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Geht doch ganz leicht!

In der Familie, in der Firma, in Fernsehdiskussionen oder auf dem Fußballplatz: Überall wird gestritten, doch gepflegte Debatten gibt es selten. Oft gehen uns die Argumente aus und Gefühle mit uns durch. Anregungen zu einer gelungenen Streitkultur.

Auf welches Niveau streitende Menschen sinken können, weiß Sara Telek (27) nur zu gut. Zückt die Fußball-Schiedsrichterin bei Regelvergehen die gelbe oder rote Disziplinarkarte und verweist unfaire Spieler vom Platz, wird ihre „unpopuläre Entscheidung“ von der betreffenden Mannschaft und dem Trainer schnell einmal mit Verachtung gestraft – und von aufgebrachten Fußballfans, die mit Bierbechern enthemmt auf der Tribüne grölen, mit kollektivem Schmähgesang und wüsten Beschimpfungen.

Als Unparteiische hat Telek gelernt, Streitsuchenden mit Ruhe, Respekt und ihrer natürlichen Autorität zu begegnen (siehe Seite 13). Denn nur klare Grenzen gewährleisten „Fair Play“. Zu wissen, dass sie laut werden kann, bringe ihr Vorteile, sagt sie. Als sie noch ein Kind war, waren sich ihr Bruder und sie öfter in die Haare geraten. Je größer und stärker die beiden wurden, umso mehr verlagerten sich die geschwisterlichen Raufereien in einen verbalen Schlagabtausch. Telek schätzte die Reibereien dennoch, denn bei jedem Konflikt konnte sie „die Kraft und Energie spüren“, die in ihr steckt.

TRAININGSSTÄTTE: FAMILIE
Der Lustrausch, der entsteht, wenn der Körper Konfrontationen als bedrohlich wahrnimmt und Adrenalin und Testosteron ausschüttet, sei von allein kaum zu bändigen gewesen, sagt sie. Oft ging daher Teleks „ruhiger, harmoniebedürftiger Vater“ dazwischen, um zu besänftigen und einen Friedenszustand herbeizuführen – im Wissen, dass ein guter Streit mit einer Einigung endet, nicht mit Sieg und Niederlage. „War ich schuld, verlangte Papa, dass ich mich versöhne. Das fiel mir immer sehr schwer“, sagt Telek.

In ihrer Mutter fand sie den nächsten Reibebaum: „Weil Mama früher sehr temperamentvoll war und die Konfrontation oft forderte und brauchte, stritten wir manchmal so sehr, dass wir uns danach tagelang anschwiegen und ignorierten, außer wir brachen schon während unserer Schreiduelle in Lachen aus.“ Gelang das nicht, stieg Telek trotzig aus und suchte Rückzug, Flucht und Einsamkeit. Abgesehen von der Streitregel „Versöhnen!“ hatte man ihr im Elternhaus keine weitere beigebracht. Auch nicht in der Schule, wo Telek ihre Schlagfertigkeit nur noch weiter perfektionierte. „Vernünftiges Diskutieren“ lernte sie erst mit ihrem Freund, der mit Humor gut deeskalieren kann. Ein überraschender Scherz kann nämlich die aggressive Dynamik unterbrechen und den gesamten Konflikt entschärfen. 

Generell sei die Familie der erste Ort, an dem wir Streiten lernen, sind sich PsychologInnen einig. Hier sollte Platz für banale Meinungsverschiedenheiten und hemmungslose Wutausbrüche sein. Eltern tragen also Wesentliches zum Erlernen einer Streitkultur bei. „Kinder lernen durch Nachahmen. Schlimm ist nicht, wenn sie ihre Eltern streiten sehen. Schlimm ist, wenn Konflikte unter den Teppich gekehrt oder heimlich ausgetragen werden. Das Kind hat dann keinerlei Vorbild“, meint Monika Schwaighofer von der „Streitschule Salzburg und Wien“ (siehe Seite 17). Kinder sollten unbedingt erleben, dass man Probleme „ausreden“ und so gute Lösungen finden kann. Und sie sollten auch spüren, wie weit sie selbst gehen können.

Dispute mit Geschwistern oder SpielkameradInnen sind da hilfreich. „Mit dem Kindergarten-Eintritt erweitert sich das soziale Umfeld des Kindes. Es muss lernen, sich auch außerhalb der Familie in schwierigen Situationen zurechtzufinden“, so Schwaighofer, der es am „allerliebsten wäre, Streitkultur als Unterrichtsfach zu etablieren“. 

RÜCKGRAT ENTWICKELN
Durch Dispute lerne ein Kind nämlich, seine Bedürfnisse und Meinungen gegen Widerstände zu verteidigen und durchzusetzen, eine eigene Identität, Rückgrat und Mut zu entwickeln. Außerdem lebe es auf gesunde Weise Gefühle wie Ärger und Wut aus und gewinne Vertrauen, dass es trotz Auffassungsunterschieden vom Gegenüber angenommen und geliebt wird.

