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Haben Störungen wirklich Vorrang?

Das Telefon klingelt, eine Mail kommt mit Signalton herein, der Fernseher läuft, das Smartphone wird schnell auf Neuigkeiten durchgeschaut – wer mit modernen Zeitgenossen zu tun hat, darf nicht leicht ablenkbar sein. Wollen wir so fahrig weiterleben?

In der Gruppendynamik, einer psychotherapeutischen Richtung, die in den 1980er-Jahren ihre Hochblüte hatte, gab es einen zentralen Grundsatz: Störungen haben Vorrang! Also: Wenn irgendwas nicht passt, sofort sagen, nichts runterschlucken, nichts unter den Tisch kehren, raus mit der Sprache. Was sich in einer Gesellschaft, die Kinder noch gelehrt hatte, in Anwesenheit Erwachsener nicht ungefragt zu reden, wie eine Revolution anfühlte, kehrt sich nun in ihr Gegenteil. Störungen haben so viel Vorrang, dass die Störung der Regelfall geworden ist. Wer schützt uns nun, bitte, vor ihnen? Viele Kinder und Erwachsene setzen sich zu einem Gespräch nieder und legen sofort vor sich auf den Tisch ihr Handy oder Smartphone. Das braucht man zwar nicht, denn man wollte ja eben ganz altmodisch analog mit seinem Gegenüber reden. Aber es könnte ja jemand anrufen. „Nur kurz …“, sagt mein Gegenüber und steht schon auf, drückt das Handy an sein Ohr und geht ein paar Schritte zur Seite, um ein Telefongespräch anzunehmen. Nichts Dringendes, ein privater Anruf, Verabredung zum Freizeitvergnügen. „Kann ich zurückrufen?“, schallt es in unser Gespräch. „War nur mein Freund X, wegen heute Abend – wovon haben wir gerade gesprochen?“ Kurz darauf eine Sitzung, fast alle TeilnehmerInnen haben ihr Handy vor sich liegen. Und jeder und jede, ich übertreibe nicht, nimmt dieses Ding mindestens einmal zur Hand und beginnt unter dem Tisch damit zu agieren. Meist wenn er oder sie gerade nicht dran ist. „Ich hör schon, was ihr sagt, ich muss nur schnell noch schauen wegen einer wichtigen Sache …“ Was natürlich gelogen ist. Er war in Facebook oder WhatsApp oder sie auf Twitter, egal, jedenfalls in Gedanken woanders. Störungen haben Vorrang?

Zu allen Zeiten haben die Älteren die Sitten der Jüngeren beklagt – und ich gebe zu, ich gehöre auch schon zur Generation der RückblickerInnen. Aber trotzdem frage ich mich, ob wir nicht in unseren Umgangsformen ein paar Dinge zurechtrücken sollen. Störungen durch elektronische Geräte sollten, bitte, keinen Vorrang haben. Sie zerfleddern unsere Aufmerksamkeit und machen eine offene Kommunikation mit einem leibhaftigen Gegenüber nahezu unmöglich. Wir sind viel weniger multitaskingfähig, als man uns einreden möchte. Wir können uns nur auf eine Sache wirklich konzentrieren, alles andere wird zum Nebengeräusch. Wer mit seinem Smartphone surft, kann nicht gleichzeitig mit seinem Liebsten ein Krisengespräch führen. Beim Autofahren versucht man uns gerade abzugewöhnen, dass die BesitzerInnen eines Handys während der Fahrt nicht nur telefonieren, sondern auch SMS versenden oder im Netz herumhängen. Viele Unfälle sind in jüngster Zeit auf die Ablenkung der Fahrenden durch elektronische Apparate zurückzuführen. In Schulen bemüht man sich, verbindliche Regeln zu finden, wie, wann und wo Handys und Tablet-PCs genützt werden dürfen. Nicht nur, weil Unterrichten schwerer wird, wenn alle mit ihrem Kopf woanders sind, sondern auch, weil die SchülerInnen in der Offline-Zeit keine Probleme mit Mobbing im Netz haben. 

Sollen also Störungen weniger Vorrang haben? Ja, weil es unsere Beziehungen oberflächlich macht oder ruiniert, wenn wir unserem Gegenüber nicht ungeteilt aufmerksam zuhören. Offenkundig haben wir die Störung durch die Störung bisher zu wenig ernst genommen. Wir haben es auf die leichte Schulter genommen, wenn rundum die lieben Mitmenschen die Störung durch elektronische GesprächsteilnehmerInnen ernster genommen haben als ihr physisch anwesendes Gegenüber. Aber genau das ist eine Störung. Und die sollten wir angehen. Es braucht wohl ein bisschen Zivilcourage, zu sagen: „Könnten Sie bitte Ihr Handy wegstecken, während wir miteinander reden?“ Oder: „Es stört mich, wenn Sie, während wir diskutieren, ständig auf Ihren Tablet-PC starren.“ In einem Kurs für JungjournalistInnen habe ich gebeten, dass alle ihre PCs zuklappen und ihre Handys in die Tasche stecken, damit wir ohne Ablenkungen und mit Blickkontakt an unserem gemeinsamen Thema arbeiten können. Einigen ist das gar nicht so leichtgefallen, sie mussten zwischendurch immer wieder verstohlen über ihr Smartphone streichen. Aber der große Teil der Gruppe hat sich anschließend bedankt: „Super, dass wir so ungestört arbeiten konnten.“ Hatte inzwischen irgendjemand etwas versäumt? Was wirklich wichtig ist, kommt ohnehin wieder – und alles andere? Lenkt nur ab, wenn wir endlich so ganz im Jetzt angekommen sind!

Handys überall und jederzeit?

  • Wenn es nach den ZukunftsforscherInnen geht, hat die Smartphone-Nutzung ihren Zenit bereits überschritten.
  • Matthias Horx geht davon aus, dass die „Kultur der Störung“, die durch ausufernden Handykonsum entstanden ist, bald so geächtet werden wird wie heute das Rauchen. Man werde als „ungebildet und charakterschwach“ gelten, wenn man ständig auf sein Mobiltelefon starre.
  • Horx´ Branchenkollege Ulrich Reinhardt meint, dass es wieder attraktiver werde, FreundInnen ohne Störung durch elektronische Geräte und vor allem leibhaftig zu sehen.
  • Eine neue Kommunikationskultur könne entstehen, die festlegt, wo und wann Handys und Co. sozial verträglich genützt werden dürfen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/15 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at