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Hände weg!
Das Ende des Tätschelns und warum es damit seine Richtigkeit hat.

Sind Sie schon einmal von einem vierjährigen Kind gemaßregelt worden – noch dazu mit Recht? Das ist eine zwiespältige Erfahrung, von der ich hier berichten kann. Gerügt wurde ich an einem ganz normalen Wochentag gegen 19.30 Uhr. Ort der Handlung: das Kinderzimmer meiner Tochter. Handelnde Personen: sie und ich.

Das Abendritual war seinem üblichen Ablauf gefolgt: Vorlesen, kurze gemeinsame Beleuchtung allfälliger Ereignisse, kleines Kicher-Kitzel-Intermezzo, schließlich flackern­de Augenlider und ein sich sekündlich erhöhendes Körpergewicht durch langsam eintretende Schlafschwere. Meine Tochter hatte sich fürs Einschlafen auf meinen rechten Oberarm gebettet. Sie lag zu mir gedreht, ich hielt sie umarmt und tätschelte ihr mit einer Hand ganz leicht den Popo.

Nach etwa einer Minute schlug sie ihre Augen noch einmal auf, schaute mir direkt ins Gesicht und sagte laut und deutlich: „Nimm deine Hand da weg!“ Ihr Ton war freundlich und ohne jede Aggression. Er klang nach völlig gelassener, unaufgeregter Bestimmtheit, nicht nach Trotz oder Widerstand. Er rückte einfach zurecht, was für sie völlig klar war und nur ich, ihre begriffsstutzige Mutter, noch nicht kapiert hatte: Die Zeiten, in denen ich ihr wie einem Windelbaby mit Blähungen den Popo klopfen und tätscheln durfte, waren ein für alle Mal vorbei. Aus ihrer Sicht lagen diese Zeiten wahrscheinlich sogar schon Lichtjahre entfernt, während ich sentimentaler Depp offenbar immer noch nicht ganz einsehen wollte, dass ich es hier mit einem waschechten Kindergartenmädchen und nicht mit einem rotznasigen, auf unsicheren Beinen durch die Gegend taumelnden Kleinkind zu tun hatte.

„Nimm deine Hand da weg!“ Ja, für einen Augenblick fühlte ich mich ertappt und auch ganz leicht beleidigt. Irgendwo in der Mitte zwischen Übergriffsangst und Empörung über diese kleine, undankbare Kröte. Da strudelt man sich ab für seine Leibesfrüchte, wischt ihnen jahrelang den Hintern, aber tätscheln darf man ihn dann von einem Tag auf den anderen nicht mehr? Das sagte die eine, die angerührte Stimme in meinem Kopf. Die andere, die – Gott sei es gedankt! – sogleich die Oberhand gewann, sagte: Ja, genauso ist es. Das ist das Jobprofil. Und gut und richtig ist es so, noch dazu für ein kleines Mädchen, aus dem eine Frau werden soll, die keine Scheu hat, klar, deutlich und mit Bestimmtheit zu sagen, was sie will und was sie nicht will, was ihr gefällt und nicht gefällt, was ihr wohltut und was nicht. Gerade was ihren eigenen Körper und den Umgang mit ihm anlangt.

Eine Frau, die nicht aus Gefälligkeit oder Rücksicht Dinge über sich ergehen lässt, die ihr nicht angenehm sind. So dachte ich und verstieg mich gleich noch weiter in schöne Vorstellungen von meiner wehrhaften, entspannten, putzzufriedenen Tochter als erwachsener Frau. Mit einem Mal fühlte ich mich richtig wohl mit der kleinen Rüge, die sie mir erteilt hatte. Alleweil, das bleibt so, dachte ich mir. Alleweil, sie kann auch weiterhin ohne schlechtes Gewissen für sich eintreten. Das Tätscheln wird mit sofortiger Wirkung dauerhaft eingestellt. Ich hab’s kapiert. Meine Tochter, die all diese Überlegungen nicht im Mindesten kratzten, war längst eingeschlafen.   

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2014 – von Julia Kospach