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Guter Rat ist oft nicht teuer. Massenweise bieten Bücher zu jedem erdenklichen Thema Hilfe an, vom Abnehmen über Gartendekoration bis zu Zahnarztlügen. Oft wissen die Ratgeber es aber zu gut.

Ich gebe zu: Auch mir hat schon mal ein Ratgeber geholfen. Eigentlich muss man streng mit diesen Büchern ins Gericht gehen, doch zweifellos stimmt eben auch, dass sie manchmal wirklich trösten. Der Ratgeber, der mich nicht losließ, heißt „Ambition. Wie große Karrieren gelingen“. Schon den Titel fand ich damals, als ich das Buch in die Hände bekam, ausgesprochen dumm. Von wegen „große Karriere“, geht es bitte auch eine Nummer kleiner? Die Autorinnen, Dorothea Assig und Dorothee Echter, stellen sich als Beraterinnen für die hohe Wirtschaft und das „Topmanagement“ vor. Na prächtig, und dann entwickeln sie auch noch ein zertifiziertes Fünfpunktemodell, das, wenn man ihm nur wirklich folge, ganz klar zum Ruhm führe. Während ich das Buch las, regte ich mich permanent über den Stil auf, der sehr an ein knalliges Sporttraining erinnerte: „Das bringt Sie jetzt weiter!“

Außerdem fand ich mich selbst klüger als die Autorinnen. Sie behaupten nämlich, Karriere habe nichts mit Glück zu tun und scheitere niemals an äußeren, sondern immer nur an inneren, psychischen Widerständen. Solche Behauptungen finde ich – rein weltanschaulich – falsch und auch gefährlich. Wir leben schließlich nicht im magischen Zeitalter. Die eigene Einstellung zur Welt kann zwar viel bewirken, aber Berge versetzen kann sie nicht. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Welt nicht so funktioniert, wie Assig und Echter sie beschreiben. Erstaunlicherweise hat aber ihr Ratgeber trotzdem gewirkt.

Ratgeber sind Märchenbücher für Erwachsene.

PEINLICH, ABER WAHR
Es geht mir nicht alleine so. Susanne Niemeyer, die Autorin der „Welt der Frau“-Kolumne „Auf einen Augenblick“, hat festgestellt, dass oft genau die Ratgeber helfen, die einem selbst ein bisschen peinlich sind. Eben Titel wie „Greif nach den Sternen“, „Jetzt geh ich’s an. Wege aus der Einsamkeit“ oder „Wege des Künstlers“. Peinlich sind diese Ratgeber, „weil uns eigentlich das Problem peinlich ist, das sie behandeln“, vermutet Niemeyer und erzählt von einer Freundin, die ihre Ratgeber-Bücher in blickdichte Umschläge hüllt, um sie ungestört auch in der U-Bahn lesen zu können. Papier ist geduldig und verschwiegen. Der Griff zum Ratgeber reizt auch, weil man die eigenen
FreundInnen nicht endlos mit den immer wiederkehrenden Themen strapazieren kann, mit der Depression, der Angst, den Gewichtsproblemen, den Berufs-, Beziehungs- oder Singlesorgen. Ein Buch hält das aus, und die großen Buchhandlungen sind so anonym wie der Supermarkt. Ein bisschen peinlich sind die Ratgeber vermutlich auch, weil sie deutlich von Wunscherfüllung handeln. Sie sind die Märchenbücher der Erwachsenen. Und wie Kinder dieselben Geschichten immer wieder hören möchten, können Erwachsene von Ratgebern offenbar nicht genug kriegen.

KULTUR DER SELBSTHILFE
Daher läuft das Geschäft. Nach Angaben des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels machten im Jahr 2012 hierzulande die Ratgeber rund 20 Prozent des gesamten Buchumsatzes aus, in Deutschland waren es 13,8 Prozent. Nimmt man allerdings die deutschen Daten als Grundlage, zeichnet sich in den letzten fünf bis sieben Jahren ein leichter Rückgang der Verkaufszahlen ab. Ratgeber boomen zwar immer noch, es scheint aber auch, als sei der Markt langsam gesättigt mit Büchern zu Glück und Lebensweisheit, Spiritualität, Fitness, Gesundheit, Erziehung, Partnerschaft, Sexualität, Essen und natürlich Erfolg. Letztlich entsprechen die Ratgeber aber auch einer Notwendigkeit unserer Zeit. Weil sich traditionelle Handlungsregeln immer mehr aufl ösen, wir als Einzelne aber für unser Tun verantwortlich sind, suchen wir Anleitung zur „Selbsthilfe“. Das ist zentral für den modernen Menschen, schreibt die Soziologin Eva Illouz: „Selbsthilfe ist nicht nur ein Marktsegment, sondern ein völlig neuer kultureller Modus, das heißt eine völlig neue Weise, wie sich das Individuum auf die Gesellschaft bezieht.“

