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Gluschtig, stur und gscheit!

Inge Prader nahm also ihre Kamera, vielleicht mögen es auch mehrere Kameras gewesen sein, und machte sich auf, ihrer Heimat Osttirol eine Liebeserklärung zu fotografieren: Sie hat Menschen, Land- und Leidenschaften und regionale Produkte ins richtige Format gesetzt: Hier verbiegt sich niemand, hier sind Originale vor der Kamera und die sind so was von waschecht! Da wird nicht inszeniert, wohl aber gut positioniert, da darf das raue Klima und auch die Spröde bzw. Rauheit der Menschen sicht- und lesbar werden. Wunderschön auch einer der Sätze der Künstlerin Inge Prader im Vorwort:

… denn Heimat ist vor allem ein Ort des Miteinanders. Es liegt an uns.

Das Konzept dieses Bildbandes ist von gesuchter Klarheit, die Arbeit dahinter lässt sich erahnen, da muss viel bedacht, gedreht und verändert worden sein, um diesen Guss zu schaffen: Zuerst das Produkt – gleich zu Anfang „Apfel“ „Epfl“ mit dem Porträt eines Bauern, einer Bäuerin, eines Metzgers, eines Kochs, eines Kindes, mehrerer Wirtinnen – Menschen hinter Produkten halt! – dann ein Rezept mit dieser Zutat und wieder das Porträt der Köchin, des Kochs. Dazwischen beruhigende zumeist monochrome Natur, ohne Touristen, ohne Lärm, Stille, Struktur – ein Leben Ton in Ton, eine Landschaft, die viel bietet, sich aber nichts gefallen lässt. Die Rezepte variieren im Schwierigkeitsgrad, den Schmarrn von Seite 46 kriegt man hin und dem Johann Resinger, Mitteldorfer Alm, Frosnitztal, am Porträt, das dem Schmarrn-Rezept gegenüber steht, liegt, leuchtet, scheint es ja zu schmecken. Bernhard Aichner schreibt hier nicht von Blum, das würde das Buch versauen, die mordende Bestatterin findet andere Medien, hier denkt der Sillianer Autor und Fotograf, der jetzt schon lange in Innsbruck lebt, innig über Schlipfkrapfen nach. Weil ich den Bernhard Aichner sehr gern mag, entnehme ich das Zitat dieser Empfehlung dann doch völlig parteiisch und persönlich seinem Beitrag. Nichts gegen die Texte von Christine Brugger oder dem Beitrag von Helmut Krieghofer, Hans Salcher, Daniela Ingruber, Andreas Schett oder Thaddaeus Ropac: Der Aichner-Traum vom Schriftstellerwerden passt so gut in meinen Blog, das wähle ich jetzt einfach „aus purer Luscht“ – so der Text am roten Bändchen, dem Lesezeichen dieses Bilderbuchs für OsttirolerInnen und andere Menschen. Aichner schreibt mutig und ehrlich, vom nichtsnutzigen Schreiben: Aber Literatur hatte keinen Platz zwischen den Bergen.

Ich wollte mehr sehen von der Welt, ich wollte meinen Traum leben, wollte Schriftsteller werden. Ich war fünfzehn. Mit Worten wollte ich mir meine Welt erschaffen. Alles war möglich. Egal wie hoch diese Berge waren, zwischen denen ich aufgewachsen war, ich konnte plötzlich das Meer sehen. Wenn ich am Gipfel stand, konnte ich es rauschen hören. Die kleine Terrasse vor der Sillianer Hütte war mein Stand, der Himmel war Weite und der Blick in die Ferne mein Glück. Die Bilder, die sich in meinem Kopf formten. Meine Zukunft. Ich wollte Bücher schreiben.

Wem der Aichner gehört, das wird er wohl auch oft gefragt worden sein. „Griaß di, wem kheaschtn du?“ – mit diesem Gruß setzt sich Isolde Hausner in ihrem Beitrag auseinander. Ja, das ist der übliche Gruß in Osttirol – dort kheat ma am besten schon zu wem, man ist die Tochter oder der Sohn vom und dann kommt der Hof- oder Vulgoname. In der Bezirkshauptstadt Lienz reicht es, den Namen des Vaters zu nennen, die „Gitsche vom“ zu sein und dann kennt man sich auch aus – Inge Prader hat es wunderschön beschreiben:

Eine Rückkehr in die Heimat auf diesem Weg ist eine Erinnerung an Bleibendes, an Werte und Eigenschaften, die auf Nachhaltigkeit und Ausdauer setzen …

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie den Bildband nicht lesen: Heimat, echte Leit, Luscht, Witz, feine Ironie, Rezepte, die man gut nachkochen kann, Kennenlernen einer Region, die Rückeroberung des Heimatbegriffs, die Idee, sofort nach Osttirol zu fahren und dort gut essen zu gehen, Texte, die am Punkt sind, Fotos, die man wieder und wieder anschaut.

 

Die Fotografin Inge Prader, 1956 in Lienz geboren, lebt und arbeitet als Fotografin in Wien.

 

Die Journalistin Christine Brugger, 1962 in Deutschland (Stadt wird nicht genannt, auch recht!) geboren, lebt und arbeitet seit fünfzehn Jahren u. a. als Geschäftsführerin von Radio Osttirol und als Journalistin in Osttirol.

 

Die Grafikerin Clara Monti, 1962 geboren, studierte in Rom Grafik und ist seit vielen Jahren als Grafikerin, Illustratorin und Set-Designerin in Wien tätig. Übrigens entdeckte sie während der Arbeit am vorliegenden Buch viele Parallelen zwischen ihrer Heimat Umbrien und Osttirol.

 

 

Inge Prader:

Wie schmeckt Osttirol?

Die Menschen und die Küche einer naturbelassenen,

sagenumwobenen Grenzregion.

Texte: Christine Brugger.

Wien: Brandstätter Verlag 2016 (2. Auflage)

239 Seiten.

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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