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Frauen in Athen – So meistern sie die Krise

Seit sieben Jahren taumelt Griechenland über dem Abgrund. Horrende Schulden, Rettungskredite und Sparreformen verändern das Leben der Menschen dort. Frauen treffen die Einschnitte am härtesten. Dennoch zeigen sie Profil. Ein Lokalaugenschein in Athen.

Würdevoll marschiert Amalia Kotsokolou (50) durch die lärmenden Straßen von Athen. Seit Stunden ist sie unterwegs. Die würzige Parfümwolke, die sie umhüllt, verdrängt den Abgasgestank der unzähligen Autos und Motorräder. Zu Lackschuhen und einem Bouclé-Mantel trägt sie eine schicke Shoppingtasche. Wie an einem Rettungsring klammert sie sich an ihr fest, als sie vom Security-bewachten Boulevard mit den Juwelierläden und Boutiquen zum zentralen Omonia-Platz abbiegt. Leere Hotels, Rotlicht-Etablissements und Armenküchen dominieren hier das Gassenbild. In versifften Pfandleihshops verscherbeln mittellos gewordene GriechInnen seit Krisenbeginn 2009 ihr Familiensilber und, wenn’s sein muss, auch den Ehering. 

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Haben oder sein? Diese Frage stellt sich Amalia Kotsokolou täglich. Die arbeitslose Verkäuferin lebt von ihren Eltern und ihrem Babysitterjob. Kraft geben ihr die Familie, Bewegung, ihr Glaube und die Einsicht, ,,dass Besitz nur Illusion ist.“

Kotsokolou hat ihren bereits abgelegt – nach ihrer Scheidung vor 15 Jahren. An der Schuldenkrise scheiterte ihre Ehe demnach nicht, bei vielen jener 15.000 Paare aber wohl schon, die seither vor den Scheidungsrichter traten. Geldknappheit und die Zunahme an häuslicher Gewalt stellen Partnerschaften auf harte Proben und bewirken auch, dass viele Griechinnen ledig bleiben. Heirateten laut dem europäischen Statistikamt Eurostat vor der Krise jährlich noch durchschnittlich 61.000 Paare, pendelte sich der Mittelwert in den vergangenen sieben Jahren bei 50.000 ein. Auch die Geburtenrate ist in diesem Zeitraum von 1,5 auf 1,3 Kinder gesunken. 

LEBEN AN DER KIPPE
Erschreckend hoch ist hingegen die Zahl der Abtreibungen. Schwangerschaftsabbrüche, haben sich seit 2005 von 200.000 auf 300.000 pro Jahr erhöht, berichtet etwa die Tageszeitung „Kathimerini“ unter Berufung auf eine Familienplanungskonferenz. Gar verdoppelt hat sich seit Krisenbeginn die Summe der Fehlgeburten. Auch die Zahl der Totgeburten und der Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht stieg jeweils um rund 20 Prozent. 

Sind das alles Auswüchse der rigiden Staatshaushaltskürzungen, verordnet von EU-Kommission, Zentralbank, Internationalem Währungsfonds und Europäischem Stabilitätsmechanismus (kurz: „Quadriga“)? Ohne Löhne und Sozialhilfen ist jedenfalls auch die medizinische Versorgung nicht mehr leistbar. Mehr als ein Drittel der GriechInnen lebt derzeit ohne Krankenversicherung. Das Budget der Spitäler wurde um ein Viertel reduziert, Ausgaben für Medikamente sind halbiert. Seither vergeben ehrenamtlich tätige PharmazeutInnen in „solidarischen Apotheken“, wie C.I.F.A. in der Ictinou-Straße, Pillen gegen Rezept kostenlos. Verhütungsmittel sind nur erhältlich, wenn zufällig jemand welche abgibt. 95 Prozent aller hier erhältlichen Arzneien seien nämlich Spenden in- und ausländischer Apotheken und von Privatpersonen heißt es dort. 

Amalia Kotsokolou hat keine Kinder. Zum Glück, sagt sie. Seit 2013 ist die Dolmetscherin, die 18 Jahre lang als Salesmanagerin beim Kofferkonzern „Samsonite Hellas“ vollzeitbeschäftigt war und Benefits wie Dienstwagen und Firmenhandy genoss, arbeitslos. Man sieht ihr das noch nicht so an wie vielen, die über Nacht ihren sozialen Status verloren und lernen mussten, dass sie pro Tag nur noch 60,00 Euro beheben können. Doch schon 2010, als Lohnkürzungen Usus wurden, musste Kotsokolou ihren Lebensstandard radikal umstellen. Ihr Gehalt wurde um 20 Prozent beschnitten, ihr unbefristeter Arbeitsvertrag in ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis umgewandelt. Fleißig arbeitete sie weiter. Umso schockierter war sie, als sie dennoch entlassen wurde. 

