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Gibt es das Recht auf ein Kind?

Der Wunsch nach einem Kind kann übermächtig werden. Dann sind Menschen bereit, alles zu tun, was seiner Erfüllung nützt. Gar nicht so selten nehmen sie auch die Dienste von Leihmüttern in Anspruch. Ist das moralisch vertretbar?

Als Österreicherin könnte man das Thema auch ganz entspannt abhaken. Leihmutterschaft ist hierzulande verboten. Derzeit gibt es niemand, der die Türe für die Möglichkeit, ein Kind von einer fremden Frau austragen zu lassen, öffnen will. Leider ist der Blick, wenn er an den rotweißroten Grenzen Halt macht, aber verengt. Denn wer immer in Österreich ein Kind möchte, es selbst nicht bekommen kann und eine Leihmutter sucht, wird sie auch finden. Man muss nicht lang klicken, um im Internet die richtigen Adressen zu finden – ob in Indien, in der Ukraine oder sonst wo auf der Welt. Nach Recherchen der deutschen Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim wird das Angebot immer ausgefeilter. Die leiblichen Eltern, deren Samen und Eizelle zum richtigen Zeitpunkt im Reagenzglas landen müssen, können je nach Geldbörse Reproduktionsmedizin auch auf Wellness-Niveau buchen. Die Frau, die das Kind später austragen wird, hat es da meist schon weniger komfortabel. Sie wird durch einen peniblen Vertrag gebunden. Häufig, so Beck-Gernsheim, müssten die Leihmütter während der gesamten Schwangerschaft in einer Klinik bleiben. Sie würden dann in ihrer Ernährung, im Fortgang der Schwangerschaft und in anderen medizinischen Parametern ständig überwacht. Sämtliche Pränataluntersuchungen seien Pflicht. Über den Abbruch der Schwangerschaft wegen einer möglichen Behinderung des Kindes, aber auch über die „Vernichtung“ von Embryonen bei unerwünschter Mehrlingsschwangerschaft entschieden die Auftraggeber. Die Leihmutter hat ihren Körper als Gebärmaschine verkauft, und so ist auch ihr Status. Wer zahlt, schafft an.

In manchen Ländern ist die Leihmutterschaft aus altruistischen Motiven erlaubt, ein Kind als Liebesdienst auszutragen, ruft weniger ethischen Widerstand hervor. Doch auch da sind die Folgen, wenn nicht alles so einfach läuft wie gedacht, höchst kompliziert. Was, wenn Eltern und Leihmutter sich überwerfen oder die Leihmutter das Kind dann doch nicht abgeben will? Was, wenn trotz Untersuchungen ein Kind mit Beeinträchtigungen zur Welt kommt oder die „Auftragseltern“ sich in der Zwischenzeit trennen? Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin – mit Eizellenspende, Samenspende, dem Einfrieren von Eizellen, Leihmutterschaft, um nur einige zu nennen – schaffen vor allem rechtlich eine völlig neue Situation. Nationale Regelungen sind zwar hilfreich, aber längst nicht ausreichend. Die großen Anbieter von Leihmutterschaft und Co. beschäftigen die besten JuristInnen, um die Schlupflöcher im internationalen Recht beziehungsweise im zwischenstaatlichen Recht zu finden.

Was tut eine Behörde, die ein Kind zur Anmeldung für die Staatsbürgerschaft bekommt, das im Ausland von einer Leihmutter ausgetragen wurde? Die Soziologin Beck-Gernsheim bezeichnet das als „Salami-Ethik“. Da einfach Fakten geschaffen werden, hinken lokale Behörden und Gesetzgeber hintennach. Ihre Entscheidungen werden ethisch besonders heikel, wenn das Kind schon da ist. Menschen, die ein Kind wollen, sind bereit, die Grenzen der Gesetze zu sprengen. Viele gehen so weit, das Recht auf ein Kind über andere Rechte zu stellen. Dabei gibt es, juristisch gesehen, kein Recht auf ein Kind. Wohl aber gibt es Kinderrechte. Die legen zum Beispiel das Recht des Kindes fest, zu wissen, woher es kommt, wer die Eltern sind. Wer mit dem Kinderwunsch ein gutes Geschäft macht, wird darauf nicht extra hinweisen. Ähnlich kollidiert das sogenannte Recht auf ein Kind mit dem Recht einer Leihmutter auf körperliche Unversehrtheit oder persönliche Freiheit. Kann es rechtens sein, dass diese Rechte durch Verträge beschnitten werden?

Aber die Leihmütter bekämen doch Geld für die Schwangerschaft, wird von den BefürworterInnen dieser Form der Kinderbeschaffung eingewendet. Das sei für alle eine sogenannte Win-win-Situation. Ja, sagt Elisabeth Beck-Gernsheim, aber Leihmutterschaft funktioniere nur, weil es reiche Menschen auf der einen und arme auf der anderen Seite gebe. Nach ihren Motiven befragt, geben Leihmütter an, es für die Kinder zu tun. Gemeint sind aber ihre eigenen. Mit dem Verdienst können sie Essen, Schulbücher oder ein Dach über dem Kopf kaufen.

Der Wunsch nach einem Kind öffnet ein weites Feld ungeklärter Fragen, juristisch, menschlich, familiensystemisch. Wir stehen ganz am Anfang der Klärung. Der Druck von Menschen mit Kinderwunsch und von denen, die damit ihr Geschäft machen, alles zuzulassen, wird stärker.

Christine Haiden meint, dass es kein Recht auf ein Kind gibt. Wer sollte es einlösen und garantieren?

Geschäftszweig Kinderwunsch

  • „Die Reproduktionsmedizin und ihre Kinder“ (Residenz Verlag) heißt das Buch der deutschen Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, das auch Basis eines Ethikforums Ende Mai in Innsbruck war. Haus der Begegnung, Katholische Frauenbewegung und Aktion Leben luden zur Debatte.
  • Beck-Gernsheim begegnet den Entwicklungen der Reproduktionsmedizin sehr skeptisch. In einem globalen Geschäft versagten nationale Regelungen. Die ökonomische Ungleichheit führe zu einem Geschäft mit dem Kinderwunsch, der zulasten armer Frauen gehe. Beck-Gernsheim bezweifelt, dass das Kindeswohl bei dem durch Reproduktionsmedizin erfüllten Kinderwunsch immer im Vordergrund steht. Valide Forschungen zu den Auswirkungen auf Kinder gebe es derzeit noch nicht.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/17