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Hoch begabt und bitter arm

Die, die ihren Besitz wahren, fordern von denen, die arm sind oder gefährdet sind, als arm zu gelten, also als Arme in Österreich zu leben, sie mögen doch bitte schön: Arm, aber sauber. Arm, aber fleißig sein. Im Umkehrschluss hieße das dann ja auch: Reich, aber dreckig. Reicher, aber faul. Klingt hässlich, sollte so nicht gesagt werden. Das hier vorgestellte Buch ist klein im Format und groß in seiner Aussage. Es erklärt allen, die bereit sind, zu verstehen, wie Armut entsteht, wie Gesellschaft Armut fördert und wer reich wird und bleibt, solange andere arm sind.

Da ist auch die Rede von den hochbegabten Kindern, deren Eltern in unsicheren ökonomischen Verhältnissen leben, die unterfordert sind, wo andere in den besseren Wohngegenden einfach dank unzähliger Nachhilfelehrer gerade die Matura schaffen und wenn nicht, sind immer die LehrerInnen schuld oder gar die Unterrichtsministerin.

Was Zahlen nicht zeigen können, sind etwa jene Wirklichkeiten des Mangels und des Leides, die sich nicht so einfach erfassen und messen lassen, die der Allgemeinheit verborgen bleiben (manchmal auch von den betroffenen Menschen selbst verborgen gehalten werden), und die mit der (dann gefährdeten) Tiefe menschlichen Lebens und seinem (gefährdeten) Reichtum auch jenseits ökonomisch messbarer Größen zu tun haben.

Da schauen wir gleich auf den Beitrag von Elke Brüns, die anhand der Analyse einer Tatort-Folge zeigt, wie sich relative Armut auswirkt, auf den Körper und den Geist der Kinder. Es geht um Nessi, deren Muttern alkoholkrank ist, die an der Flasche hängt wie Nessi, die die süße Limonade zu schätzen weiß wie Mama den Alkohol. Nessi Schultasche ist hässlich, gibt Anlass zu Spott: Nessi besucht die Schule, träumt davon, Ärztin zu werden und kümmert sich nach der Schule um eine pflegebedürftige Frau, als Kind, nur um das nicht zu vergessen. Das ist kein Drehbuch fern des Lebens, nach dem Tatort gab es ordentliche Diskussionen, inzwischen gehen alle Nessis dieser Welt weiterhin zu dick, mit den falschen Nahrungsmitteln unversorgt und von ihren Eltern zumeist auch vernachlässigt zwischen Plattenbauten und Brennpunktschulen hin und her. Das tut weh und genau das erreicht dieses Lesebuch: Man hat danach einen klaren Blick auf die Gesellschaft, deren Teil man ist. Man weiß, es gibt viel zu tun. Vielleicht braucht man dann heute um 18.00 Uhr auch kein resch-frisches Weckerl mehr im Supermarkt, hasst Sendungen wie „the biggest looser“ und verliert kein Wort mehr über Sozialschmarotzer. Das wär doch schon ein Anfang.

 

Das versäumen Sie, wenn Sie das Buch nicht lesen: Wahrheit, Anständigkeit, glasklare Analysen, die im echten Leben angebunden sind, Impulse, Kritik an der Gestaltung des urbanen Lebensraumes, eine Chance, einen Tag lang die Welt zu verstehen, dann lockt uns das nächste Sonderangebot.

 

Lesebuch soziale Ausgrenzung.

Aspekte von Armut in wohlhabenden Gesellschaften.

Hrsg. von ASAP Österreich/Clemens Sedmak, Helmut P. Gaisbauer, Elisabeth Kapferer, Gottfried Schweiger und Stefan selke.

Mandelbaum verlag 2014.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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