ARBEITSLOS, ARM, WEIBLICH
Ein Jahr lang hielt sie sich mit ihrer Abfertigung und monatlich 360,00 Euro Arbeitslosengeld über Wasser. Dieses steht griechischen Angestellten zu, zuletzt 65 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Selbstständige schauen durch die Finger. Notstandshilfe und Mindestsicherung gibt es für niemanden. Wer keine privaten Reserven hat, hat Pech. 

Amalia Kotsokolous Ersparnisse stecken in der Eigentumswohnung, die sie 2007 kaufte. Um wenigstens die Betriebskosten decken zu können, ließ sie die Kreditrückzahlungen auf Eis legen. Einige Monate gewährt ihr die Bank diesen Aufschub noch. Verliert sie ihr Heim, wird sie zu ihren Eltern ziehen. Ein neuer Job ist nämlich nicht in Sicht. Potenzielle ArbeitgeberInnen erachteten sie, wie sie sagt, für „überqualifiziert oder zu alt“.

Tatsächlich hat sich die Arbeitslosenrate in Griechenland bei den 50- bis 60-jährigen Frauen seit Krisenbeginn vervierfacht – eine Folge „vorzeitiger Pensionierungen“ und der „Verwaltungsreform“. Viele Griechinnen waren im öffentlichen Dienst beschäftigt, sprich in Schulen, Kindertagesstätten, in der Alten- und Krankenpflege sowie in Ämtern und Behörden. Dieser angeblich aufgeblähte Beamtenapparat wurde im Zuge der Sparmaßnahmen von 768.000 StaatsdienerInnen auf 650.000 reduziert. Mit einem Schlag waren also über 100.000 Menschen arbeitslos. 

Extreme Zuwächse der Arbeitslosigkeit verzeichnet Eurostat auch bei den jüngeren Frauen. Lag die Arbeitslosenrate der 30- bis 44-Jährigen vor der Krise noch bei 32 Prozent, liegt sie jetzt bei 88 Prozent. Jede dritte Griechin ist inzwischen ohne Job. „57 Prozent der Staatshilfen fließen daher an Frauen. Schwangere und Alleinerzieherinnen erhalten besondere Unterstützung“, erklärt Olga Gerovasili, Regierungssprecherin und enge Vertraute von Syriza-Chef und Premier Alexis Tsipras. 

Griechenlands Armut hat ein weibliches Gesicht: das Gros der „Neo Astegos“, der neuen Obdachlosen, sind Frauen. Eurostat zufolge sind weitere 37 Prozent der Griechinnen von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Eine Studie Athener WissenschaftlerInnen im Auftrag der deutschen Hans-Böckler-Stiftung erklärt warum: „Seit 2009 büßten die ärmsten Haushalte über 86 Prozent ihres Einkommens ein.“ Etliche Betroffene lebten seither von der Unterstützung durch Verwandte. 

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 02/16, S.16

„Ich glaube an das Potenzial meiner Heimat“

Evangelia Koutsovoulou (31) machte sich mit einem Onlinegewürzhandel selbstständig.

Evangelia, herbs, Athens„Du bist verrückt, dass du deine Karriere hinschmeißt!“, rief Evangelia Koutsovoulous Vater entsetzt, als sie ihren -Medienjob in Mailand kündigte, zurück nach Athen zog und hier 2013 ihr eigenes Start-up-Unternehmen gründete (www.daphnisandchloe.com). Inspiriert hatten sie italienische FreundInnen, die von den von Koutsovoulou aus Griechenland mitgebrachten Kräutern nie genug bekamen. Nachdem sie zwei Jahre lang den Markt erforscht und herausgefunden hatte, dass es keine griechischen Edelgewürz-ExporteurInnen gab, beauftragte sie ausgewählte Landwirte und instruierte sie in Sachen Schnitttechnik und Trocknung. Kaum war das Netzwerk aufgebaut, nahm sie ein kleines Startkapital in die Hand, mietete ein Büro inklusive Warenraum und entwickelte eine ansprechende Website. Über diese vertreibt sie nun mediterrane Kräuter, Tees und Gewürze in europäischen und US-amerikanischen Delikatessläden und Restaurants. „Ob Oregano, Fenchel, Thymian, Chiliflocken oder süße Pfefferminze – alle High-Level-Produkte sind handverlesen und stammen von unseren Inseln oder Bergen“, sagt Evangelia Koutsovoulou stolz. Ihre Marke soll Meister- und Hobbyköchen in aller Welt vermitteln, was Griechenland immer war: ein Land des Genusses! „Statt junge Gründer für ihre Bemühungen zu belohnen, bestraft uns die Regierung mit hohen Steuern. Trotzdem glaube ich an mein Talent“, sagt sie. Jeden Cent investiert sie in ihr Geschäft. Bald soll ein Shop folgen, der die Sinne der KundInnen vor Ort anspricht. „Das hat in den nächsten Jahren Priorität, vor Ehe und Kindern“, sagt die Ledige, die in ihrem Freund Manolis einen staunenden Unterstützer fand. Ihre Mutter, eine Brautkleidschneiderin, wird mit dem Nähen von Evangelias Hochzeitsrobe also noch warten müssen. 

