11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Unterdrückung von Frauen, ausbeuterische Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung und Behördenwillkür – es gibt viele Themen, die den Menschen in der Hochebene von Bogotá, Kolumbien, unter den Nägeln brennen. Die Organisation „Cactus“ unterstützt vor allem Frauen und Jugendliche darin, ihre Rechte einzufordern.

Wenn Alba Vanegas im Aufnahmeraum von Radio Alegría Stereo Platz nimmt, legt sie  ihre  schwar­zen Spitzenhandschuhe an, als wollte sie sich für einen Abendempfang schön machen. Auch sonst hüllt sich die junge Frau ganz in Schwarz, von den schweren Schnürstiefeln bis zum Brillenrahmen. Eine kurze Besprechung mit den Kolleginnen, ein Blick durch die Glaswand zur Technikerin, die das Mikrofon rechtzeitig einschalten und die Musikeinlagen einspielen muss.

KLEIN_43_Cactus Frau m Rose_RZ Kopie

Vor dem Muttertag gibt es Extraschichten. Foto: Corporación Cactus

Dann geht es los: „Guten Abend, liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Alegría Stereo“, flüstert sie ins Mikrofon, „hier ist Ihr Programm ‚Stimmen der Savanne, Echos aus unserem Territorium‘, moderiert und gestaltet vom Frauenkollektiv ‚Wir brechen das Schweigen‘“. Mit professioneller Routine stellt Alba die beiden Komoderatorinnen und das Thema des Tages vor. Es geht um die Würde. Die Würde im Alltag, im Umgang mit Behörden, auf der Straße, im eigenen Haus ist ein unerschöpfliches Thema in Kolumbien.

Denn Frauen werden nicht nur in der Öffentlichkeit oft vulgär angepöbelt, sondern häufig auch von Ehe- oder Lebenspartnern nicht für voll genommen und zur Arbeit im Haushalt verdammt. Alba Vanegas mit ihrem extravaganten Outfit strahlt Selbstbewusstsein aus. „Ich bin seit vier Jahren beim Radio“, die Frauenrechte seien ihr ein besonderes Anliegen, sagt sie.
Nach der Radiosendung findet sie sich mit mehreren Frauen und Jugendlichen im Pfarrhaus der Gemeinde Tocancipá ein, um über ihre Erfahrungen im Frauenkollektiv „Wir brechen das Schweigen“ zu berichten und über einen Diplomlehrgang
der Organisation „Cactus“. Sechs Monate lang trafen sich dabei jeden Samstag 120 Frauen, die dem Aufruf gefolgt waren, ihre passive Rolle als Ehefrauen und Mütter abzulegen.

MUTIGER WERDEN
„Der Aufruf erging über das Lokalradio, aber auch sehr viel mittels Mundpropaganda“, erzählt Zulena Botero, die bei „Cactus“ die Frauengruppen organisiert. Es werde nicht gleich über Menschenrechte gesprochen, sondern zunächst über den Alltag der Frauen. „Zuerst basteln wir Weihnachtskarten und reden über unverfängliche Dinge. Aber irgendwann fangen sie selber an, Kritik zu üben“, sagt Zulena, „oder sie klagen, was in ihrem Sexleben nicht funktioniert.“ Dann komme man sehr schnell auf Geschlechterklischees zu sprechen, auf das Patriarchat und andere gesellschaftliche Probleme. Nach und nach werde dann das Niveau der Diskussionen angehoben.

Ein Maisfestival in der Nachbargemeinde Chía war beispielsweise Anlass, über das Saatgut zu sprechen und darüber, wie neue Gesetze die biologische Vielfalt bedrohen. „Dann schreiben wir gemeinsam ein Theaterstück, bei dem es um das Verschwinden der traditionellen Saaten in der Savanne von Bogotá geht“, so Zulena Botero. Die Frauen müssen ihre Rollen nicht auswendig lernen, sondern dürfen vom Skript ablesen. So verlieren sie ihre Scheu. Zu Hause können sie dann berichten, dass sie Theater spielen. Nicht alle Ehemänner sind begeistert, wenn ihre Frauen Selbstbewusstsein tanken. Einige Frauen bleiben dann auch weg. Aber die, die sich durchsetzen und dann auch nach Abschluss des Diplomlehrgangs aktiv bleiben, entwickeln sich zu echten Powerfrauen.

