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Gut gegangen. Geschichten von Glück und Zufall
Manchmal hängt das Leben am seidenen Faden. Oder es steht Spitz auf Knopf, wenn von einem Ereignis alles abhängt. Dem Glück zu vertrauen ist nicht leicht, aber wenn eine Sache gut ausgeht, dürfen wir uns einfach nur freuen.

Ich erinnere mich noch genau. Wir kletterten, vier spätpubertierende Mädels, den Hochsitz hinauf. Oben angekommen auf der Plattform, lehnte ich mich rückwärts an das Holzgeländer, fühlte für einen Sekundenbruchteil plötzlich Leere hinter mir, ein Kippen und dann eine schnelle Hand, die mich am Kragen packte.

Noch bevor ich begriffen hatte, dass der morsche Balken hinter mir nachgegeben hatte, dass ich fast rücklings in die Tiefe gefallen wäre, hatte mich eine geistesgegenwärtige Begleiterin am Schlafittchen gepackt und gerettet. Ein kurzer, tiefer Schreck. Was wäre gewesen, wenn sie nicht so schnell reagiert hätte, wenn ich die sieben Meter hinuntergestürzt wäre? Vermutlich wäre ich auf der Wirbelsäule gelandet. Man möchte sich das nicht so genau ausmalen. Das ganze Leben wäre anders verlaufen.

KLEIN_01_140522-0039 RGB_RZ2SPITZ AUF KNOPF
Entscheidungen sind wie Wegkreuzungen, wir passieren solche kleinen Schaltstellen permanent im Alltag, auch wenn wir gar nichts tun. Die meisten von ihnen sind nicht weiter bedeutend – drehe ich mich rechts oder links herum? –, aber manchmal ist der kleine Zufall eben entscheidend, manchmal steht alles auf dem Spiel eines Entweder-oder. In dem Film „Lola rennt“ arbeitet der Regisseur Tom Tykwer mit diesen Möglichkeiten, mehrmals spult er die Ereignisse zurück und erzählt im Zeitraffer, wie die Geschichte auch hätte weitergehen können, wenn Lola – beispielsweise – zwei Minuten später über die Straße gelaufen wäre.

Das ist lustig anzusehen, macht auf erschreckende und grausame Weise aber klar, wie zerbrechlich das Leben ist, wie sehr von Zufall abhängig, von einem „Glück“ oder „Pech“, das wir nicht in der Hand haben. Brenzlig wird das in den Momenten, die den ganzen Ausgang einer Sache bestimmen, in denen es „Spitz auf Knopf“ steht, wie eine Redewendung aus dem Fechtsport sagt. „Matchpoint“ heißt dieser Augenblick im Tennisspiel, wenn der Ball auf der Netzkante tanzt, bevor er zur einen oder anderen Seite herunterkippt und das Spiel entscheidet. Es gibt nichts, was das beeinflussen könnte. Nur das Glück.

KONTINGENZ
Recht besehen ist der reine Zufall ein Skandal. Denn der Mensch ist ein Sinnwesen. Er braucht, er sucht und er schafft Bedeutung. Dass da etwas  auch anders hätte kommen können – grundlos, oder „kontingent“, wie die PhilosophInnen sagen – ist schwer auszuhalten. Eigenartigerweise suchen wir für das Unglück eher Gründe als für das geschenkte Glück. Beim zufälligen Gewinn freuen wir uns, beim Verlust fragen wir oft warum. Warum musste das geschehen? Warum ausgerechnet mir? Was wäre gewesen wenn?

Die Warum-Fragen sind genauso hilflos wie das Verweilen im Konjunktiv des „Was wäre …“. Offenbar ist Geschehenes viel leichter zu akzeptieren, wenn wir Gründe kennen, irgendetwas oder -jemanden als Ursache ausmachen können. Die alten Griechen stellten sich in ihrer Mythologie das Schicksal als Göttinnen vor. Die drei Moiren spinnen den Lebensfaden und schneiden ihn ab; Tyche fügt recht wankelmütig Gutes oder Böses zu. In seiner Ethik fragt Aristoteles, der schon nicht mehr naiv an Mythen glaubt, ob es für die „eudaimonia“ (das gute, glückliche Leben) auch „eutychia“ also „Glück haben“ brauche. Das ist eine spannende Frage. Denn es gibt ja einerseits das lange Lebensglück und dagegen das kurze Augenblicksglück, von dem manchmal viel abhängt. Andere Sprachen sind etwas genauer als das Deutsche und unterscheiden zwischen „glücklich sein“ und „Glück haben“.

Im Englischen heißt das eine „happyness“ das andere „luck“. Im Französischen ist das ganze „bonheur“ mehr als die einzelne „chance“ und im Lateinischen ist „beatitudo“ etwas anderes als „fortuna“.

Wir alle lieben und brauchen zu unserem Trost Geschichten mit „Happy End“. Ob aber etwas ein „Happy Ending“ ist, hängt sehr davon ab, wie wir eine Geschichte erzählen und vor allem wann wir aufhören, sie zu erzählen. Solange das Leben geht, geht es ja weiter, und wir wissen nicht, was noch kommt.

Manches geht wirklich schlecht aus, und es wäre ein Hohn, dann zu raten: „Sieh die guten Seiten.“ Es gibt sehr nachhaltiges Unglück und böses Pech. Das zu leugnen wäre falsch und eine Nichtachtung derer, die es trifft. Trotzdem gilt am sprichwörtlichen „Ende des Tages“ eine Sicht aufs ganze Leben. Manchmal drehen sich die Ereignisse und Perspektiven. Manchmal stellt sich etwas, was nicht gut gegangen ist, auf den zweiten Blick als gut heraus. Im Leben geht es wohl immer darum, den Widerfahrnissen Bedeutung zu geben, sie mit biografischem oder auch geistigem Sinn zu füllen.

Den einzelnen Glücksfall können wir nicht beeinflussen, die ganze Lebenserzählung aber schon. Insofern können wir zum „Glücklichsein“ selbst beitragen und sind dafür verantwortlich. Trotzdem braucht Leben eine Portion Zufallsglück. Gerlinde Kaltenbrunner lag nicht im Zelt, als die Lawine herunterging. Birgitt Müllers Sohn Frederik retteten Zufälle immer wieder das Leben. Die Liebe von Margarethe Pühringer und Raimund Schützenhofer bekam eine zweite Chance. Der Familie Ferenczi erlaubte ein Behördenirrtum die Flucht in den Westen. Wenn er eintritt, darf, soll, ja muss man sich freuen über den Glücksfall als ein Geschenk.