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Von der Stille, die weit mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen.

Der große österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr hat vor ein paar Jahren einmal geschrieben: „Vermessen und kartographiert ist so gut wie alles, aber weitgehend unbekannt ist immer noch das, was sich in einem selber auftut, wenn man durch eine ungeheure, übermächtige Landschaft geht.“ Ransmayrs Satz bezog sich natürlich auf das Reisen. Aber es gibt noch einen anderen unendlich weiten Raum, auf den dieser Satz zutrifft – zumindest für mich: Dieser Raum ist die Stille. Ich bin süchtig nach vollkommener Stille, nach Augenblicken, in denen man plötzlich aufhorcht, weil nichts mehr, absolut nichts mehr zu hören ist. Ich meine nicht die „Dreh das bitte endlich ab!“-Stille, wenn einem irgendeine Musik zu laut geworden ist, auch nicht die „Endlich ist es ruhig!“-Stille nach einer wilden Kinderparty, auch nicht die „Uff – gerettet!“-Stille nach dem Verlassen von Einkaufszentren, Schwimmbädern oder überfüllten Zugabteilen. Diese Arten von Stille haben mit Überreiztheit und Erleichterung zu tun. Ich meine auch nicht die Stille, die man bewusst aufsucht – zum Durchatmen, zur Einkehr oder zur Besinnung. Diese Arten von Stille haben ein Ziel. Sie alle haben etwas für sich, aber sie sind für mich noch meilenweit von der anderen, der noch viel besseren Stille entfernt.

Die macht sich extrem rar. Aber vor Kurzem ist sie mir wieder untergekommen, riesig groß, seligmachend und ganz unerwartet: an einem engen Talschluss im Wienerwald, wo Freunde von mir sich ein Wochenendhaus gebaut haben. Durchaus nicht in einschichtiger Alleinlage, aber doch deutlich in einem – sehr schönen – Abseits. Der Tag war heiß und windstill gewesen, der Abend kühl und sternenklar, der Blick auf die buchenwaldbestandene Hügellandschaft rundum wohlig für die Augen. Wir gingen spät schlafen. Irgendwann in dieser Nacht wachte ich auf, öffnete die Augen und starrte in die Schwärze eines vollkommen abgedunkelten Gästezimmers: „Wo bin ich? … Ah, ich weiß schon! … Stockdunkel hier!“ Ich tastete nach Mann und Kind. Alle da, alles bestens. Angenehm ruhig, dachte ich. Dann bewegte ich mich in Richtung Fenster weiter. Wenn blickdichte Vorhänge zugezogen sind, steigt sofort – und ohne dass ich das Geringste dagegen tun könnte – ein Gefühl von Atemnot und Sauerstoffmangel in mir auf. Ich schob den Vorhang zur Seite, um das Fenster zu öffnen. Nur: Das Fenster war offen. Die Stille des Raums war gleichzeitig die Stille draußen. Kein Ton, kein fernes Rauschen, kein Knacken, kein Rascheln, nichts. Eine einzige große, pechschwarze Stille. Ich stand reglos. Ich versuchte, ganz flach zu atmen, um die Stille nicht zu unterbrechen. Ich lauschte, da war nichts. Ich hörte auf, bewusst zu lauschen. Ich stand nur da, ein paar Minuten lang, und die Stille schien sich zu etwas zu verdichten, das mehr war als nur die Abwesenheit von Geräuschen. Es war nicht bedrohlich oder unheimlich, es war auch nicht einsam. Eher so, als ob etwas sich ins Unendliche ausdehnte. Diese Stille war wie Ransmayrs ungeheure, übermächtige Landschaft – weit, mächtig und uferlos, und sie schien sich in mir fortzusetzen, ohne jede spürbare Grenze, als wäre ich in diese Stille übergegangen oder sie in mich.


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Julia Kospach