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Manche Glücksverbindungen sind rein pflanzlich, fein geknüpft und kommen ganz ohne Worte aus.

Da heißt es doch immer, in tragfähigen zwischenmenschlichen Beziehungen müsse miteinander gesprochen werden. Nur dann blieben Missverständnisse aus. Nur dann dürfe man auf Augenblickegeteilten Glücks hoffen. Habe ich auch immer geglaubt. Aber inzwischen bin ich eines Besseren belehrt und weiß, dass es sich durchaus nicht so verhalten muss. Im Gegenteil. Manch bombenfeste Faustregel scheint regelrecht auf den Kopf gestellt, wenn Menschen gemeinsam das grüne Reich der Pflanzen betreten. Zwischen Irrglaube und Einsicht liegt ein Besuch bei meiner Freundin H., bei dem ich zufällig dahintergekommen bin, wie ungeheuer weitreichend, feinmaschig und perfekt zugeschnitten ein solches wortloses Netzwerk sein kann.

An einem schönen, warmen, rot glühenden Frühsommerabend nämlich brachen H. und ich zu einem kleinen Spaziergang auf. Der Faulheit und der bereits einsetzenden Dämmerung wegen durchstreiften wir einfach nur die nähere und weitere Nachbarschaft. Gleich oberhalb einer Bahnlinie, in einer engen Kurve, ging es los: H. eilte kommentarlos auf den Zaun eines Schrebergartens zu, an dem sich eine herrliche altrosa Kletterrose empor rankte, und pflückte sich eine Blüte ab. Ich ging in Deckung, aber der alte Mann im Garten blickte nur kurz auf, hob die Hand zu einem stummen Gruß und widmet sich wieder seiner Arbeit. „Ich darf mir jedes Mal eine Rose nehmen, schon seit Jahren“, sagte H. Ein paar Schritte weiter passierten wir den Garten der Frau, von der H. jedes Jahr Zinniensetzlinge bekommt. Dahinter in der Allee bestaunten wir in einem anderen Garten einen Pfirsichbaum, über dessen Werden und Gedeihen H. in allen Details Bescheid wusste.

Wir wandten uns hügelaufwärts in Richtung Brücke. H. kündigte mir ihren Lieblingsgarten an. Mitten im Satz schwenkte sie plötzlich rechts vom Gehsteig ab und drückte die Klinke eines halbhohen Gartentors. „H.“, sagte ich, „wir können da nicht einfach hineingehen.“ „Doch, doch“, sagte H. Sicher wie eine Schlafwandlerin führte sie mich durch den fremden Garten: zeigte mir einen unter einem Strauch wachsenden Frauenschuh („Ah, jetzt ist er endlich aufgeblüht“), zeigte mir eine rare Wildorchideenart („Die muss ich jetzt einmal fotografieren!“), die Taglilien, die Himbeersträucher. Später erzählte sie mir, sie hätte dem Besitzer erst kürzlich zwei Fotos, die sie von seinem Garten gemacht habe, vor die Tür gelegt. Tags darauf hätte sie an derselben Stelle zum Dank für die Bilder eine große, gelbe Rose in einer Wasserflasche vorgefunden. „Woher wusste der Mann, dass die Rose nicht verblüht sein würde, bevor du sie findest?“, fragte ich. „Ich fahre oft mit dem Rad vorbei“, sagte H. „Aber warum kommt er nicht bei dir vorbei und bringt dir die Rose?“, insistierte ich. H. sagte das für sie Selbstverständliche: „Er kennt doch weder meinen Namen, noch weiß er, wo ich wohne.“ „Wie heißt denn er?“, fragte ich. „Keine Ahnung“, sagte H. Wieder zu Hause, fanden wir vor der Garagentür eine Plastikschüssel mit Salat, Liebstöckel und Dillkraut. „Aaah“, sagte H. erfreut und trug die Schüssel ins Haus. Dann ging sie in ihren Garten, schnitt bedächtig einige Blüten ab und band sie zu einem kleinen Strauß. Den Strauß trug sie hinüber zur – Gemüsespendenden – Nachbarin. Sie legte ihn vor die Haustür und ging wieder. Worte störten hier nur.


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2013 – von Julia Kospach