder kletternd. Im Himalaja war sie zwar noch nicht, aber immerhin kennt sie schon eine echte Sherpa. Und sie weiß, wie es ist, eine »Auswärtige« zu sein, wenn auch nur als Bayerin in Salzburg.

Die Pionierin

Eva Reithofer-Haidacher stellt vor: Karin Zilian (59), die Österreichs erstes Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgebaut hat.

Ich weiß es noch genau: Es war an einem sonnigen Junitag vor drei Jahren, da haben wir uns kennengelernt. Auf der Terrasse eines Parkcafés hat Karin Zilian, Psychotherapeutin des Welcome-Quartiers für jugendliche Flüchtlinge, meinem Mann und mir unseren afghanischen Patensohn vorgestellt. Freundlich, unaufdringlich, verständnisvoll hat sie diese aufregende Stunde begleitet. Später haben wir uns besser kennengelernt. Ich habe erfahren, dass sie eigentlich Medizin studieren wollte, den Wunsch aber aufgegeben hat, als sie mit erst 17 ihr erstes Kind zur Welt brachte. Fünf weitere eigene Kinder folgten, dazu Pflege- und Tageskinder. Die Freude am Lebendigen ist Karin Zilian geblieben, auch als Trennung, Scheidung und Tod ihres Mannes tiefe Wunden rissen. Vor zehn Jahren hat die 59-Jährige das österreichweit erste Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Graz mit aufgebaut. Ihre »Anfangsnaivität«, die sie lachend eingesteht, ist keinesfalls Frust und Zynismus gewichen. Im Gegenteil, ihr Leben ist nach wie vor ein erfrischender Kontrapunkt zu unserer Ich-Gesellschaft. In einer Branche, in der die professionelle Distanz als wichtiges Gebot gilt, ist sie sie selbst geblieben: Ein 16-jähriges Mädchen aus Angola hat Karin Zilian ein halbes Jahr lang bei sich aufgenommen. Andere Jugendliche lädt sie in die Familie ein, kocht und macht Ausflüge mit ihnen. Und so manchem Verzweifelten hat sie nach einem Selbstmordversuch mit ihrer herzlichen Art ins Leben zurückgeholfen. Jetzt steht die Pension vor der Tür. Ein wenig müde ist sie und freut sich auf mehr Zeit für die große Familie, sagt Karin Zilian. Aber ganz kann sie es doch nicht lassen, ehrenamtlich will sie weiter für die jungen Flüchtlinge da sein.

Eva Reithofer-Haidacher kennt in Graz viele »Zugezogene« aus aller Welt. Als Redakteurin der Straßenzeitung »Megaphon« ebenso wie aus persönlichem Interesse. Fast ein Jahr beherbergte sie nach dem Auszug ihrer beiden Töchter einen jungen Asylwerber aus Afghanistan.

Die Vielseitige

Andrea Mann stellt vor: Bettina Tossmann (32), die trotz 35-Stunden-Job, zwei Kindern und Hausbau die Kraft aufbringt, zu studieren.

Über den Weg gelaufen sind uns Bettina und ich bei diversen Kindergarten- und Schulveranstaltungen. Unsere Kinder sind im gleichen Alter, uns beschäftigen meist die gleichen Schulprobleme oder kindliche Entwicklungsphasen. Erst nach langer Zeit und ganz nebenbei hat sie mir erzählt, dass sie neben ihrem 35-Stunden-Bürojob studiert. Im ersten Moment war ich baff. Wie soll das gehen? Neben Job, Familie und Hausbau? »Abends«, sagte sie ganz selbstverständlich. Ich dachte sofort an mein Abendprogramm. Wenn meine Kinder ins Land der Träume entschlummern, erledige ich die restliche Hausarbeit ohne quietschende Zwischenrufe oder das Sofa samt Fernbedienung oder einer Abendlektüre gehört allein den Erwachsenen. Nicht so bei Bettina. Wenn ihre Kinder Caroline (6) und Manuel (9) zu Bett gehen, sitzt sie meist an ihrem Schreibtisch und lernt. Nichts Ungewöhnliches für die Absolventin der Handelsschule. Als sie in Karenz war, nutzte sie diese Zeit, um via Abendschule die Matura nachzuholen. Wieder zurück in ihrem Job, startete sie ihr Studium.»Ich hab die volle Unterstützung von meinem Ehemann und meinen Eltern. Es gibt natürlich Zeiten, da geht im Studium nichts weiter, denn meine Familie steht an erster Stelle. Daher werde ich mein Studium sicher nicht in der Mindestzeit von vier Jahren abschließen, sondern dafür viel länger brauchen.« Ihr Ziel ist nicht nur ein interessanter Arbeitsplatz, sondern die Weiterbildung selbst. »Man macht so viel im Leben, was man nicht braucht. Ich will nicht vor dem Fernseher versauern. Für meine Kinder soll mein Lernen auch eine Vorbildwirkung haben ? man soll sich fordern.«

