11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Gegen mein Innerstes
Ulrike, 56, sah als junge Frau keinen anderen Ausweg, als ihr erstes Kind nicht zu bekommen.

Was für ein wunderbares Gefühl. Ich und schwanger. Ich wusste es damals sofort, obwohl die Menstruation noch gar nicht ausgeblieben war. Noch dazu von dem Mann, den ich so sehr liebte. Eigentlich das Beste, was mir passieren konnte.

Doch die Wirklichkeit lautete anders. Ich hatte mit der Verhütung aufgehört, weil ich mich von ihm trennen wollte. Endlich. Ich wollte loskommen von einer Liebe ohne Zukunft. Er war verheiratet. Doch er gab nicht auf. Er wollte mich, immer wieder. Da wurde ich weich.

„Du wirst dir doch deine Zukunft nicht verbauen.“ Die ganze Familie war total dagegen, dass ich das Kind bekomme. Ich war mit 19 Jahren in ihren Augen einfach zu jung. Und der Erzeuger zu verheiratet. „Das freut mich aber“, meinte der Vater meines Kindes. Dabei spürte ich, dass er keinerlei Verantwortung übernehmen wollte.

„Das musst du halt jetzt ausbaden“, lautete der trockene Kommentar meines Stiefvaters. Meine Mutter schwieg emotionslos. Hätte ich doch Eltern gehabt, die gesagt hätten: „Ulrike, wenn du dich für dein Kind entscheidest, dann sind wir für euch beide da. Das machen wir gemeinsam, wir unterstützen dich.“ Finanziell wäre das in meinem Elternhaus überhaupt kein Problem gewesen.

Ich würde es nie wieder tun.

Ich fühlte mich so alleine. Auf verlorenem Posten mit meinem Wunsch, Mutter meines Kindes zu werden. Damals wohnte ich noch daheim und verdiente sehr wenig. Es war letztlich eine Entscheidung unter massivem Familiendruck. Ich erledigte das Thema, indem ich den Schwangerschaftsabbruch vornehmen ließ. Sehr vernünftig, fanden meine Eltern danach einstimmig.

Doch mein Körper wollte sich die Schwangerschaft erhalten. Ich legte kontinuierlich an Gewicht zu. Und hatte dabei immer im Hinterkopf: Wann wären die Kontrolltermine, wann wäre der Geburtstermin? Er wäre heute 36 Jahre alt. Ich wusste, dass es ein Sohn geworden wäre.
Ein Schwangerschaftsabbruch ist nur scheinbar ein leichter Entschluss. Ich hätte es nie noch einmal getan. Aus meiner Erfahrung ist es für mich leichter, ein Kind zu bekommen, als es nicht zu kriegen. Das Wort „Abtreibung“ verwende ich nie. Meine Wehmut begleitet mich bis heute. Einmal dringlicher, einmal weniger. Ich hätte mich damals nicht getraut, anders zu handeln. Mittlerweile haben sich meine Schuldgefühle gelegt. Ich bin mit meiner Vergangenheit versöhnt. Geholfen hat mir dabei auch ein langes Beichtgespräch.

Seit 30 Jahren bin ich glücklich verheiratet und habe zwei Kinder geboren. Sie wissen von einem großen Halbbruder. Mein Mann hat damals, als er davon erfahren hat, sehr liebevoll reagiert.

Nicht vergessen habe ich aber die Reaktion einer mittlerweile verstorbenen Tante. „Dass dir das so nahegeht, bei mir war das nie so.“ Obwohl ihre Abtreibungen noch illegal waren und unter Einsatz ihres Lebens vollzogen wurden. „Das war halt Frauensache“, hat meine Tante nüchtern gemeint. „Meinen Mann habe ich damit nie belästigt.“ Ich glaube, sie hat nie über ihren Schmerz gesprochen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2012 – von Michaela Herzog