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Hat die Liebe keine Fürsprecher mehr?
Selten zuvor war das Beziehungsleben so unsicher wie heute. Ewig dein? Weit gefehlt. Ist das halt so und geht uns nichts an?

Wir trennen  uns.“ Als mir eine sehr nahe Freundin diese schlichte Mitteilung machte, merkte ich, dass ich sagen wollte: „Ja warum denn das? Gibt es keine Chance, dass ihr zusammenbleibt?“ Doch ich habe es mir verkniffen. Wie es ihr gehe, wie das alles gekommen sei und wie sie sich ihre Zukunft nun vorstelle, das wollte ich natürlich schon wissen. Aber ein Plädoyer für die Weiterführung der Ehe kam mir als unzulässige Überschreitung einer Grenze vor. Was seltsam ist. Immerhin bin ich ihre Trauzeugin gewesen. Wäre es womöglich sogar meine Aufgabe, meinen Teil zur Rettung dieser Beziehung beizutragen? Mir fällt ein Paar ein, sie Muslima, er evangelischer Vikar, die zu ihrer Hochzeit viele Gäste einluden. „Es werden Phasen kommen, wo es uns nicht so gut geht, und dann werden wir Menschen brauchen, die diese Ehe mittragen“, haben sie gesagt. Trennen sich so viele Menschen, weil es niemand gibt, der in Krisen mitträgt oder seinen Teil daransetzt, dass die Beziehung, mit der meist auch eine Familie verbunden ist, bestehen bleibt?

Beziehungen haben sich extrem rasant verändert. Das „Solange wir leben“ war früher nicht nur ein Versprechen, das sich zwei gegeben haben, es wurde auch sozial überwacht oder mitgetragen. Fremdgehen war zumindest eine Schande, Trennung im Grunde tabu. Das hat, zumal unter nicht gleichberechtigten Verhältnissen und in wirtschaftlicher Abhängigkeit, für viele Frauen lange Jahre des unglücklichen Ausharrens bedeutet. Der soziale Druck, nicht schnell auseinanderzugehen, hatte aber auch Vorteile. Nicht nur die soziale Sicherheit war größer, es wurde auch die Chance eröffnet, durch schwierige Zeiten zu reifen, andere Lösungen zu suchen als Trennung.

Glaubt man den Gesellschafts­forscherInnen, sind diese Zeiten vorbei. Das eigene Glück steht bei den meisten an erster Stelle. Der Partner oder die Partnerin wird in der Rolle gesehen, dieses umfassende Wohlbefinden mit zu ermöglichen. Verspricht ein anderer Mensch das größere Glück, ist der Wechsel schneller als früher eine Option. Vielleicht auch, weil sich niemand darüber aufregt, sondern in der Regel solche Entscheidungen als höchstpersönliche einfach kopfnickend zur Kenntnis genommen werden. Wirklich hart ist es für jene, die unfreiwillig mit dem Ende einer Beziehung konfrontiert werden. „Gibt es jemand Dritten?“ Ja, wie meistens. Weil sich viel mehr Menschen trennen als früher, gibt es in jedem Lebensalter viel Angebot am Markt der Bindungswilligen. Das Internet macht es möglich: Profil eingeben, Date vereinbaren, neues Glück.

Nun ist die Welt der Beziehungen, wie sie eben ist. Es wird, je öfter es vorkommt, auch für Kinder nicht mehr das ganz große Drama sein, ein Scheidungskind zu sein, es gibt gar nicht so wenige Familien, die wirklich liebevolle Patchwork-Arrangements leben, und manche finden nach mehreren Versuchen doch den Partner oder die Partnerin, mit dem oder der sie sich vorstellen können, alt zu werden.

„Manchmal habe ich noch Wehmut, weil meine erste Ehe auseinandergegangen ist, weil mein damaliger Mann mich wegen einer anderen verlassen hatte“, erzählt eine entfernte Bekannte. Das Versprechen, bei jemandem zu bleiben, es miteinander durch dick und dünn zu probieren, einander treu zu sein, kann man zwar brechen, aber offenbar doch nicht so einfach vergessen.

Im kirchlichen Eherecht gibt es den „Anwalt des Bandes“, also jemand, der alle Gründe sucht, die für eine Weiterführung der Ehe sprechen. Gelegentlich frage ich mich, ob ein solcher Einspruch – vielleicht auch Zuspruch – von außen nicht doch hilfreich wäre. Um Zeit zu über­brücken, bis sich eine anderweitig gelebte Verliebtheit gelegt hat und Konsequenzen einer Trennung in Ruhe besprochen werden können, wenn die ersten Kränkungen halbwegs verheilt sind. Im besten Fall auch, um der Liebe eine Chance zu geben – wenn Außenbeziehungen auch Signale sind, dass die Binnenbeziehung neue Impulse braucht. Vom Politiker Franz Alt las ich kürzlich, dass seine Frau, nachdem dessen Freundin mit Zwillingen schwanger war, nicht sofort die Scheidung eingereicht, sondern gemeint hat: „Zu einer Krise gehören immer zwei.“ Die Schuld nicht nur beim anderen zu suchen, scheint hilfreich, die Ehe ist bis heute aufrecht geblieben.

Um nicht missverstanden zu werden: Einmischung in innere Angelegenheiten geht nicht. Aber Beistand bei inneren Angelegenheiten könnte doch womöglich hilfreicher sein, als wir meinen.

Christine Haiden überlegt, ob es ausreicht, Trennungen nur achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen.

Die Liebe in Zeiten der Selbstoptimierung 

16.351 Ehen wurden in Österreich 2015 geschieden, in Prozenten ausgedrückt: 41,6. Der Psychologe Klaus Heer meint in einem Artikel in der Zeitung „Die Welt“, dass Frauen und Männer heute gleichermaßen viel voneinander erwarteten. In der Regel sind diese Wünsche überzogen und enden eher früher als später in Enttäuschung. „Große Liebe, finanzielle Sicherheit, ein schönes Leben“, kleiner geben es viele nicht. Eine Folge der kapitalistischen Logik, die stets auf der Suche nach dem größtmöglichen eigenen Nutzen sei, wie manche KritikerInnen, etwa der Philosoph Peter Sloterdijk, sagen? Oder bloß Ausdruck einer freien Gesellschaft, die auch häufigeren Partnerwechsel nicht mehr bestraft?

 

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Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at