ROSENINDUSTRIE
Die Savanne von Bogotá, eine fruchtbare Hochebene, die sich auf etwa 2.500 Meter Seehöhe im Westen und Norden der Metropole erstreckt, war einst der Brotkorb der Hauptstadt. Kleinbauern pflanzten dort Weizen, Gerste, Mais, Gemüse, Kartoffeln an und verkauften sie auf dem Markt in der Nähe. In den 1960er-Jahren wurde die Region dann von der Schnittblumenindustrie entdeckt. In unmittelbarer Nähe zum internationalen Flughafen fand man dort perfekte klimatische Bedingungen für den Anbau von Rosen und Nelken vor. Subventioniert von der Regierung, die sich einen Ausweg aus der einseitigen Abhängigkeit vom Kaffee- und Bananenexport und gleichzeitig die Lösung der steigenden Arbeitslosigkeit versprach, expandierte die Blumenindustrie. Heute bedecken die Gewächshäuser einen Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche der Savanne. Kolumbien stieg zum größten Schnittblumenexporteur nach den Niederlanden auf. Heute werden jährlich über drei Milliarden Blumen ausgeflogen, wie Ximena Franco von der Blumenproduzentenvereinigung „Asocolflores“ angibt.

KLEIN_43_cactus-gruppe_tocancip Kopie

Frauen und Jugendliche treffen sich im Pfarrhaus der Gemeinde Tocancipá, um sich über die Aktivitäten des Frauenkollektivs „Wir brechen das Schweigen“ auszutauschen. Foto: Corporación Cactus

Die mit Plastikplanen bedeckten Treibhäuser bieten Arbeit vor allem für junge Frauen, bevorzugt mit geringem Bildungsniveau und ohne familiäre Verpflichtungen. So wie Alba Gallego, die mit 17 Jahren gemeinsam mit zwei Schwestern aus der entfernten Provinz Antioquia zuwanderte. Die Landwirtschaft der Eltern warf für die 13 Kinder nicht genug ab. Alba fand in der Nelkenproduktion in der Gemeinde Facatativá einen Job. Den war sie auch bald wieder los, denn sie wollte sich vom Chef nicht begrapschen lassen. Auch sonst passte die junge Frau nicht ins Schema, denn sie wusste sich zu wehren, wenn ihr Unrecht geschah. Und sie durchschaute schnell, warum die Arbeit in der Blumenindustrie einen schlechten Ruf hatte: „Man arbeitet den ganzen Tag und verdient nichts. Und man schädigt seine Gesundheit.“ Gewerkschaften werden in den meisten Betrieben nicht geduldet.

Josefa Gómez, die heute im Büro von „Cactus“ Botendienste und andere leichte Arbeiten verrichtet, weiß warum: „Mein direkter Vorgesetzter hat meine Überstunden nur teilweise notiert.“ Dadurch sinkt nicht nur der Monatslohn, auch die jährliche Sonderzahlung fällt dadurch geringer aus. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind aber auf Überstunden angewiesen, da vom Grundlohn niemand leben kann.

KLEIN_42_aura rodriguez_RZ Kopie

Aura Rodriguez, Direktorin von „Corporación Cactus“: „Unser Ziel ist Aufklärung von Jugendlichen und Frauen in der Region.“ Foto: Ralf Leonhard

KAMPF UM STANDARDS
Nach der Veröffentlichung einer Studie der Soziologin María Cristina Salazar über die Blumenproduktion in der Savanne von Bogotá wurde 1995 die „Corporación Cactus“ gegründet, unterstützt von Gruppen in Österreich, Deutschland und der Schweiz. „Cactus“ betreute Arbeiter und vor allem Arbeiterinnen, die nicht länger um jeden Peso, der ihnen zustand, streiten wollten und die es leid waren, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Mehr Öffentlichkeit in Kolumbien, aber auch internationaler Druck veranlassten die Industrie schließlich, in die Offensive zu gehen. „Asocolflores“ gründete ein eigenes Ökolabel: „Florverde“. Ximena Franco, Geschäftsführerin dieses Programms, ist stolz, dass bereits 40 Prozent der exportierten Blumen dieses Gütesiegel tragen. Auch die größten Produzenten ließen sich inzwischen zertifizieren, sagt sie.

