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Gary Cooper und ich

Vor Jahren war ich auf der Insel Sylt, mit übervollem Kopf und tiefer Verzweiflung im Herzen. Dort wollte ich mich ablenken, schöne Häuser anschauen, das Nordisch-Geordnete zur Beseitigung meines inneren Chaos nutzen und lesen. Denkste. Die Kargheit der Insel hat mich auf mich selbst zurück geworfen, der Wind blies mir ordentlich ins Gesicht, und gelesen habe ich keine Zeile.

So ähnlich geht es mir jetzt auf Djerba. Hin und wieder ein paar Kamele, vereinzelt deutschsprachige Touristen, Wind und sporadisch blühende Mittagsblumen. High Noon also für mich? Bin ich Grace Kelly, die sich vor dem Leben hinter einem Vorhang versteckt oder Gary Cooper, der sich zwar auch in die Hose macht, aber trotzdem auf der staubigen Straße seinem Schicksal entgegen schreitet? Ohne auch nur den Verdacht einer Identitätskrise erwecken zu wollen: Ich tendiere zu Gary Cooper. Nicht nur, weil er mich an eine Liebe erinnert, die ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat, sondern auch deshalb, weil ich ein im Grunde furchtloser Mensch bin. Ein Mann mit drei Kindern? Her damit. Ohne einschlägige Erfahrung einen Film schneiden? Wenn mir das zugetraut wird. Eine Reise allein durch die arabische Welt? Immer wieder gerne.

Wovor ich mich allerdings wirklich fürchte, ist die Antwort auf die Frage: Wie setze ich künftig meine Prioritäten? Bislang war es so, dass ich stets einen Sinn dahinter gesehen habe, wenn mich etwas von mir selbst abgehalten hat. Denn schließlich passiert kaum etwas im Leben zufällig. Und in den meisten Fälle habe ich daraus auch viel über und für mich gelernt. Ich habe allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass ich unzählige Stunden meines Lebens „verwartet“ habe, nur weil sich jemand seiner Wichtigkeit in meinem Leben nicht bewusst war. Was hätte ich alles machen können, wenn ich gewollt hätte! Aber nein, sehnsüchtiges Harren auf Wasauchimmer hatte Priorität.

Zwischen Algenablagerungen und Kamelkügelchen wird mir klar, dass ich damit meinen eigenen Wert sabotiert habe. Auf Facebook bekomme ich den Spiegel vorgehalten: „Je mehr Chancen Du jemandem gibst, umso weniger Respekt wird er für dich aufbringen. Er wird die Standards ignorieren, die Du gesetzt hast, weil er weiß, dass er eine neue Chance bekommt. Er fürchtet sich nicht, Dich zu verlieren, weil er weiß, dass Du eh nicht gehen wirst. Er wird es sich bequem machen, weil er weiß, dass Du ihm vergeben wirst.“ Und ich bin RICHTIG GUT im Vergeben.

Jetzt kann man sich natürlich auf eine Diskussion einlassen, was Respekt bedeutet. Doch ist eine allgemeine Definition wichtiger als die, die man für sich selbst findet? Wenn ich beispielsweise etwas als unfreundlich empfinde, muss das vom Gegenüber noch lange nicht unfreundlich gemeint sein. Ist es also objektiv gesehen unfreundlich oder nur eine Empfindlichkeit meinerseits? Die Frage ist doch, wem man in solchen Dingen die Deutungshoheit überlässt – dem anderen oder sich selbst. Bestellt man an einem abgelegenen spanischen Strand auf deutsch sein Essen, ist das respektlos. Lässt man jemanden warten, ist das respektlos. Nimmt man Liebe für selbstverständlich, ist das respektlos.

Also wird die Selbstsabotage damit enden, meinen eigenen Standards Geltung zu verschaffen. Und nach der dritten Chance „Leb wohl!“ zu sagen – zu wem auch immer. Oder wie Gary Cooper in „High Noon“ sagte: „I’m tired of being pushed.“

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