Vor allem in der Adoleszenz, wo eine Abnabelung von den Eltern beginnt, ist regelmäßiges Kräftemessen wichtig. So mühsam dies für Halbwüchsige und Erwachsene manchmal sein mag, Kollisionen signalisieren Pubertierenden: „Ich beschäftige mich mit deinen Ansichten, du bist mir nicht egal.“ Wer indes in einem Zuhause aufwuchs, wo Emotionen und Zwist im Keim erstickt wurden oder nur eine Person das Sagen hatte, kann sich als Erwachsener seine kindlichen Ohnmachtsgefühle bewusst machen und die verteufelte „Knatschzone“ in einem neuen Licht betrachten.

GRENZEN ERFAHREN
Brigitte Brandstötter (68) begleitet solche Prozesse professionell. In ihrer Praxis coacht die Kultursoziologin, Kommunikationswissenschaftlerin, Philosophin, Segellehrerin und vierfache Mutter Menschen, die Kurs auf ein gelingendes Leben nehmen möchten (siehe Seite 15). Inspirierend für ihre Arbeit sind der Ansatz des Utilitarismus, „der eine größtmögliche Zahl von Menschen vor dem größtmöglichen Schaden bewahren wollte“, aber auch die alten Philosophen selbst, die ihre „Streitschriften“ zur Kunstform erhoben und nicht zwecks Demonstration ihrer Überlegenheit stritten, sondern zwecks „Erlangung von Konsens“.

„Sokrates etwa erkannte, dass These und Antithese gemeinsam schließlich eine Synthese ergeben. Im Alltag kann sich daher jeder beim Streiten fragen: ,Ist das, was ich weiß, wahr? Was ist wirklich? Und was sind die Folgen?‘“, erklärt Brandstötter. Damit könne man sich von alten Glaubensmustern frei machen. Für die meisten von uns sei ja schon der Begriff „Streit“ absolut negativ besetzt. Dabei berge ein Zwist eine Fülle an positiven Aspekten. Denn oft erführen Streitende erst in dieser Situation, wo eigene und fremde Grenzen lägen: „Wer einen Streit vom Zaun bricht, signalisiert: ,Bis hierher und nicht weiter.‘ Werden in einer Gesellschaft persönliche Grenzen, aber auch öffentliche Regeln, Sitten, Gesetze et cetera missachtet, befeuert das einen Streit und führt zum Tabubruch. Insofern ist Streit eine Orientierungshilfe für angemessenes Verhalten.“ 

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 06/16.

„Wut in positive Kraft verwandeln“

Fußball-Schiedsrichterin und FIFA-Assistentin Sara Telek
Sara Telek (27) ist Sportjournalistin. Sie kommentierte bereits die Bundesliga und zählt seit acht Jahren zu den wenigen Fußball-Schiedsrichterinnen des Landes. Auch bei der Europameisterschaft ist die FIFA-Assistentin dabei – diesmal im Publikum.

Sara Telek (27) ist Sportjournalistin. Sie kommentierte bereits die Bundesliga und zählt seit acht Jahren zu den wenigen Fußball-Schiedsrichterinnen des Landes. Auch bei der Europameisterschaft ist die FIFA-Assistentin dabei – diesmal im Publikum.

Nicht nur Kinder zanken beim Spiel, auch Erwachsene tun es. Welche Attacken gibt es im Fußball?
Als im zweiten Jahrtausend vor Christus in China der Vorläufer des Fußballs erfunden wurde, war der Sport ziemlich brutal. Im 15. Jahrhundert kam es beim englischen Treibball, der zwischen Dörfern ausgetragen wurde, sogar zu Todesfällen. Zum Glück wurde 1874 die Position des Fußball-Schiedsrichters eingeführt. In dieser Funktion gehe ich energisch dazwischen, um Eskalationen zu vermeiden und die Spieler wieder auf das Wesentliche zu fokussieren. Weil ich auch Frauen-Matches pfeife, weiß ich, wie Spielerinnen agieren: Nach außen wirken Frauen ruhig, sie provozieren und kritisieren aber gerne beiläufig.

Gibt es Mentalitätsunterschiede?
Man nimmt oft an, dass südländische SpielerInnen hitziger sind. Meine Erfahrung zeigt: Es hängt von der Einstellung des oder der Einzelnen ab. Schwierige Charaktere gibt es überall, auch in Österreich.

Sie reflektieren Ihr privates Konfliktverhalten. Was haben Sie dabei herausgefunden?
Wenn ich launisch und unzufrieden bin, Kleinigkeiten zum Anlass für Reibereien hernehme und irgendeinen Grund suche, um ein bisschen Unruhe zu stiften, geht es in Wahrheit um Aufmerksamkeit statt um eine bestimmte Sache. Luft rauszulassen ist angenehm. Doch wenn ich selbst keine Lust auf Konfrontation habe, ist Streiten anstrengend und extrem energieverschwendend. Wut in positive Kraft zu verwandeln ist sinnvoller. Heute versuche ich, nach einem Konflikt nicht mehr davonzulaufen, sondern diesen respektvoll zu beenden. Auch das Versöhnen ist mir wichtiger geworden.

