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Clemens Sedmak ist gerade im Aufbruch. Zwei Jahre wird der Salzburger Theologe nun mitsamt seiner Familie nach Amerika gehen, um dort an einer Universität zu lehren. Zuvor hat er noch ein kleines Buch veröffentlicht. Wie geht das gute Leben?

Muss man, damit man das Gute lebt, ab und zu sich auch verändern?
Clemens Sedmak:
Wenn man davon ausgeht, dass das Leben sich ändert, muss man mitwachsen, sonst wird der Abstand zwischen dem Leben, das vorausläuft, und einem selbst immer größer.
Viele Menschen glauben, ein gutes Leben sei, wenn sich nichts verändert.
Die einen haben Angst vor Veränderung, und ich habe Angst vor Stagnation. Das ist eine Frage des Typs. Gefährlich ist, finde ich, sich ein Leben so einzurichten, dass man meint, das sei perfekt, da solle sich nichts mehr ändern. Das Paradies auf Erden zu haben, finde ich für einen Christen gefährlich, aber auch für Nichtchristen eigenartig, weil das Leben sich ja entwickelt.

40_6_bea_1138_KLEINWelchen Impulsen folgen Sie selbst, wenn es darum geht, ­weiterzugehen oder nicht?
Ich habe ein kindliches Gottvertrauen, zu schauen, welche Türen sich öffnen, ohne dass ich daran gerüttelt habe. Was auf mich zukommt, nehme ich.

Viele sind auf einer ständigen inneren Suche, weil sie gar nicht das gute, ­sondern das beste Leben suchen. Gibt es das beste Leben überhaupt? 
Ich glaube, der Satz „Das Beste ist Feind des Guten“ hat etwas für sich. Was perfekt ist, kann nur schlechter werden und keine Veränderung zugestehen. Es gibt die gesunde Unruhe, bei der man nach dem je Besseren Ausschau hält, ein Mehr in der Liebe, ein Mehr zu Gott und so weiter. Das ist ein Stachel im Fleisch der Selbstgefälligkeit. Es gibt aber auch das Getriebensein. Man kann immer noch mehr machen, aber dann ist man wie ein Frosch auf der heißen Platte und kann nie sagen, es sei gut, irgendwo zu sein.

Die Publizistin Marianne Gronemeyer sagt, das hätte etwas mit einer ­angestrengten Diesseitigkeit zu tun. 
Ich glaube schon, dass der innere Zwang, aus diesem Leben wie aus einer Zitrone alles herausquetschen zu wollen, massiven Stress erzeugt. Ich habe die naive Vorstellung, dass es dereinst weitergehen wird, und das entstresst mich. Ich muss keine unsterblichen Bücher schreiben, denn es geht um ganz etwas anderes. Man muss sich fragen, ob man glaubt, dass dieses Leben das vorletzte oder das letzte ist. Das macht einen großen Unterschied.

Freundschaft mit sich zu schließen, heißt auch, die eigenen ­Schattenseiten anzuschauen. Warum fällt uns das so schwer? 
Es ist unangenehm, auf das zu schauen, was nach den eigenen Standards wirklich schwach und negativ ist. Ich wäre gerne ein liebevoller Mensch und ein guter Christ und sehe, da sind das Zornbinkerl, der Überehrgeiz, die Unreife bis hin zu blankem Hass. Es ist schwer, dass man das alles mit sich herumträgt, und in manchen Situationen bricht es heraus. Es ist leichter, den Schatten anderer anzuschauen oder das, was andere an mir als Schatten sehen. Es braucht wie in einer Freundschaft eine Selbstwertschätzung, die fundamental ist. Der erste Schritt ist: Es ist gut, dass es mich gibt. Dann ist der zweite Schritt, ein Interesse an sich selbst zu haben und dann drittens eine Selbsterkenntnis. Erst dann beginnt die Arbeit an sich selbst und dem eigenen Schatten. Ich halte viel von der guten alten Gewissenserforschung. Wir selbst sollen uns mit den liebenden Augen Gottes ansehen, und dann merken wir, wie es gemeint ist mit uns.

Die spirituellen Traditionen kennen den Begriff der Freundschaftszeiten mit sich selbst, im Gebet, in der Meditation. Was braucht der Mensch, um sich selbst zu spüren? 
In London gibt es jetzt eine neue Kultur der Lunch-Hour. In der Mitte des Tages eine Pause zu machen, das ist schon gut. Ich habe meine Frau dafür gewonnen, dass sie täglich zehn Minuten früher aufsteht. Diese zehn Minuten machen einen riesigen Unterschied, ob man in den Tag stolpert und rennt oder konzentriert und ruhig geht. Das gilt auch, wie man den Tag aufhört. Wer vor dem Fernseher einschläft, hat nicht den besten Abschluss. Man muss suchen, wo man die geschützten Zeiten für sich selbst finden kann.

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Clemens Sedmak will Lebenserfahrung und Theologie verbinden. Der quirlige Geist ist dreifacher Vater und dreifacher Doktor.

Braucht Freundschaft mit sich selbst auch Disziplin?
Jede Beziehung braucht eine Ordnung. Auch die zu sich selbst. Ich muss mir ein Leben schaffen, das es mir nicht zu leicht macht, leichtfertig damit umzugehen. Meine Frau und ich müssen um sechs Uhr aufstehen, egal, wie spät es am Vorabend wurde, weil die Kinder zur Schule müssen et cetera. Disziplin ist der Wille, die Ordnung aufrechtzuerhalten.

 

Welche Rolle spielt der Körper bei der Frage nach der Freundschaft?
Weil wir leibliche Wesen sind, ist Freundschaft mit dem Körper so wichtig wie die mit der Seele. Kann man Ja zum Körper sagen, ohne dass man ihn mordsmäßig hinpushen muss? Wie man mit dem Körper umgeht, hat auch mit Geistlichkeit zu tun. Das wird bei uns Katholiken mitunter unterschätzt.

Gehört zum guten Leben auch der Genuss? 
Ich war noch nie im Burn-out, was sicher damit zu tun hat, dass ich auch genießen kann. Als es mir einmal sehr schlecht gegangen ist, hat Günther Funke zu mir gesagt: „Du, wann immer kleine Dinge sind, die man feiern kann, feiere es.“ Wir versuchen, das auch als Familie zu leben. Mein Freund, ein Biobauer, hat kein Verständnis dafür, dass wir Geld zum Beispiel für Erlebnisse ausgeben. Das haben wir aber dann in uns, das nimmt uns keiner mehr weg.

Freundschaft mit sich selbst heißt, Selbstsorge nicht mit Egozentrik zu verwechseln. 
Freundschaft mit sich selbst heißt, eine gute Beziehung mit der Person zu haben, die man ist, eingedenk der Beziehungen, die diese Person auch eingegangen ist. Egoismus hat für mich mit der Rücksichtslosigkeit zu tun, nicht nach links und rechts zu schauen und den eigenen Nutzen zu maximieren. Wenn man verantwortungsvoll mit sich umgeht, hat man einen langfristigen Blickwinkel, wie man auf Dauer mit der Person, die man ist, ein gutes Leben haben kann.

Gibt es ein gutes Leben, wenn andere keines haben?
Das ist ein bleibender Stachel im Fleisch. Wir haben die Flüchtlingswellen und alles Mögliche, und ich sitze da und rede von Genuss. Deswegen ist so wichtig, dass gutes Leben nicht auf Kosten von anderen gehen darf.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/15 – von Christine Haiden

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Clemens Sedmak:
Das Gute leben. Von der Freundschaft mit sich selbst.
Tyrolia Verlag, 12,95 Euro