Keine Revolutionen
Natürlich kann man nicht alle Ratgeber über einen Kamm scheren. Technische Ratgeber nach dem Muster „Wie lerne ich in 30 Tagen Englisch?“ sind von psychologischen, lebensberatenden zu unterscheiden. Trotzdem verfahren im Grunde alle Ratgeber technisch. Sie gehen von einem Problem aus und suchen die Lösung. Das ist ihre Logik. An dieser Logik liegt wohl auch, dass Ratgeber im Kern konservativ sind. Selbst wenn sie sich unkonventionell und frech geben wie „Ich bleib so scheiße, wie ich bin“ (Rebecca Niazi-Shahabi), geht es letzten Endes ums Gelingen im bestehenden System. Das war früher nicht anders als heute. Die biblischen Sprüche Salomos, die man durchaus als Ratgeber verstehen kann, sind vornehmlich darauf ausgerichtet, die gesellschaft liche Ordnung zu stützen. Weisheiten der Stoa lehren uns den guten Umgang mit dem Schicksal und dem Unverfügbaren. Der Rat sagt mir, wie ich mit dem Leben besser klarkomme oder mein Leben ändere. Dazu, die allgemeinen Lebensbedingungen oder die Gesellschaft selbst zu ändern, ruft er nicht auf. Mit Ratgebern macht man eben keine Revolutionen.

Die Gouvernante
Ratgeber sind immer stark ihrer Zeit verhaft et. Sie spiegeln, wo wir stehen und was wir problematisch fi nden. Das ist interessant zu beobachten. Den Rat, das eigene Ich zu stärken oder der „inneren Stimme“ zu folgen, wird man in der Bibel bei Salomo so nicht finden. Früher ging es viel autoritärer zu, die Pädagogik war eine andere. Aber pädagogisch bleiben Ratgeber trotzdem. Auch wenn sie locker und unterstützend daherkommen, wie etwa der wirklich nützliche Dauerbrenner „Simplify your Life“ von Werner Tiki Küstenmacher, regieren doch Zuckerbrot und Peitsche. Das Simplify-Prinzip beruht auf allen möglichen „Ent-lastungen“. Man soll öft er mal „Nein“ sagen, sich Zeit nehmen für sich, nicht perfekt sein wollen. Gleichzeitig achtet „Simplify“ aber auch wie eine strenge Gouvernante darauf, dass Geld gespart wird und der Schreibtisch aufgeräumt. Keine Stapel mehr, nur Hängeregister! Die schmutzige Tasse immer sofort in die Spülmaschine! Den Tag nicht mit E-Mails beginnen! Das ist alles richtig, aber sind wir eigentlich dafür erwachsen geworden, dass wir uns nun von Ratgebern unter die Fuchtel nehmen lassen? Kauft man mit den Ratgebern auch ein Stück Eltern zurück.

Freiraum der Fantasie
Keine Frage, Ratgeber können helfen. Viele geben gute Tipps, und vielleicht ist es mit ihnen ja wie mit dem Aberglauben. Ihre Lehren müssen gar nicht stimmen, um trotzdem etwas zu bewirken. Das kann im guten Fall dazu führen, etwas zu verändern, im schlechten allerdings auch, gerade nicht zu handeln, sondern immer wieder neue Lebenshilferezepte zu verschlingen, in Endlosschleife. Die besten Ratgeber sind vermutlich aber doch die Bücher, die gar keine Ratgeber sind. Sie helfen ohne Programme, ohne To-do-Listen, ohne Antworten. Sie helfen, weil sie wissen, dass es für manche Probleme keine klare Lösung gibt, aber vielleicht eine Geschichte, die tröstet. Mein Favorit ist Wolf Erlbruchs Bilderbuch „Frau Meier, die Amsel“. Es handelt von Frau Meier, die sich immerzu Sorgen macht, eines Tages eine Amsel in ihrem Garten fi ndet, sie aufzieht und ihr und sich selbst das Fliegen beibringt. Erlbruchs Märchen wirkt vor allem durch die Bilder, es lässt den Freiraum der Fantasie. Daher steckt es alle Ratgeber zu Selbstfi ndung und Karriere locker in die Tasche.