Was halten Sie davon, wenn schriftlich, zum Beispiel per SMS, statt persönlich gestritten wird?
So entstehen oft Missverständnisse. Andererseits kann man beim Schreiben überlegen und lässt sich vielleicht nicht so schnell zu unbedachten Äußerungen hinreißen. Wichtig ist, dass Konflikte vollständig und bis zum Ende ausgetragen werden. Wer auseinandergeht und keinen Kontakt mehr sucht, riskiert einen Bruch. Ich habe Freundschaftsauflösungen dieser Art bereits erlebt.

„Streiten liegen unbefriedigte Bedürfnisse zugrunde“

Brigitte Brandstötter von der „Sozialphilosophischen Praxis“, Mondsee

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Brigitte Brandstötter (68) ist Kultursoziologin, Philosophin, Kommunikationswissenschaftlerin und coacht Einzelpersonen, Institutionen und Unternehmen auch im Streitfall. www.so-phi.at

Welche Arten von Streitkulturen gibt es? Wodurch zeichnen sie sich aus?
In Diktaturen und autoritären Systemen bestimmten Machthaber alles allein. In westlichen Demokratien, in denen sich alle gleichberechtigt äußern dürfen, sind Auseinandersetzungen daher ein Segen und unerlässlich. Damit Konflikte konstruktiv ablaufen, könnten Gesellschaften das autoritäre Konzept des „Entweder-oder“ gegen ein „Sowohl-als-auch“ eintauschen und ein „Weder-noch“ als legitim akzeptieren, falls sich nicht gleich stimmige Kompromisse ergeben. Mehr Zeit bei der Lösungsfindung ist dann empfehlenswert. In arabischen Ländern vermitteln oft Dritte. So entgehen Streitende direkten Konfrontationen und einem möglichen Gesichtsverlust. Streit ist jedenfalls sehr gesund: Körper und Psyche werden entlastet. Unklare Verhältnisse sind wahre Energiefresser.

Welche tieferen Bedürfnisse liegen Konflikten generell zugrunde?
Häufig geht es um unerfüllte Erwartungen und damit verbundenen Frust, der sich im Streit entlädt. Auch absichtliche Kränkungen, um Unterlegenheitsgefühle zu kompensieren, und der Kampf um Ressourcen wie Macht, Land, Reputation, Erdöl et cetera verursacht Streit. Sind Ideologien der Grund, bleibt der Austausch von Argumenten meist wirkungslos, weil diese als Waffe eingesetzt werden, um den Gegner wortgewaltig schachmatt zu setzen.

Tragen Frauen und Männer Streit tendenziell anders aus?
Ja. In der Antike stritten sie in jeweils eigenen Sphären. Im vergeistigten Sinn gilt das bis heute: Frauen vermischen häufiger die persönliche mit der sachlichen Ebene und sind nachtragender. Kleine Jungs rempeln sich an und klopfen sich danach auf die Schulter. Bei Mädchen ist das schwerer vorstellbar.

„Komm, lass uns streiten lernen!“

Monika Schwaighofer, Streitschule Salzburg und Wien
Monika Schwaighofer ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und ausgebildete Mediatorin und hat 2004 die Streitschule Salzburg und Wien gegründet. www.streitschule-salzburg.at

Monika Schwaighofer ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und ausgebildete Mediatorin und hat 2004 die Streitschule Salzburg und Wien gegründet.
www.streitschule-salzburg.at

Was macht die Streitschule?
Die Streitschule arbeitet präventiv, das Ziel der Einzel- oder Gruppentrainings ist es, Sicherheit im Umgang mit Konflikten zu gewinnen. Die Themen reichen von Beziehungskonflikten bis zu Streitereien im Job. „Wenn Beleidigungen, Verletzungen und Aggressionen im Raum sind, ist die Erde bereits verbrannt. Dabei gäbe es vorher viele Chancen für gute Lösungen“, sagt Monika Schwaighofer, Gründerin der „Streitschule Salzburg und Wien“.

Wie streite ich „richtig“?
Beim „richtigen Streiten“ geht es nicht um die große Verhandlungsführung, sondern um innere Klarheit und eine wertschätzende Grundkomponente. „Entscheidend ist die ehrliche innere Haltung! Will ich überhaupt eine Lösung für den Konflikt? Oder will ich einfach nur recht haben?“, bringt Schwaighofer zwei weitere Ingredienzien für Streitkultur zur Sprache: Ehrlichkeit und Selbstverantwortung.

Was braucht’s für eine gute Streitkultur?
„Das Um und Auf ist die Selbstklärung. Es geht darum, sich vor jedem Konfliktgespräch klarzumachen: ,Worum geht es eigentlich, was sind meine Gefühle und was will ich vom anderen?‘ Damit schaffe ich Sicherheit und Struktur“, erklärt die Streitexpertin. Der nächste Punkt sind die Wortwahl und das Bewusstsein dafür, dass gerade in wenig angenehmen Situationen die klare und wertschätzende Sprache umso wichtiger ist. „Und zum Dritten geht es um bedingungsloses, zumindest kurzzeitiges Zuhören! Wenn ich vorbereitet bin, gelingt das recht entspannt.“