Andrea Mann übt täglich Spagat. Nicht auf dem Boden, sondern im echten Leben. Ihre beiden Kinder Julian und Kathi beanspruchen ihre Aufmerksamkeit, die Arbeit als Redakteurin endet nie, und dann sollte auch noch Zeit für Laufen, Freundinnen und Familienausflüge sein. Daneben noch studieren? Oh, Gott!

Die Gütige

Susanne Sonnleitner stellt vor: Leopoldine Bruderhofer (90), bei der es kein Jammern gibt und die sich des Lebens freut ? einfach so.

Tante Poldi ist nicht meine Tante, sondern eine wirklich gute Freundin der Familie meines Mannes. Mit ihren 90 Jahren lebt Leopoldine Bruderhofer gerne allein in ihrem Haus in Grünburg, Oberösterreich, und freut sich, wenn sie hie und da ihre zwei Kinder, vier Enkelkinder und acht Urenkel besuchen kann. Wer sie zum ersten Mal trifft, für den sind ihre Güte, ihre Besonnenheit und ihr heller Verstand augenscheinlich. Ich aber frage mich, wo sind die Spuren geblieben, die ihr schweres Leben hinterlassen haben muss? Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hat sie geheiratet und ihr Mann wurde in den Kriegsdienst eingezogen. Nicht nur die Tage, auch halbe Nächte hat sie mit der Schneiderei zugebracht, um etwas Geld zu verdienen. Als ihr Mann mit 70 den zweiten Schlaganfall erlitt, wurde er zum Pflegefall. Tante Poldi war für ihn da, zehn Jahre lang.
Doch keine Spur von Verbittertheit. »Es gibt nichts in meinem Leben, das zu bejammern wäre«, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen, »ich bin doch dankbar für jeden Tag.« Für jeden Tag, an dem sie von den Nachbarn zum Essen eingeladen wird und ihr das Kochen, das sie stets tat, aber nie liebte, erspart bleibt. Für ihre Frauenkaffeerunde, die Wandertage mit den PensionistInnen, den Südtirolurlaub mit ihrem Sohn. Dafür, dass sie sich in den Fahrradsattel schwingen und losradeln kann. 17 Kilometer, wenn sie will.
Heute sitzt Tante Poldi auf ihrer kleinen Terrasse, umgeben von ihren Topfpflanzen, und strahlt eine Zufriedenheit aus, die einen selbst ganz ruhig werden lässt. Und ich habe gemeint, alte Menschen seien ichbezogen! Tante Poldi zeugt vom Gegenteil. Nicht um sie selbst geht es, sondern darum, ein offenes Ohr für andere zu haben. Das war schon immer so. Und das ist gut.
Susanne Sonnleitner ist mit 28 Jahren die Jüngste in der »Welt der Frau«-Redaktion und hat sich die älteste Frau für ihr Porträt gewählt. Man braucht Vorbilder, auch wenn man selbst noch am Beginn des Lebens steht und gerade den nächsten Schritt, den Bau eines eigenen Hauses, plant.


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/ 2011 – von Redaktion