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Gesetz ist Gesetz und Ordnung das ganze Leben
Susanne Scholl: Emma schweigt

Die Bücher der Journalistin – u. a. langjährigen ORF-Korrespondentin in Moskau – Susanne Scholl (geboren 1949 in Wien) zu lesen, kann ein erster Schritt sein, das eigene Bewusstsein für die leisen Verfolgungen im Alltag sowie für ganz leise Hetze zu schärfen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin rüttelt auf, mit präzisen Recherchen, klaren Textstrukturen und einer ebenso deutlichen Argumentationslinie. Und nun ihr Roman. Nur jetzt nicht arrogant werden und analysieren, ob dieser Text wirklich der Gattung Roman entspricht. Das bringt nichts und alle wissen es: Die KundInnen wollen weder Novellen noch Erzählungen lesen. Auf einem Buch, das verkauft werden will, muss einfach Roman draufstehen. Mir hätte ja Susanne Scholl gereicht, ich hätte es allein wegen der Autorin gekauft!

Zuerst also Emma, wohnhaft in Wien. Subtil zeichnet Susanne Scholl diese exakte Einsame, die sich ihrer Ordnung entlanglebt und deren Prinzipien doch immer von anderen zum Kippen gebracht werden. Emma wird vom feschen Georg schwanger, die Eltern meinen, Mutter sei doch auch ein Beruf. Wer nickt da nicht? Und dass es für die nicht ganz so glückliche Braut Emma sogar einen Steno- und Maschinschreibkurs von Bräutigam Georg gab, können ebenso viele Leserinnen und Leser nachempfinden. Die Wut steigt und wieder wird Emma um ihr Leben betrogen: Georg sucht recht bald nach der Geburt des Heiratsgrundes Hansi nach neuen Herausforderungen, alle um die zwanzig Jahre jünger als er. So lebt Emma, die so viel ertragen kann und selten sagt, was sie meint. Hansi konfrontiert sie mit zwei recht mühsamen Schwiegertöchtern, dann mit seiner großen Liebe: Emine. Die bösartige Sicht über diese Liebe legt Scholl der zweiten Ex-Schwiegertochter Emmas in den Mund „Kümmeltürkin“, wie die Leut halt so reden!

Sarema stammt aus Grosny und träumt noch immer von ihrer Kinderliebe Rustam: Das war damals, vor dem ersten Krieg, als Buben und Mädchen noch gemeinsam die Schule in Tschetschenien besuchten. Sie heiratet einen anderen, bekommt Kinder und bricht schließlich ihr Studium ab. Dann die Flucht, dann die Begegnung mit Emma, deren Unfall: Sarema wohnt jetzt  mit Schamil bei ihr und schält in ihrer blitzsauberen Küche Erdäpfel. Warum nur schaut Emine, die wie sie selbst auch kein Schweinefleisch isst, immer so kritisch? Emma will Ordnung, Emine ist chaotisch, beide erfassen das Leben Saremas nicht. Krieg? Asyl? Flüchtlingsheim? Emma lernt mit Schamil Deutsch, noch nie hat sie ein Kind getroffen, das nicht weiß, was das Meer ist.

„Mama sagt, jetzt hier zu Hause“, sagt Schamil auch und lächelt. „Ist viel besser, kein Schießen, keine Bomben, keine bösen Männer!“

Dann ist Sarema weg, abgeschoben, Asylantrag abgelehnt, mit dem Flugzeug zurück nach Grosny. Das erfährt Emma im Flüchtlingsheim, wohin sie sich in ihrem Kamelhaarmantel, der doch recht was hermacht, begibt. Kann man nichts machen, Gesetz ist Gesetz – so befindet Emma, hängt den Mantel ordentlich an ihre Garderobe und stellt ihre Schuhe auf die Abtropfmatte.

Susanne Scholl: Emma schweigt
Roman
St. Pölten u. a.: Residenz Verl. 2014
ISBN 978-3-7017-16234

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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