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Noch immer werden Österreichs Chefetagen von Männern dominiert. Nur ein Drittel der leitenden Positionen ist von Frauen besetzt. Sind etwa Männer die besseren Führungskräfte? Nein, sagt Andrea Riemer, die renommierte Strategin und Expertin für Führung. Frauen sollten nur einige Vorurteile über sich selbst vergessen.

Es leben die Rollenbilder! Ein Hoch auf Geschlechterklischees ? privat wie beruflich. Die Frau: feinfühlig, intuitiv, ganzheitlich denkend, kann gut zuhören, ist multitaskingfähig und in sozialer Kompetenz unschlagbar. Der Mann: fokussiert, tatkräftig, logisch, direkt, analytisch und entschieden. Eine leidige Kontroverse, durchwachsen von Vorurteilen, die bestenfalls in einer Polarisierung gipfelt, letztlich aber nie zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Geschweige denn zu einem konstruktiven. Und dennoch sorgt das »Gender-Thema« daheim wie im Freundeskreis immer wieder für heftige Diskussionen. ImBerufsleben allerdings kann die Frau-oder-Mann-Frage so manche Karriere massiv beeinflussen. In Führungsetagen angelangt, wird sie meist besonders brisant ? Klischees hin oder her. Denn hier zeigt die berühmte »gläserne Decke« tatsächlich ihre Wirkung: Frauen in einflussreichen Führungspositionen sind in Österreichs Unternehmen nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung (nur 32 Prozent aller Führungspositionen sind mit Frauen besetzt), ganz abgesehen von der immer noch existenten Einkommensschere (weibliche Vollzeit-Arbeitskräfte verdienen hierzulande um ein Drittel weniger als Männer ? für die gleiche Arbeit bei gleichwertiger Qualifikation).

 

ZIELSTREBIGKEIT ODER SELBSTKRITIK.

Doch wie ist es nun: Besitzt tatsächlich ein Mann prinzipiell mehr Führungskompetenz als eine Frau, sodass diese Zahlen gerechtfertigt sind? Oder ist es genau umgekehrt? Sind Frauen die besseren Chefs, weil sie teamorientierter und einfühlsamer sind als Männer? Handeln sie pragmatischer und sozialer, wie in diversen Umfragen behauptet wird? Oder braucht eine Führungsposition »echte Kerle«, die angeblich klarer, mutiger und selbstbewusster agieren?
»Eine starke, kompetente Führungspersönlichkeit ist keine Frage des Geschlechts«, sagt die Strategin und Expertin für Führungsfragen Andrea Riemer, die sich bisher als einzige Frau im deutschsprachigen Raum in Militärwissenschaften habilitiert hat. »Es geht vielmehr um die Kunst, die weiblichen und männlichen Aspekte, die jeder Mensch in sich hat, bewusst und strategisch richtig einzusetzen. Und das können Frauen selbstverständlich ebenso wie Männer.«
Diese Bewertung bestätigt auch die aktuelle Studie des deutschen Unternehmens »profiling values«. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es de facto kaum Geschlechterunterschiede im Führungsstil gibt. Zwei Jahre nahm die Studie für diese Erkenntnis Werte und Selbsteinschätzung von 1.803 Führungskräften aus Österreich, Deutschland und der Schweiz unter die Lupe. Weder in der Fähigkeit zur Empathie noch beim pragmatischen Handeln, bei Ziel- und Erfolgsorientierung, Kreativität oder analytischen Fähigkeiten wiesen Frauen und Männer nennenswerte Unterschiede auf. Einzig im »Attitude Index« stachen weibliche Vorgesetzte hervor: Dieser zeigt, dass sie sich selbst und der Welt deutlich kritischer begegnen, als es Männer tun ? und damit ihrer Karriere vielleicht oft selbst im Wege stehen.

NEUE ANFORDERUNGEN.