„Wir sind ein Experiment“

Die Basisaktivistin Alexandra Pavlou (51) war Mitglied der Linkspartei Syriza. Jetzt macht die Übersetzerin, die von der Untervermietung eines Zimmers und der Rente ihrer Mutter lebt, gegen die Regierung, europäische Ausbeutung und die Depression mobil.

Alexandra Pavlou

Alexandra Pavlou spricht von der systematischen Ausblutung der griechischen Gesellschaft.

Sie engagieren sich in diversen Bürgerinitiativen, sammeln Lebensmittel für Hungernde und organisieren Elektriker, die zahlungsunfähigen Menschen in ihren kalten Wohnungen illegal den Strom aufdrehen. Warum helfen Sie, obwohl Sie selbst in Not sind?
Alexandra Pavlou: Mein Kampf ist ein politischer Akt. Nur so lassen sich Dinge nachhaltig ändern. Ich hoffe, dass Premier Tsipras nicht die gesamte Linke verbrannt hat. 

Ist eine Revolution „von unten“ die Lösung?
Vielleicht. Die Bevölkerung muss erneut eine Widerstandsbewegung bilden, sonst werden wir zu einer Kolonie und arbeiten bald um ein Butterbrot für Konzerne wie Siemens und Bosch. Zweieinhalb Jahre lang gingen wir zu Hunderttausenden auf die Straße, besetzten den Syntagma-Platz. Diese Aufbruchsstimmung war enorm. Bei den Neuwahlen 2012 wählten sogar die Konservativen links, so groß war der Wunsch nach Wandel. Nur deshalb kam Syriza von vier auf 27 Prozent und wurde bei den Europawahlen 2014 und der Parlamentswahl 2015 stärkste Fraktion. Beim Reformreferendum im Juli war dem Volk sogar der Rausschmiss aus der EU egal, wir wollten dem Entwurf der Gläubiger nicht zustimmen. Auch Tsipras riet zu einem Nein. Doch dann hat er uns verraten und weiteren Sparmaßnahmen zugestimmt. Seither herrscht Depression. Wir müssen wieder wütender werden, um diese Lethargie abzuschütteln.  

Hat das Volk atmosphärische Vorzeichen übersehen?
Definitiv. Immer wieder sickerte in politischen Reden durch, dass die obersten Gremien längst beschlossen hatten, die Frucht reifen zu lassen, bis sie von allein abfällt. Aber wir alle hofften, dass Tsipras den Bedingungen der Kreditgeber trotzt. Leider hat er kapituliert. 

Wie schätzen Sie die Lage in den nächsten Monaten ein?
Katastrophal. Die Armut wird sichtbar werden. Die Zahl der Obdachlosen steigt rasant. Immer mehr Schwerkranke können sich keine Medikamente mehr leisten und sterben. Es gibt Schulen, in denen seit Herbst noch kein Mathematikunterricht stattfand. Bildung, Gesundheit, alles, was wichtig ist, um voranzukommen, steht still. Seit 2012 wanderten 200.000 junge WissenschaftlerInnen aus, weil es keine Jobs gibt. Diese künstlich geschaffene kapitalistische Krise verfolgt nur einen Zweck: Zerstörung! Um wieder Gewinn machen zu können, ist eine systematische Ausblutung der Gesellschaft in Gang.

Szene aus dem Alltag in Athen: Das Geschäftsleben stagniert, die Armut floriert – meint Petra Klikovits (rechts).

Szene aus dem Alltag in Athen: Das Geschäftsleben stagniert, die Armut floriert – meint Petra Klikovits (rechts).

Lohnkürzungen betreffen Marina Giannari (36) nicht, ihr Arbeitgeber ist die britische Botschaft in Athen. Ihr Mann dagegen wartet monatelang auf das Gehalt. Deshalb arbeitet sie Vollzeit. Auf Nefeli (7) und Christopher (5) passen dann Oma und Uroma auf. ,,Obwohl Europa über uns Griechen lacht, flüchte ich nicht zu Verwandten in die USA. Jeden Überfluss geben wir Ärmeren. Viele unserer Freunde haben nichts mehr zu essen", sagt Giannari.

Lohnkürzungen betreffen Marina Giannari (36) nicht, ihr Arbeitgeber ist die britische Botschaft in Athen. Ihr Mann dagegen wartet monatelang auf das Gehalt. Deshalb arbeitet sie Vollzeit. Auf Nefeli (7) und Christopher (5) passen dann Oma und Uroma auf. ,,Obwohl Europa über uns Griechen lacht, flüchte ich nicht zu Verwandten in die USA. Jeden Überfluss geben wir Ärmeren. Viele unserer Freunde haben nichts mehr zu essen“, sagt Giannari.

Weiter Porträts lesen Sie in der Printausgabe.

Erschienen in „Welt der Frau“ 02/16 – von Petra Klikovits