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Die Tür wird einem vor der Nase zugeknallt, die Mineralwasserkiste muss man selber in den Einkaufswagen hieven, und in der Straßenbahn wartet Frau mit Kind vergeblich auf einen Sitzplatz. Stirbt der Gentleman aus? Und: Brauchen wir ihn noch?

Als Kind habe ich gerne den Geschichten meiner Oma gelauscht. Wenn sie von Bällen erzählte, wo sich die Männer in Tanzkarten eintragen mussten, um einen Walzer mit der Dame ihres Herzens drehen zu dürfen. Und davon, wie ihr der Opa heimlich den Hof gemacht hat, unter dem Fenster ihres Mädchenzimmers mit einem Strauß roter Rosen (Rosamunde Pilcher könnte es nicht besser erfinden). Ich glaube, es dürften etliche Rosen gewesen sein, bis meine Oma sein Werben erhörte.
Heute sind es die Frauen, die ihre Männer zum Tanzkurs überreden, der Beziehungsstatus lässt sich über Facebook abfragen und per SMS kann man eine Liebesbeziehung anfangen und auch beenden. Wo ist er geblieben, der Gentleman? Ist er dem Zeitgeist zum Opfer gefallen oder der Emanzipation? Zuvor ist aber noch eine andere Frage zu klären:

WAS MACHT DEN GENTLEMAN AUS? Irgendwie weiß zwar jeder, wer damit gemeint ist, ohne es aber klar artikulieren zu können. Laut Duden ist der Gentleman ein „Mann von Anstand, Lebensart und Charakter“. Früher galt adelige Abstammung als maßgebliches Kriterium. Dadurch war der Gentleman in der Lage, seinen Lebensunterhalt gänzlich ohne Arbeit zu bestreiten oder zumindest ohne einer körperlichen Arbeit nachzugehen. Stattdessen reiste er viel, studierte Sprachen, Recht oder Theologie, frönte der Jagd sowie dem Reiten und maß sich im Duell, wenn es darum ging, seine Ehre zu verteidigen.

IST DER GENTLEMAN EIN ENGLISCHES PHÄNOMEN? Nein, er ist kein englisches Phänomen, obwohl Großbritannien den Begriff prägte und stilbildend wirkte. Und er ist auch keine Erscheinung des 18. oder 19. Jahrhunderts. Es ist vor allem die innere Haltung, die den Gentleman auszeichnet und die ihn zu einem klassen- und zeitlosen Ideal macht, schreibt Martin Scherer in „Der Gentleman. Plädoyer für eine Lebenskunst“. Mit Status, Erfolg oder erlesenem Geschmack hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Ein Gentleman ist höflich und bescheiden, er verliert nie die Beherrschung und er hat das Vermögen, etwas für sich zu behalten. Er ist großzügig, charmant und ein Freund der Ironie – als Ausdruck einer guten Menschenkenntnis und eines gesunden Menschenverstandes. Und vor allem übt er sich „im scheinbar Einfachsten: im Hinsehen und Hinhören“. In der heutigen Beschleunigungsgesellschaft ist das vermutlich eines der schwierigsten Dinge.

WO IST ER NUN, DER GENTLEMAN? Google spuckt auf Anfrage 131.000.000 Treffer aus. Da gibt es einen deutschen Reggae-Musiker oder einen Friseursalon, ja sogar „Gentleman Stunts – Motorrad-Stunts vom Feinsten“. Man liest von Gentleman-Räubern im Anzug und kommt natürlich an James Bond nicht vorbei – obwohl Roger Moore, der den smarten Helden siebenmal verkörpert hat, in Interviews immer wieder betont hat: „James Bond ist kein Gentleman und war noch nie einer. Er tötet Menschen – das sind nicht gerade perfekte Manieren.“

Schade um den Gentleman, der so inflationär verwendet wird! „Offenbar macht sich bei vielen Menschen ein angenehmes Gefühl breit, sobald dieses Wort fällt“, analysiert Martin Scherer. Nicht von ungefähr trifft man den Gentleman heutzutage oft in Kontaktanzeigen und Nachrufen an. Und auch dann, wenn es um Stilfragen geht.

MACHEN KLEIDER LEUTE BZW. GENTLEMEN? Kleidung allein macht keinen Gentleman, stellt Bernhard Roetzel im Vorwort seines Bestsellers „Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode“ klar, um sich dann auf den nächsten 350 Seiten fast ausschließlich diesem Thema zu widmen: „Ein Gentleman ist jemand, der nichts dem Zufall überlässt. Es reicht nicht, dass man sich tadellos kleidet und dass alles makellos gepflegt ist. Die ganze Erscheinung muss vollkommen sein. Sind die Fingernägel gut manikürt? Sitzt der Hut im rechten Winkel? Ist der Regenschirm so eng gerollt, wie es sich gehört? All diese Fragen muss ein Gentleman sich stellen, sobald er mit dem Frühstück fertig ist.“ Auch wenn es Roetzel etwas auf die Spitze treibt, fragt man sich: Reduziert sich der Gentleman von heute auf Mode und Manieren?