»Wir leben in einer Umbruchzeit, nicht nur politisch«, sagt Prof.in Riemer. »Auch die Kriterien, die einen erfolgreichen Führungsstil ausmachen, wandeln sich.« Und so verlangen neue Zeiten nach neuen Wegen. Nach ungewöhnlichen Menschen mit ungewöhnlichen Lösungen. »New Leadership« heißt das Schlagwort der Stunde. Prof.in Riemer: »Wahre Strategie beginnt dann, wenn große Worte enden. Dann wirkt das Zwingende harmonisch und ist letztlich erfolgreich. Eine Führungsverantwortung ist heute nicht bloß ein Fahrplan, und sie ist auch weit mehr als die bisher übliche Triade (Ziel, Mittel, Wege zum Ziel). Eine starke Führungskraft ist mitten drin und nicht nur dabei. Sie führt von vorne, ohne sich im Kleinkram zu verlieren. Sie und ihr Team bilden eine Einheit. Dabei gibt die Führungsinstanz den Beteiligten die Freiheit, die sie brauchen, um das zu sein und zu tun, was sie will.« Die neuen Führungspersönlichkeiten seien folglich wie Adler ? sie haben einen Blick über den Horizont ebenso wie fürs Detail. »Sie tragen Ablehnung mit Würde, Feindschaft mit Gelassenheit und lassen sich durch Zeitgeistiges nicht beirren.«
In Chefetagen werde es daher künftig verstärkt darum gehen, das individuelle Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Eigenschaften gezielt zu nutzen, in den Verhaltensweisen zu erkennen und dann auch zu leben.

WIE EIN DIRIGENT.

In ihrem jüngsten Buch, »Der Strategos 21«, vergleicht Andrea Riemer erfolgreiche Führungskonzepte mit der Arbeit von Dirigenten und Regisseuren. Dazu führte sie u. a. Gespräche mit Christian Thielemann oder Stefan Ruzowitzky. Was kann »New Leadership« von der Kunst lernen? »Von Dirigenten und Regisseuren kann man wunderbar lernen, wie eine Strategie entsteht, wie man daraus ein Konzept macht, wie sich dieses umsetzen lässt und wie man dabei führen kann ? von der Idee bis zu dem Moment, wo der Vorhang fällt.« Denn, so Andrea Riemer, »Strategie ist keine schnelle Nummer. Sie erfordert Reife, Geduld und Letztverantwortung«. Daher wisse ein Dirigent bzw. Regisseur immer, wann er was einsetzen muss. »Er achtet genau auf heikle Übergänge und ist voll bei der Sache, denn sonst reißt er sein Ensemble in den Schmiss. Sowohl eine Führungskraft als auch ein/e MusikerIn muss in der Lage dazu sein, was Wilhelm Furtwängler ,fernhören? nannte.« Das meint auch Daniel Barenboim, wenn er sagt: »Häufig ist es erforderlich, auf das, was einem im bestimmten Moment ganz und gar unentbehrlich erscheint, zu verzichten, um die lange Linie der Musik aufrechtzuerhalten.« Und das, meint Andrea Riemer, »gehört zur zeitgemäßen Führung: sich auch mal zurückzunehmen«.
Eine Tatsache bleibt laut TrendforscherInnen jedenfalls auch künftig bestehen: Frauen in Führungsteams steigern den Unternehmensprofit ? das zeigen Studien wie »Women Matter« der Unternehmensberatung McKinsey. Gemischte Führungsteams sind nachweislich innovativer, das Betriebsklima ist besser, männliche wie auch weibliche Machtkämpfe flauen ab. Auf die Frage, wer nun besser führt, kann man daher bei der nächsten Diskussion ruhigen Gewissens antworten: beide, am besten gemeinsam.

