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Auch Salzburg würde gerne das Elend der Bettler aus dem Stadtbild verbannen. Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln, meint die Chefredakteurin der Straßenzeitung „Apropos“.

Unlängst rief mich eine Bekannte in der Straßenzeitungsredaktion an. M. besitzt in Salzburg einige Immobilien in zentraler Lage und hat das Herz am rechten Fleck. Beinahe täglich kommt sie an einer bestimmten Bettlerin vorbei. „Weißt du etwas über die Frau? Ich würde sie gerne finanziell unterstützen, möchte aber sichergehen, dass sie das Geld nicht jemandem abliefern muss.“ Kurz darauf begegne ich einer anderen Bekannten. T. ist eine engagierte, kluge, junge Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. „Stell dir vor, ich habe beobachtet, wie ein Mann bei den Bettlern und Bettlerinnen am Schrannenmarkt das Geld eingesammelt hat. Da werden doch tatsächlich Menschen zum Betteln gezwungen!“

Ich gebe M. die Telefonnummer eines Sozialarbeiters, der die Bettlerin kennt. T. versuche ich zu erklären, dass es sich bei den BettlerInnen in Salzburg vielfach um Familien handelt, die sich das Betteln aufteilen. Einer sammelt das Geld ein, bevor es die Polizei ihnen abnimmt. Ich erzähle ihr, dass wir in den vergangenen Jahren immer wieder VerkäuferInnen aus Südosteuropa aufgenommen haben. Sie kommen selten alleine, immer im Familienverbund. Wer in Abbruchhäusern oder unter Brücken schläft, braucht einfach Schutz.

Immer wieder erlebe ich, dass auch sozial engagierte Menschen durch das sichtbare Elend im schönen Salzburg verunsichert sind. Dieses diffuse Gefühl des Unwohlseins schwelt in einigen Teilen der Bevölkerung so stark, dass es in der vergangenen Zeit zu einer regelrechten Bettlerhetze gekommen ist. Genährt durch einen Gemeinderats-Wahlkampf, der Plakate wie „Salzburg. Stadt der organisierten Bettlerbanden?“ hervorbrachte, sowie durch eine mediale Hexenjagd, in der bettelnde Menschen als BetrügerInnen oder AusbeuterInnen dargestellt wurden, schlugen die Wogen hoch. Schlaflager von bettelnden Menschen gingen in Flammen auf. An die Tür einer Notschlafstelle, in der vorübergehend BettlerInnen aus Südosteuropa unterkamen, zeichneten Unbekannte ein Hakenkreuz. Eine Facebook-Seite rief dazu auf, BettlerInnen nach Mauthausen „unter die Dusche“ zu schicken. 130 bettelnde Menschen in Salzburg und die Stadt steht Kopf?
Wie wohltuend, dass sich zugleich auch Stimmen der Vernunft melden – und das nicht zu knapp. Bei der vom Friedensbüro Salzburg organisierten Konferenz „Betteln. Eine
Herausforderung“, in deren Fahrwasser Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer zu einem runden Tisch lud, nahmen im Mai fast 400 Menschen teil. ExpertInnen entwickeln derzeit eine ganzjährige Notunterkunft für 40 Menschen sowie einen Leitfaden, der Verhaltensregeln für das Betteln in Salzburg beinhaltet.

Mit dem Fotoprojekt „Salzburger Bettelposen“ wollten wir gemeinsam mit der ARGEkultur, dem Friedensbüro und dem Fotografen Joachim Bergauer zu einem Perspektivenwechsel anregen. Was passiert, wenn schöne, gut gekleidete Menschen an touristischen Plätzen in Salzburg betteln? Sie schaffen es in die Hochkultur. Während der Festspielzeit positionierte die Universitätsbibliothek in ihren Fenster gegenüber dem Festspielhaus Fotos der „Salzburger Bettelposen“. Wäre Armut schön, sie wäre sicher für viele erträglicher.

SALZBURGER BETTELPOSEN

Es ist ein Gemeinschaftsprojekt von ARGEkultur, Straßenzeitung „Apropos“, Friedensbüro Salzburg und Fotograf Joachim Bergauer. Er ist spezialisiert auf Image-, Werbe- und Kunstfotografie, wird von der New York Times, Spiegel sowie Profil gebucht und hat viele Auszeichnungen gewonnen.
www.bergauer.cc

Filmemacher Lorenz Migsch begleitete das Shooting der Salzburger Bettel­posen. Das Making-of ist auf YouTube unter „Fotoshooting Betteln – eine Herausforderung“ zu sehen. DarstellerInnen: Maria Pilmaiquen Jenny, Claire Lefèvre, Mzamo Nondlwana,
Balazs Posgay

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 9/14 – von Michaela Gründler