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Halbstarker Kokosnussknacker<br>ab 2 Jahren

„Gorillino“ hat im Urwald eine Nuss gefunden, eine Kokosnuss natürlich! Wie schwer die zu knacken ist, scheint allgemein bekannt, auch für Gorillabuben. Doch Gorillino erwidert auf Papas wohlmeinendes Angebot „Soll ich sie für dich öffnen?“ wie nicht anders zu erwarten abweisend. Äußerst eloquent und selbstbewusst entgegnet er „Nein, ich schaff das allein!“, anstatt „Söba! ´lleine!!“, wie eins meiner Kinder in ähnlichen Situationen heftig zu revoltieren pflegte, nicht minder überzeugend. Wie gute Onkel und liebe Tanten bedrängt die ganze tierische Prominenz den kleinen Gorilla. Alle wissen sie es ganz genau, wie die Nuss mit Leichtigkeit zu knacken sei.

Doch Urwalduhren ticken anders …

Das akute „Söba-`lleine“-Problem droht in Zeiten der Eile und Hektik zu eskalieren. Alle Eltern von 2–3-jährigen Menschenkindern kennen es, und außer Geruhsamkeit, Achtsamkeit und respektvollen Umgang miteinander hilft da gar nichts. Manches Mal bricht es unerwartet über uns zusammen, führt zu Patt-Situationen, Machtkämpfen und festgefahrenen Streitigkeiten, die nur mit viel Abstand wieder ins Lot kommen.

„Mit kleinen Kindern muss man lernen, Zeit zu verlieren um Zeit zu gewinnen.“ Der Autor oder die Autorin dieses schlauen Spruches, den mir eine liebe Nachbarin anlässlich der Geburt unseres dritten Kindes auf die Glückwunschkarte geschrieben hat, ist mir unbekannt. Er beinhaltet mehr Weisheit, als ich auf den ersten Blick wahr haben wollte. Ein mir unangenehmer Gedanke: das Zeitverlieren als zielgerichtetes Mittel einsetzen. „Tu nichts für das Kind, was es nicht selbst machen kann“, so heißt sinngemäß ein Rat Maria Montessoris, den konsequent zu beherzigen für manchen Tagesablauf eine echte Steilvorgabe bedeuten kann. Sie annehmen ermöglicht das ungemein wertvolle Gefühl der „Selbstwirksamkeit“. Kinder, deren Eltern souverän reagieren wie der Gorillavater, bekommen die Chance, eigenständig und autonom Erfahrungen zu sammeln.

„Dann eben nicht, du kleiner Dickschädel“, sagt Papa Gorilla und verschwindet im Gebüsch.

Immer, wenn ich mir bewusst Zeit genommen hab, und es mir gelungen ist, mein Kind mit Gelassenheit und Abstand und den „wartenden Händen“ einer Emmi Pickler (Montessori-Schülerin) bei wiederholten Versuchen des Selber-Schaffens möglichst unbemerkt und unaufdringlich zu beobachten, dann hat sich wie ein unverhofftes Geschenk zwischendurch der kluge Spruch vom Zeitgewinnen beglückend erfüllt. Während mein Kleines beispielsweise mit Schnaufen und Mühen stolz in seine kleinen Schuhe geschlüpft ist – nach unzähligen Anläufen hat es schließlich geklappt –, hab ich meine großen in aller Gemütlichkeit und ohne Eile angezogen. Und auch noch meinen Schal zurechtgezupft. Coole Gorillamamas lassen Kinder selber werken!

Gorillino hört sich alle Vorschläge der hilfsbereiten Wildnisbewohner an: Krokodil, Nashorn, Geier, Giraffe, Elefant und Löwe bekommen alle die gleiche Antwort: „Nein, ich schaff das allein!“

Schließlich beginnt er nachzudenken und konstruiert den originellsten Kokosnussknacker, den der Dschungel je gesehen hat. Sieben mächtigen Tieren bleibt der Mund offen stehn, das Happy-End der Geschichte braucht keine Worte: Zufrieden knabbert der Kleine die große Nuss.

Paolo Friz: ICH knack die Nuss.

Ab 2 Jahren

Atlantis Verlag 2011, 4. Auflage 2014

ISBN 978-3-7152-0623-3

EUR 10,30

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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