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Geschichten segeln ein Stück weit

Dieses Lesezeichen ist ein Premiere-Lesezeichen. Denn zum ersten Mal stelle ich einen Lyrik-Band vor. Doch, ich mag und lese Lyrik, privat so, nein, nicht bei Kerzenschein, da brennt schon ein kleines Licht aus der Steckdose dazu.

Aber Maria Seisenbacher spricht mit ihrer Lyrik ein Thema an, Alzheimer, Demenz, um da kein Rätselraten in Gang zu setzen, das mir bisher nur in Filmen und Romanen, in Sachbüchern und natürlich in Erzählungen aus der Realität begegnet ist. Doch jetzt die Lyrik, ähnlich den wenigen Bilderbüchern, die von dementen Großmüttern und –vätern erzählen: Hier ist Wort für Wort das Entgleiten, das Unsicherwerden zu spüren. Ein Heute sucht sein Gestern und hat vergessen, dass es einst ein Morgen gab. Wer unbedingt Kapitel will, bitte hier sind sie: Einige, Wenige, Mehr – zufrieden?

 

         “ ihr fordert meinen Gang

          mich zu

          erinnern

          stärker

          als die Person

          den Moment“

 

Das Ich, das Euch, das Ganze um die handelnden Personen rundherum, das bekommt einerseits konkrete Züge, bleibt andererseits wie hinter einem dünnen Vorhang. Nein, wegziehen und hinschauen, das ist zu spät. Die Gedichte demaskieren nicht, klagen nicht und stellen keine Fragen, sie beschreiben Zustände, auch die sind nicht kalkulierbar. „Eine Frau erkrankt an Alzheimer“, wann wissen wir LeserInnen, dass es eine Frau ist? Ist es die Frau, die als Mutter an Alzheimer erkrankt? Ist es die Tochter, die die Mutter fassen und gelegentlich auch festhalten will? Stärker als mancher Film, direkter als manches Sachbuch, ist dieses Lyrikband bei seinen LeserInnen: Egal, ob sie irgendwann mit Alzheimer „zu tun“ hatten. Egal, ob auch sie ihren Eltern beim Älterwerden zusehen und an manchen Wendungen verzweifeln. Egal: Damit nichts fortgeht, braucht es diese Zeilen, die bleiben.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie die Gedichte nicht lesen: Stille, kurze Momente, wo nur ein Wort den Raum füllt, Skizzen des Weggehens, leise Momente, die Gelegenheit, einfach auszuatmen.

 

Die Autorin, Jahrgang 1978, ist aus Literaturzeitschriften bekannt, natürlich nur, wenn man diese liest. Stipendien und Auszeichnungen zollen ihrer Arbeit Anerkennung.

www.mariaseisenbacher.com

 

 

Maria Seisenbacher:

Ruhig sitzen mit festen Schuhen.

Gedichte.

Wien: Edition Atelier 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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