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Großeltern: Wir beginnen von vorne – nur anders!

Sie sind Vertraute, Betreuer und Tröster: Großeltern sind unerlässlich. Aber mit dem gesellschaftlichen Wandel verändert sich auch das Rollenbild von Oma und Opa.

Endlich! Die weiße Sitzgarnitur ohne Schokoladeflecken und Kuchenbrösel. Endlich Zeit für sich selbst, für den eigenen Körper, für die Seele, für die eigenen Interessen. „Viele Großmütter sind hin und her gerissen“, erzählt Julia Csongrady. „Einerseits haben sie die Betreuungspflichten für ihre Kinder und oft auch das Berufsleben hinter sich und atmen auf. Andererseits wollen sie am Leben ihrer Enkelkinder teilhaben, sie begleiten und ihre Kinder unterstützen.“ Julia Csongrady hat vier Enkelkinder zwischen vier und 17 Jahren und bietet Seminare für Großeltern an.

LANG ERSEHNTE AUFGABE
Für die meisten ihrer TeilnehmerInnen ist die Großelternschaft eine lang ersehnte Aufgabe. „Andererseits gibt es nach einem arbeitsreichen Leben das Bedürfnis, auch auf sich selbst zu schauen und nachzuholen, was aufgeschoben wurde.“ Auch für die Paarbeziehung tut sich eine besondere, neue Dynamik auf. „Großväter sind die neuen Großmütter“, erklärt Julia Csongrady augenzwinkernd. „Sie stürzen sich geradezu auf die Enkelkinder.“ Das liege einerseits daran, dass bei vielen nach dem Ende des Berufslebens ein Vakuum entstehe und sie froh über eine neue Aufgabe seien. Andererseits werde ihnen bewusst, was sie an ihren eigenen Kindern versäumt hätten. „Dann krabbelt der Opa begeistert mit den lieben Kleinen am Teppich herum, während die Oma seufzt und denkt: ,Nun geht alles wieder von vorne los‘“, so Csongrady.

UNBEZAHLBARES GUT
Großeltern sind BetreuerInnen, Vertraute, SpielkameradInnen und KulturträgerInnen. Sie springen ein, wenn jemand krank wird, wenn die Eltern beruflich gefordert sind oder Zeit für sich als Paar brauchen. Sie sitzen an der Sandkiste und verlieren geduldig zehnmal hintereinander beim Memory, ohne dabei ständig E-Mails zu checken oder an das nächste Meeting zu denken. Das gilt nicht nur für leibliche, sondern auch für Leihgroßeltern, wie zum Beispiel das Ehepaar Spicker. „Mein Mann hat sich auf den ersten Blick in die Lea verliebt“, erzählt Inge Spicker. „Weil sie so ein süßes Butzerl war.“ Inzwischen geht Lea ins Gymnasium, und auch ihre beiden jüngeren Schwestern Hemma und Ina sind in der Schule. Eigene Enkel hätten sie sich schon gewünscht, erzählt Inge Spicker. Aber ihre beiden Töchter leben in Wien, da wäre es sowieso schwierig gewesen, eine Beziehung aufzubauen. Die Leihenkel hingegen wohnen nur fünf Minuten entfernt. 

Ergeben hat sich die Leihgroßelternschaft ganz zufällig. Die Mutter der kleinen Lea, eine Nachbarin der Spickers, wollte wieder arbeiten gehen. Für Inge Spicker kam eine neue Aufgabe in der Pension gerade recht, und aus den „paar Stunden pro Woche“ wurde rasch eine Fulltime-Großelternschaft, die auch der Leihopa in vollen Zügen genoss. „Wir waren ein super Team, mein Mann und ich“, sagt Inge Spicker. Bezahlung wollte das Ehepaar keine: „Großeltern lassen sich nicht bezahlen!“

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 04/16.

Opa wiehert, Oma kocht

Renate und Hans Rothbauer haben ein fünftes Enkelkind bekommen: Stiefenkel Louis.

01_02 Fam. Rothbauer6107 RGB KLEIN„Die Rollen teilen mein Mann und ich uns klassisch auf“, erzählt Renate Rothbauer. „Er ist fürs ,Umteufeln‘ zuständig und darf Reitpferd spielen. Er bekommt eine Trense, wird gefüttert, und wenn er Glück hat, darf er auch einmal rasten. Ich kümmere mich ums Essen und sorge dafür, dass die Kinder rechtzeitig ins Bett kommen. Da muss ich oft nicht nur die Enkel, sondern auch den Opa einbremsen.“ Ebenso wie die leiblichen vier Enkel liebt Stiefenkelsohn Louis Omas Kochkunst: „Wenn es nach ihnen ginge, gäbe es jeden Tag Hendl.“ Im Juni bekommt Louis ein Geschwisterchen – das sechste Enkelkind für Ehepaar Rothbauer. 

Lebensschule Oma

Uli Feichtinger (42), Coachin und Trainerin in Gmunden, bewundert die positive Grundeinstellung ihrer 95-jährigen Oma. Sich nie unterkriegen lassen.
„Meine Oma wurde von den Nazis verhört, ist allein aus Österreich geflüchtet, um eine höhere technische Schule abzuschließen, kam dann mit Mann und Kind zurück und fing wieder bei null an. Auch im hohen Alter, nach mehreren Kopfoperationen, ist ihr Lebenswille ungebrochen.“

Anderen eine Stimme geben.
„Bei der Volksbefragung zur Expo in Wien hat sie mich und meine Brüder nach unserer Meinung gefragt und uns quasi ihre Stimme geliehen.“

Freude an kleinen Dingen.
„Im Gegensatz zu vielen anderen alten Menschen ist meine Oma niemals bitter geworden. Obwohl sie nie die rosarote Brille aufgesetzt hat, hat sie sich ihre Lebensfreude bewahrt. Dazu brauchte es keine Karibikreise – ein Spaziergang im Wienerwald war genug.“

Weitere Porträts so wie ein Interview mit Psychotherapeutin Elisabeth Schlumpf finden Sie in der Printausgabe „Welt der Frau“ 04/16.