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Freies Malen macht glücklich
Arno Stern ist der Begründer des „Malorts“ – einer Institution, die es mittlerweile in der ganzen Welt gibt, auch in Österreich. Kinder und Erwachsene malen dort selbstbestimmt, ohne Druck und ohne Bewertung.

Manchmal ist es so still, dass man nur die Neonlampen brummen und die Pinsel streichen hört. „Kann ich bitte ein neues Blatt haben?“, durchbricht eine Frauenstimme plötzlich die Stille. „Gerne“, lächelt Sigrid Haubenberger-Lamprecht (43), reicht ein Blatt Papier und befestigt es mit Reißnägeln an der Wand, die selbst zu einem Gemälde geworden ist. Spuren der vielen Bilder, die hier bereits entstanden sind.

Der Malort Wien liegt etwas versteckt in einem Hinterhof unweit des Brunnenmarktes. Sonne fällt durch die schmalen Fenster auf den Palettentisch mit 18 Farben und die dazugehörigen Pinsel und Wasserbecher. Neben einem Holzregal und einem Waschbecken ist jener das einzige Inventar. Die Malenden gehen von ihren Bildern zum Palettentisch, tauchen den Pinsel in die Farbe und kehren wieder an ihren Platz zurück. Die Pendelbewegung, die so entsteht, wirkt fast wie eine einstudierte Choreografie.

„Ich brauche ein Stockerl!“, sagt ein blondes Mädchen. „Vielleicht wäre dir mit einer Leiter besser geholfen“, meint die Malort-Leiterin und schleppt eine kleine Stehleiter herbei. Sigrid Haubenberger-Lamprecht versteht sich als Dienende, sie ist im Malort präsent, ohne zu malen. Sie wäscht Pinsel aus, holt Wasser und tupft Farbe ab. So entsteht eine Kommunikation mit den Malenden, ohne etwas über das Gemalte zu sagen.
Vor vier Jahren hat sich Sigrid Haubenberger-Lamprecht ihren Traum erfüllt und einen Malort nach der Methode Arno Stern eröffnet. Früher arbeitete sie als Architektin, bis sie nach der Geburt ihrer Söhne Jonas (8) und Elias (5) mit Arno Stern, dem Begründer des Malorts, und seinen Thesen in Berührung kam.

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Beim Malspiel wird stehend gemalt. Die Zeichnungen bleiben im Malort und werden weder kommentiert noch bewertet.

FORSCHER IM EIGENEN AUFTRAG
„Die Lust zu malen ruht in jedem Menschen“, schreibt Arno Stern in seinem Buch „Das Malspiel und die natürliche Spur“. „Die traditionelle Erziehung, vor allem in der Schule, versucht dieses natürliche Bedürfnis zur Kunst hinzuleiten.“ Werde dies jedoch vermieden, so könne sich daraus eine vollkommen andere Äußerung entwickeln, die natürliche Spur, die Stern auch „Formulation“ nannte. Sie sei in jedem Menschen vorhanden und werde in den freien, spontanen, von Erwachsenen unbeeinflussten Bildern sichtbar.

Eher zufällig entdeckte Arno Stern die heilsame Wirkung des freien Malens. 1924 in Kassel geboren, emigrierte er nach der Machtergreifung Hitlers mit seinen Eltern in die Schweiz. Mit 22 Jahren bekam er in einem Pariser Waisenheim eine Stelle. Sein Auftrag war es, die Kinder mit wenigen finanziellen Mitteln zu beschäftigen. Arno Stern ließ sie malen, er richtete ein Atelier ein und schuf so den Malort, einen geschützten Raum, wo Kinder und später auch Erwachsene malen konnten, ohne Druck und ohne Bewertung. Arno Stern ist Autodidakt, ein Forscher im eigenen Auftrag, ein Pionier auf seinem Gebiet. Der Pädagoge war als Experte für die UNESCO tätig, und obwohl er heuer bereits 90 Jahre alt wird, referiert er immer noch in Bildungseinrichtungen und an Universitäten und bildet Menschen aus, die mittlerweile in ganz Europa Malorte leiten.

FREIES SPIEL MIT FESTEN REGELN
Sigrid Haubenberger-Lamprecht ist eine groß gewachsene Frau, sie trägt kurze Haare und grüne Waldviertler Schuhe. „Die Zeichnungen bleiben im Malort“, erklärt sie die Regeln. Die Bilder werden nicht ausgestellt, nicht kommentiert. Gemalt wird stehend, und die Malenden werden mit dem, was sie für das Malspiel brauchen, bedient. Viele, die zum ersten Mal kommen, staunen, was es in ihnen auslöst, nicht bewertet zu werden. „Wenn man sich auf das eigene Empfinden verlässt und nicht darauf, was von außen kommt, dann wird das Selbstvertrauen gestärkt und es gibt ein Gefühl von Sicherheit.“

Manchen falle es anfangs schwer, das Erlernte abzulegen und wieder einen spielerischen Zugang zu finden. Diese Erfahrung hat auch Yvonne
(29) gemacht: „Wenn ich etwas malen will, überlege ich mir im Vorhinein, ob ich das hinkriege. Damit bewerte ich mich eigentlich selber schon.“

Aurora Guzbeth (49) hat Jahre gebraucht, bevor sie wieder Pinsel und Papier angerührt hat. Als Kind malte sie gerne, bis eine Lehrerin sie mobbte, sie könne nicht malen. Erst durch Arno Stern begann sie wieder damit, und im geschützten Rahmen des Malorts, in den sie gemeinsam mit ihrer Tochter Anna (7) geht, entdeckte sie aufs Neue die Lust am Malen.
Gabriele Klinger (54) ist Künstlerin und Lehrerin. Im Malort genießt sie die Freiheit: „Hier kann ich vertieft arbeiten, ohne Druck, und das fließen lassen, was in mir ist.“ Als Lehrerin hat sie auch schon die Kinder in ihren Klassen frei arbeiten lassen: „Das ist ein ganz anderes Malen. Sie sind mit großer Begeisterung dabei.“

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Sigrid Haubenberger-Lamprecht (links) und Susanne Szalai-Urbanek verstehen sich als Dienende im Malort Wien.