Das Programm setzt nicht nur ökologische Mindeststandards, sondern verlangt auch die menschliche Behandlung der Angestellten. Die ökologischen Standards hätten sich tatsächlich verbessert, konzediert Ricardo Zamudio von „Cactus“. Und auch die Arbeitsgesetze würden jetzt eher eingehalten. Allerdings sei deren Standard durch unternehmerfreundliche Reformen von staatlicher Seite drastisch abgesenkt worden. Zamudio: „Die Löhne sind weiter niedrig und die Arbeitsbelastung hat zugenommen.“ War eine Arbeiterin früher für durchschnittlich 20 bis 25 der riesigen Beete verantwortlich, so müsse sie heute 50 bis 60 Beete betreuen.

ZUKUNFT GESTALTEN
Die Arbeit mit den Blumenarbeiterinnen habe gezeigt, dass es nicht reiche, die betrieblichen Probleme in den Treibhäusern isoliert zu bekämpfen, sagt Aura Rodríguez, Direktorin von „Cactus“. Deswegen setze man jetzt auf einen ganzheitlichen Ansatz: „Unser Thema ist das Territorium der Savanne von Bogotá.“

Zielgruppe der Initiative sind vor allem Frauen und Jugendliche. Denn in deren Hand liege es, die Zukunft zu gestalten. Sie legen in den Schulen und Stadtvierteln kleine Gemüsegärten zur Selbstversorgung an, machen Musik, tanzen und erfahren nebenbei etwas über Bürger- und Menschenrechte. Besonders beliebt sind die Medienworkshops.

KLEIN_42_Ricardo zamudio_RZ Kopie

Ricardo Zamudio findet die Arbeitsbelastung in den Treibhäusern unzumutbar. Foto: Ralf Leonhard

Obwohl sich, je nach Gemeinde, drei oder vier Organisationen den wöchentlichen Sendeplatz im Kommunalradio teilen müssen, sind Frauen wie Jugendliche mit Begeisterung dabei. Denn die Themen, die ihnen unter den Nägeln brennen, gehen ihnen nicht aus. Umweltverschmutzung, Behördenwillkür, Spekulation mit Bauland et cetera. Aura Rodríguez verweist auch auf Probleme, für die die kommunale Organisation selbst die Lösung ist: Wer in seiner Freizeit Sport oder Radioprogramme macht, gerät nicht in Versuchung, Drogen zu nehmen.

Mädchen, die Selbstwertgefühl entwickeln, werden nicht mit 13 Jahren schwanger. Frauen, die sich von anderen unterstützt wissen, lassen sich nicht mehr von ihrem Mann verprügeln.    

Teilen macht stark

In allen Teilen der Welt sorgen Frauen für den Lebensunterhalt ihrer Familien. Damit sie dafür ausreichend Bildung, Chancen und Selbstbewusstsein haben, lohnt es sich, in die Aktion Familienfasttag zu investieren. Die Spenden aus Österreich werden mit ProjektpartnerInnen in den Ländern des Südens zum Wohl der Frauen und ihrer Familien eingesetzt. Mehr als 50 Jahre Erfahrung bilden den Background der Aktion Familienfasttag. Sie involviert die Frauen in Österreich in die Leben der vielen Frauen weltweit. Das schärft das Bewusstsein, dass Frauenrechte und Frauenchancen unteilbar und untrennbar miteinander verbunden sind. Die politische Aktion ist Teil des Familienfasttags.

Aktion Familienfasttag

In vielen Pfarren laden kfb-Frauen zum Suppenessen und bitten dabei um finanzielle Zuwendungen. Bitte verwenden Sie beigelegten Erlagschein oder spenden Sie direkt: Aktion Familienfasttag der kfbö, IBAN AT8660 0000 0001 2500 00, BIC OPSKATWW.

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/14 – von Ralf Leonhard