GUTES BENEHMEN IST GEFRAGT. Das ergab eine Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg unter 2.000 Personen. Danach halten es 55 Prozent der Frauen für äußerst ansprechend, wenn ihnen ein Mann in den Mantel hilft. Und 74 Prozent, also fast drei Viertel der Frauen, begrüßen es, wenn man ihnen die Tür aufhält. Gutes Benehmen scheint also nach wie vor en vogue. Es macht aber noch keinen Gentleman aus, der auch eine Frage der Bildung, der Philosophie und der Werte ist. Und außerdem: Gut gemeinte Gesten wie das Aufhalten der Tür oder beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein kommen nicht bei allen Frauen gut an. Manche fühlen sich bevormundet, andere wollen es einfach nicht. „Vor vielen Jahren hat mich einmal eine Frau geschimpft, als ich ihr den Stuhl zurechtrücken wollte. Das kann ich selber, hat sie forsch gemeint“, erzählt Tanzlehrer Alexander Kreissl. „Aber ich mach es immer noch“, meint er kokett. Vermutlich sind nicht alle Männer so resistent.

SIND ALSO DIE FRAUEN SCHULD, DASS ES SO WENIG GALANTES VERHALTEN GIBT? Oder hat der Gentleman in der partnerschaftlichen Aufteilung von Beruf und Familie kapituliert? Von Schuld will die Benimm-Expertin und Kommunikationstrainerin Elisabeth Bonneau nicht sprechen. Eher von einem Missverständnis. Frauen erwarten sich von einem Gentleman, dass er „souverän, wertschätzend, diskret, rücksichtsvoll und umsichtig ist“. Manche Frauen würden die Umsicht eines Gentlemans jedoch als überzogen empfinden. Sie wollen zum Beispiel nicht, dass man für sie im Restaurant den Wein aussucht. Weil sie das selber können und dann auch tun wollen. Umsicht bedeutet für sie fast schon einen Übergriff. Wie kann ein Gentleman das Dilemma lösen? „Durch vorausschauendes Handeln“, meint Bonneau. Das heißt: Besser nicht fragen: „Darf ich helfen?“ –  und die Dame damit als hilfsbedürftig erklären -, sondern generell das Angebot  machen: „Darf ich Ihnen die Garderobe abnehmen?“ Oder: „Sie möchten sicher ablegen.“ Dieses Angebot kann die Dame nun in ihrem Sinn deuten. Möchte sie seine Hilfe nicht, zieht sie den Mantel selbst aus und reicht ihn dem Herrn, der ihn dann aufhängt. In jedem Fall hat der Herr sie so in eine Ja-Haltung versetzt, sie musste nichts ablehnen.
Ja, ein Gentleman ist ständig am Ausloten und Abtasten. So weiß er, wann er sich zurücknehmen muss und wann er zupacken soll, wann die Zeit zum Reden ist und wann zum Schweigen. Wann er ein „Nein“ akzeptieren muss, aber wann er ein „Vielleicht“ eigentlich eher als „Ja“ deuten soll. Das tut ein Gentleman, er geht mit seiner Stärke verantwortungsvoll um. Bleibt die Frage:

IST DER GENTLEMAN NOCH ZEITGEMÄß?
Frauen dürfen wählen, sie können darüber entscheiden, ob sie sich mit einem Mann zusammentun oder ihr eigenes Leben führen wollen. Sie dürfen in Hörsälen dozieren, Recht sprechen und Flugzeuge fliegen. Ja, sie dürfen sogar zum Bundesheer gehen. Frauen und ihre Rollen haben sich im Sog der Emanzipation verändert, und so bedarf es vielleicht auch eines erweiterten Gentleman-Begriffs. Elisabeth Bonneau plädiert für einen Abschied von den Geschlechterrollen im Sinne von „Gentlepeople“: „Wir nehmen das Beste aus der Welt des Gentleman – Bildung, Wertschätzung usw. – und generalisieren es. Da öffnet die Bankberaterin dem Kunden die Tür, da nimmt der Versicherungsmakler auch dem männlichen Kunden den Mantel ab.“ Im Kontakt mit KundInnen sei man bereits gut auf diesem Weg, im öffentlichen und anonymen Raum hätten Elternhaus und Schule noch einiges zu tun.
Der Chefredakteur des Gentleman-Blogs Lukas große Klönne (siehe auch Interview) hält Gentleman-Tugenden auf jeden Fall noch für zeitgemäß, mehr noch: „Ich wage sogar die These, dass Gentleman-Tugenden in der heutigen Zeit noch wichtiger sind als früher. Zum einen ist unsere Gesellschaft von Konsum und Glücksstreben geprägt – doch Zufriedenheit und FreundInnen lassen sich nicht erkaufen.“
Gentleman zu sein bedeutet also auch eine Lebenskunst. Man kann das vielleicht so verstehen: Als Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, als Widerstand gegen die Aufdringlichkeiten des Zeitgeists und der Beschleunigungsgesellschaft. Allerdings hat der Gentleman ein paradoxes Erkennungsmerkmal: Er wird nie von sich behaupten, ein solcher zu sein.