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Haben Gutmenschen ausgedient?

Zusammen mit der Willkommenskultur wird in weiten Teilen Europas auch der sogenannte Gutmensch aufs Abstellgleis gestellt. Zu Recht?

Man wirft dem Gutmenschen Gewichtiges vor: Er würde nicht nach den Ursachen fragen, warum Menschen kommen. Das führe dazu, dass in seinen Augen grundsätzlich jeder Flüchtling ein armer, verfolgter Mensch sei, dem man helfen müsse. Der Gutmensch, heißt es weiter, sei naiv, weil er völlig zu Unrecht das Beste vom Gegenüber annehme. Was ihn zum willigen Opfer aller mache, die raffinierter sind als er. Die ihn mit Täuschen und Tarnen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Die ihn ausnützen und zum Helfershelfer für den noch größeren Betrug machen, am Staat, am Sozialsystem, am Rechtsstaat. Der Gutmensch ist jener, der an den Bahnhöfen „Refugees Welcome“-Plakate hochgehalten und danach auch Essen, Kleidung und Kinderspielzeug verteilt hat. Gutmenschen sind auch alle, die in privaten Initiativen, in Vereinen und Pfarren, als Ehrenamtliche und FreizeitlehrerInnen unterrichtet, geschlichtet oder Hilfsdienste verrichtet haben. Gutmenschen, das sind die, die nicht mit Angst und Panik auf Fremde reagieren. Ist das denn noch normal?

Nun soll den Gutmenschen das Handwerk gelegt werden. Man beginnt sie zu diffamieren. Friedfertig wie die meisten von ihnen sind, haben sie dem nicht einmal viel entgegenzusetzen. Und Zeit für solche Scharmützel nehmen sich die meisten auch nicht, sie haben Wichtigeres zu tun.

Daher ist es wohl interessanter, zu fragen, was jene, die das Gutmenschentum so überhaupt nicht leiden können, im Grunde beabsichtigen. Viele wollen ein „fremdenfreies“ Land, sagen wir es ganz offen. Oder sie wollen sich die Fremden aussuchen können. Ja, Spitzensportler und Opernsängerinnen, Erfinderinnen und Millionäre gerne, aber doch bitte keine Hackler, keine Analphabeten und keine hinterwäldlerischen Underdogs mit Bart und Kopftuch. Andere werden durch die „Mir san mir“-Propaganda im Innersten beunruhigt und fürchten jetzt tatsächlich, ihre Identität zu verlieren. Sie lassen sich leicht instrumentalisieren, wenn jemand Sicherheit gegen die Beunruhigung verspricht. 

Das eigentlich Beunruhigende ist aber, dass man mit dem Halali auf Gutmenschen Menschen gegeneinander aufbringt. Wem nützt das, frage ich. Jenen, die damit politisches Kapital machen wollen, Wahlen gewinnen, die den Boden vorbereiten für ihre Weltanschauung. Eine vielfältige Gesellschaft kann meiner Einschätzung nach kein Problem mit Gutmenschen haben. Sie sind erstens harmlos, wie schon der Name sagt. Sie tun zweitens Gutes, was zumindest seit Jesus von Nazareth ein Ausweis großer Menschlichkeit ist, und sie überlassen drittens das kritische Nachfragen anderen. Unsere Gesellschaft funktioniert arbeitsteilig. Die einen helfen, die anderen politisieren, die einen kritisieren, die anderen organisieren, die einen formulieren, die anderen hören zu und so weiter. Warum will man eine Gruppe eliminieren?

Alle Lebenserfahrung und alles Geschichtsbewusstsein zeigen, dass nicht die „Mutter Teresas“ dieser Welt das Problem sind, sondern jene, die ausschließlich ihre Interessen durchsetzen wollen. Die meistens die übergeordneten Ziele nicht interessieren, die sich schwertun, von dem, was sie haben, etwas abzugeben. Es mag schon sein, dass Naivität auch zum Problem werden kann. Dass Gutmenschen nicht oder zu wenig nach den Fakten fragen. Auch Mutter Teresa wurde vorgeworfen, die Ursachen der Armut der Menschen, denen sie half, nicht zu beseitigen. Und dass sie sich von einer männlich dominierten Kirchenspitze als Vorzeigefrau vorführen ließ, während die Stellung der Frau untertänig bleiben musste. Aber hätte es etwas geändert, wenn diese Frau nicht einfach zugepackt hätte und ihrem Auftrag nicht gefolgt wäre? Gutmenschen sind für mich die HüterInnen des wärmenden Feuers. Sie fragen zuerst einmal nicht, wer sich darum sammelt und daran wärmt. Sie geben einfach anderen einen warmen Platz zum Leben. Gerade weil die Zeiten schwieriger werden, weil das Gefühl von Angst und Bedrängnis sich in die Herzen so vieler schleicht, braucht es doch Gutmenschen ganz dringend. Und außerdem engagieren sie sich ja nicht nur für Fremde, sondern auch für Einheimische. Die Großeltern, die sich um den Nachwuchs ihrer Kinder sorgen, die ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen und LebensmittelretterInnen, die ChorleiterInnen und
die JugendgruppenbegleiterInnen, die
Besuchsdienst-Menschen und die HaussammlerInnen. Die Liste ist endlos. Lauter Gutmenschen. Nicht einen könnten wir entbehren.

Wer ein Gutmensch ist

  • Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert „Gutmensch“ so: „Gutmensch ist sprachlich eine ironische, sarkastische, gehässige oder verachtende Verdrehung des eigentlichen Wortsinns ‚guter Mensch‘ in eine Verunglimpfung.
  • Der Ausdruck gilt als politisches Schlagwort mit meist abwertend gemeinter Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen (,Gutmenschentum‘).
  • Diesen wird vom Wortverwender eine Absicht bzw. Eigenschaft des – aus Sicht des Sprechers – übertriebenen ‚Gutseins‘ oder ‚Gutseinwollens‘ unterstellt, wobei diese angebliche Haltung unterschwellig als übermäßig moralisierend und naiv abqualifiziert und verächtlich gemacht wird.
  • In der politischen Rhetorik der Neuen Rechten wird ‚Gutmensch‘ als Kampfbegriff verwendet.”

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at