DAS ZEICHNET EINE ERFOLGREICHE FÜHRUNGSFRAU AUS

> Sie hat Demut vor der Sache. Sprich: Sie behält die Füße auf dem Boden, damit der Kopf frei ist.
> Sie ist sich immer bewusst, dass sie Menschen führt (und nicht Untergebene hat).
> Sie motiviert durch Anerkennung: »Wer lobt, der führt.«
> Sie geht davon aus, dass genug für alle da ist. Denn: Führen heißt auch, Erfolg zu teilen.
> Sie wahrt stets Respekt, indem sie den Dialog  aus Kritik und Fürsprache beherrscht.
> Sie befähigt und leitet ihre MitarbeiterInnen an; sie mutet ihnen auch verantwortungsvolle Aufgaben zu. Denn Führen hat immer auch viel mit Vertrauen zu tun.
> Sie nimmt sich genügend Zeit fürs »Führen«. Denn sie ist heute nicht nur ManagerIn, die/der Daten, Fakten und Zahlen abhandelt, sondern auch ExpertIn in Menschenführung ? und die beansprucht  weit mehr Zeit als andere Agenden.
> Sie ist standsicher, selbstbewusst und geübt in Gelassenheit.
> Sie ist rhetorisch kompetent, belastbar und intuitiv.
> Sie kann strategisch gut delegieren, geht souverän mit Widersprüchen um und versteht es, Freiräume zu gewähren.
> Sie denkt ganzheitlich, ist analytisch begabt und lässt auch spirituelle Aspekte nicht außer Acht.
> Sie agiert als SchöpferIn und nicht ausschließlich als MacherIn ? wie ein/e AlchemistIn, die/der Verstand und Geist verbindet.
> Sie besitzt eine ausgeprägte Fähigkeit aktiv zuzuhören, zu kommunizieren sowie psychologisches Feingefühl.
> Sie weiß um die Wichtigkeit von Ruhe, von Pausen und vom
»In-die-Stille-Gehen«.
> Sie ist sich bewusst, dass FührerIn und Geführte eine Einheit in
Vielfalt bilden.

SO »FÜHRT« SICH FRAU SELBST ANS ZIEL

Die Strategin, Buchautorin und langjährige Vortragende an internationalen Universitäten zu Themen der strategischen Führung und »New Leadership«, Prof.in Andrea Riemer, empfiehlt vor allem eines: »Schränken Sie sich nicht frühzeitig durch eine zu strenge Karriereplanung ein. Machen Sie lieber von Anfang an, was Ihnen Freude bereitet. Dann ergibt sich der Weg ans Ziel oft scheinbar wie von allein.« Zudem ist es hilfreich, die folgenden Punkte zu beachten:

> Nicht auf ausgetretenen Pfaden gehen. Seien Sie kein »Ich auch«-Produkt, sondern fallen Sie mit Ihrer Einzigartigkeit auf ? und das kann gar nicht ungewöhnlich und anders genug sein!
> Trauen Sie sich! Muten Sie sich Neues zu! Seien Sie eine Art »unvereinnehmbare Andersdenkerin jenseits aller Konzepttüten«.
> Streben Sie nicht zu früh eine Führungsposition an, sondern geben Sie sich Zeit herauszufinden, ob Sie überhaupt dafür geeignet sind.
> Geduld, Dranbleiben und Beharrlichkeit zahlen sich aus.
> Üben Sie sich von Anfang an in Disziplin und Hingabe ? eine Führungsposition verlangt beides.
> Ein Abschluss ? egal in welcher Art Ausbildung ? ist immer nützlich.
> Setzen Sie Prioritäten und bewahren Sie zugleich Offenheit.
> Machen Sie ruhig mal einen Fehler! Es ist wichtig und lehrreich, auch strategisch mal danebenzugreifen.
> Stellen Sie sicher, dass es Menschen in Ihrem Leben gibt, die Ihnen als Reflexionshilfe dienen und Sie auf Ihrem Weg begleiten.

Andrea Riemer

ist Strategin und Expertin in Führungsfragen und Autorin des Buches »Der Strategos 21«, In Umbruchzeiten erfolgreich führen, Verlag Holzhausen, 160 Seiten, ? 19,00.

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/ 2011 – von Susanna Sklenar