MALORT-BOOM
Malorte gibt es in Österreich schon seit vielen Jahren. 1979 gründete die Schweizerin Pij Arnold-Klapproth den ersten in Salzburg. In den vergangenen neun Jahren, seit Arno Stern auch in Österreich ausbildet, folgten weitere, erzählt Silvia Buchbauer. Sie leitet selbst einen „Malort im Freiraum“ und organisiert Vorträge und Seminare mit Arno Stern und seinem Sohn André. Der 43-Jährige hat nie eine Schule besucht und sich durch Begeisterung und Neugier alles Wissen selbst angeeignet. Noch bis vor Kurzem zogen die Malorte vor allem KunsttherapeutInnen an, (Reform-)PädagogInnen und jene, die sich für freies Lernen interessierten. Seit der Filmemacher Erwin Wagenhofer in seinem Dokumentarfilm „Alphabet“ das Bildungssystem anprangerte und über Arno Sterns Forschungen berichtete, erleben die Malorte ein enormes Interesse.

Sigrid Haubenberger-Lamprecht lässt ihre Söhne ebenfalls selbstbestimmt zu Hause lernen. In ihren Malort kamen anfangs FreundInnen und deren Kinder. Mittlerweile sind die Kurse ausgebucht und mit Susanne Szalai-Urbanek hat sie sich eine Partnerin ins Boot geholt. Sie ist Pädagogin für bildnerische Erziehung und Werken, Mal- und Gestaltungstherapeutin und Malraumleiterin nach Arno Stern. Dem Regelschulsystem hat sie den Rücken gekehrt, da dieses für sie „kein Rahmen mehr ist, um mit Kindern zu arbeiten“.

Der Zwang zur Bewertung, das ständige Herausgerissenwerden durch die ihrer Meinung nach viel zu kurzen 50-Minuten-Einheiten sowie die altershomogenen Gruppen in zu kleinen Räumen entsprachen nicht ihrer Auffassung von Lernen. Arno Sterns wertfreier Zugang zum Malen hingegen um vieles mehr. „Es geht hier aber nicht um Malkunst, sondern um das Malspiel“, stellt sie klar. „Arno Stern hat einmal gesagt: Im Malspiel kann jeder zu dem werden, was er eigentlich ist.“ Darum wirke das Malspiel auch als Therapieprophylaxe. Mit Maltherapie habe es aber nichts zu tun.

AUFMERKSAMKEIT UND GLÜCKSGEFÜHL
In der Literatur wird die Wirkung des Malspiels so beschrieben: Es soll die Konzentration steigern, beruhigend wirken, Glücksgefühle anregen, die Persönlichkeit stärken und durch die Interaktion am Palettentisch auch das Sozialverhalten. Susanne Szalai-Urbanek beobachtet an ihren Kindern (17, 14 und 8 Jahre), dass sie nach dem Malspiel „meistens total entspannt sind. Es ist immer eine gute Stimmung, wenn wir nachher noch zusammensitzen.“

Ich staune vor allem über die Kinder. Elias und Jonas sind die ganzen eineinhalb Stunden mit einer unglaublichen Konzentration und Aufmerksamkeit bei der Sache. Da hört man kein „Mir ist fad, ich mag nicht mehr“. Auch der 12-jährige Theodor schaut nie auf sein Handy und er darf sogar zehn Minuten überziehen. In der Schule male er nicht so gerne, erzählt er. Hier hingegen genießt er es, dass er frei malen kann, ohne dass ihn jemand fragt, was das darstellen soll.   

Die Formulation

1950 gründete Arno Stern im Pariser Viertel Saint-Germain den ersten Malort, die „Académie du Jeudi“. Hier entwickelte er seine Theorie über ursprüngliche Ausdrucksformen – die „Formulation“. Um seine These zu belegen, reiste Stern in den 1960er- und 1970er-Jahren mit einem Koffer voller Stifte und Papier zu NomadInnen nach Peru, Afghanistan, Nigeria und Papua-Neuguinea. Er stellte fest, dass alle Kinder eine ähnliche Entwicklung durchlaufen: Aus Punkten („Punktili“) und endlosen Drehbewegungen („Giruli“) werden Erstfiguren, Strahlen- und Grätenfiguren und schließlich Bild-Dinge, ein Haus, ein Mensch, ein Tier. So entwickelte er seine Theorie einer zeichnerischen Ursprache, die von unserer vorgeburtlichen Erinnerung gespeist werde.

 

Zum Weiterlesen

Arno Stern: Wie man Kinderbilder nicht betrachten soll. Zabert Sandmann Verlag, 19,95 Euro

Arno Stern: Das Malspiel und die natürliche Spur. Drachenverlag, 24,80 Euro

Eine Liste der Malorte nach Arno Stern gibt es auf der Homepage www.kreativ8.at

Infos zur Ausbildung: www.arnostern.com

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2014 – von Julia Langeneder