11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Gott sucht keine Helden

Jede und jeder kann irgendetwas. Also heißt’s anfangen und sich nicht entmutigen lassen.

Ich glaube, jeder hat am Anfang einen Auftrag bekommen. „Du sollst Else glücklich machen.“ „Du sollst Oboe spielen.“ „Du sollst die Formel für Kadmiumperoxid erfinden.“ Wahrscheinlich denken jetzt einige: „Ja, die anderen. Aber ich doch nicht. Wo ich nicht mal weiß, was Kadmiumperoxid eigentlich ist. Was kann ich schon?“ Wahrscheinlich sind es dieselben, denen der Zeichenlehrer einst gesagt hat: „Du kannst nicht malen. Ein Vogel sieht ganz anders aus.“ Und seitdem haben sie nie wieder einen Pinsel in die Hand genommen, obwohl es ihnen große Freude bereitet hätte, lila Federtiere zu malen. Nur weil der einstige Lehrer eine begrenzte Fantasie hatte.

Jeder kann irgendetwas. Das ist keine Schönfärberei. Denn um Leistung geht es dabei gar nicht. Es ist nicht so, dass jeder den Nobelpreis erringen muss. Die Welt braucht ein paar große ErfinderInnen und viele kleine. Einige sorgen dafür, dass die Menschheit nicht von Viren dahingerafft wird. Andere wissen, wie man eine müde Toilettenfrau zum Lächeln bringt. Welche Samen man sät, damit Blüten rostige Zäune leuchten lassen. Wie man einen Streit schlichtet, sodass sich am Ende niemand als Verlierer fühlt. „Ja“, werden jetzt wieder einige sagen, „schön und gut, aber was eigentlich zählt, sind doch die Wissenschaftlerinnen und Professoren, die Genies und die Künstler, die Weltraumforscherinnen und Spitzenköche.“ Ich bin nicht sicher. Denn was wäre das für eine Welt, in der es nur um Höchstleistung geht? In der einer der anderen zeigt, was er heute wieder für eine Perfektion erreicht hat? Manchmal möchte ich lieber eine Erbsensuppe mit Liebe als ein Viersternegericht auf großen Tellern.

Es gibt Vorbilder. Sogar in der Bibel. Sie waren allesamt keine Heldinnen: Noah hat sich betrunken. Jakob war ein Lügner. Lea war hässlich. Moses war ein Mörder – so wie David und Paulus auch. Elia war ein Selbstmordkandidat. Jona rannte weg von Gott, und die Frau, die Jesus salbte, war eine Prostituierte. Man sollte meinen, Gott könnte sich andere ErbauerInnen seiner neuen Welt aussuchen. Hat er aber nicht. Und deshalb würde ich sagen: Jeder hat einen Platz bekommen, einen großen Vertrauensvorschuss und eine Stimme, die unmissverständlich flüstert: „Bitte schön. Fang an. Du bist dran.“ 

Jetzt könntest du einfach loslegen, aber dann kommt eine Menge dazwischen, eine ganze Kindheit zum Beispiel, Fußballspiele und Hausaufgaben, du gehst ins Schwimmbad, verliebst dich, versuchst, den Führerschein zu machen oder die Steuererklärung. Du musst noch Brot kaufen, und eh du dich versiehst, hast du vergessen, was du eigentlich wolltest. Dann rufen noch allerhand Leute dazwischen: „Denk an die Familie“, „Das kannst du nicht“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – und schon hast du ein Dutzend neue Aufträge auf dem Buckel. Deshalb muss man manchmal einfach „Stopp“ sagen. Muss man aussteigen aus dem Alltagsbetrieb und sich in aller Seelenruhe fragen: „Was soll ich tun auf dieser Welt?“

So geht's:

„Ich will dich segnen,  und du sollst ein Segen sein.“  (Genesis 12,2)  Fang an.

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 02/15 – von Susanne Niemeyer