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"Ich bin ein Teil von Österreich"
Musliminnen, die Kopftuch tragen, sind unterdrückt, sie haben keinen Willen zur Integration, können nicht gut Deutsch, haben keine Bildung ? Vorurteile, die in vielen Köpfen von uns ÖsterreicherInnen verankert sind. Doch wie gehen Frauen mit Migrationshintergrund ? mit oder ohne Kopftuch ? mit solchen Vorurteilen um? Wie meistern sie ihren Alltag, ihre Integration, ihr Familienleben und wie reagieren sie auf verletzende Aussagen?

Meine Tochter ist meine Revolution

Saime Zengin trägt bei unserem Treffen ein elegantes Kostüm, farblich dazu passend einen Schal über dem Kopf. Sie ist dezent geschminkt. An ihrer Seite ihre Tochter Dilek ? selbstbewusstes Auftreten, wilde Locken, eine Hose, die über den Knien endet. Im ersten Moment ein sehr überraschender Anblick. »Meine Tochter ist meine Revolution. Ich habe sie von allen Beschränkungen frei gemacht. Ich hatte viele Beschränkungen in meinem Leben ? in religiöser und kultureller Hinsicht und als Frau«, sagt Saime Zengin. Sie betont, ihr Kopftuch aus eigenem Willen zu tragen.

Feministin in ihrer Tradition

Saime Zengin (38) ist ausgebildete islamische Religionslehrerin, derzeit Tagesmutter, lebt in St. Johann in Tirol. Sie hat drei Kinder: Dilek (21, Medizinstudentin), Mustafa (20, HTL-Schüler in Wien) und Ilayda (7, Schülerin), und ist verheiratet mit Ahmet (43).

Saime Zengin ist in der 8.700-EinwohnerInnen-Gemeinde St. Johann Tagesmutter, steht in engem Kontakt mit der Katholischen Frauenbewegung und nimmt gern an Treffen teil, um über ihren Glauben, ihre Identität zu sprechen. Ihr Auftreten ist offen und selbstsicher. Auf die Frage, ob sie sich als integriert bezeichnet, kommt aber überraschend schnell: »Nicht wirklich. Manchmal fühle ich mich sehr alleine. Ich habe mich in den 24 Jahren, in denen ich in Österreich bin, so um Integration bemüht, trotzdem ist es nicht so richtig gelungen.« Das Schlimmste sei für sie, wenn ihre Kinder diskriminiert und sie selbst ignoriert werde. Freundschaften in Österreich hat sie ausschließlich zu Frauen gefunden, die religiös verknüpft sind ? und zwar in der christlichen Religion. Diese Frauen waren es, die auf sie zugekommen sind. Und die dreifache Mutter hat es gewagt, ihren Kreis zu öffnen und in den der anderen hineinzutauchen. »Viele aus meinem Kulturkreis trauen sich das nicht, weil sie nicht so gut Deutsch sprechen. Für mich ist Sprache sehr wichtig. Ich bin davon überzeugt, dass unser Problem nicht der Glaube ist. Den Glauben anderer muss man respektieren, akzeptieren. Alle Menschen haben doch die gleiche Absicht, sie wollen zu Gott. Unser Problem ist die Sprache. Durch Kommunikation können wir vieles erreichen, uns zeigen, dass wir auch Menschen mit Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen sind.«
Als die heute 38-Jährige aus der Türkei nach Österreich kam, um ihren Mann Ahmet zu heiraten, begann für sie eine Gratwanderung. Einerseits die westliche Welt, in der Frauen sogar Rad fahren durften, andererseits ihre Ursprungsfamilie, die sehr konservativ war. Ihr Vater war Imam (Vorbeter) und schickte ihr von der Türkei aus Briefe, sie solle in ihrer Kultur bleiben. »Mein Vater ist ein großzügiger Mensch, aber im Glauben konservativ. Ich war immer die Kritische in der Familie, die Feministin.« So blieb sie die ersten Jahre in Österreich in ihrem Kulturkreis, war islamische Religionslehrerin und fühlte sich schließlich so ausgegrenzt, dass sie mit ihrer Familie einen Rückkehrversuch in die Türkei unternahm. Dort fühlten sie sich auch als Fremde.
Wieder retour in Österreich begann bei den Zengins ein Integrationsmarathon. Mit den Kindern wurde intensiv gelernt, vor allem Deutsch. »Mein Mann und ich wussten, Sprache ist der Schlüssel für Integration und Bildung der Schlüssel zum Erfolg.« Trotzdem waren die Jahre immer wieder überschattet von Diskriminierung. Vor allem die Kinder erlebten das während ihrer Schulzeit. Der 20-jährige Sohn Mustafa wechselte schließlich von Tirol ins multikulturelle Wien und geht dort zur Schule. Auch in ihrem jetzigen Beruf als Tagesmutter musste sie einige Rückschläge hinnehmen. »Ich habe Kinder aus der Türkei, Österreich und der Slowakei. Egal, wie gut ich als Tagesmutter bin, ich werde trotzdem als Migrantin gesehen und als solche stigmatisiert. Fakt ist, ich bin ein Teil von Österreich. Wir wurden als Arbeiter gebraucht und wir sind geblieben. Das ist unser Schicksal, das wir erfüllen müssen.«

Traut uns etwas zu

Zehra Barackilic bekommt inzwischen Regie- und Drehbuchangebote aus Linz, Wien und Salzburg. »Ich glaube, es ist gewollt, dass solche Menschen wie ich in die Öffentlichkeit kommen. Die meisten MigrantInnen werden in eine Schublade geschoben: Du kannst nichts, du bist AusländerIn. Man muss ihnen aber zeigen: Du kannst es schaffen, die Sprache zu lernen, du hast gute Seiten, du bist kreativ.« Trotz der Vorurteile gegenüber Muslimas mit Kopfbedeckung ist sie bei jeder Gesellschaft mit dabei. »Ich bin gerne einmal da und dort und schaue nicht auf die Religionen.«

Selbstbewusst mit Kopfbedeckung

Zehra Barackilic (25) studiert »Zeitbasierte und interaktive Medien« an der Kunst-Uni in Linz, lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr in Freistadt, Oberösterreich.

Die quirlige Kunststudentin Zehra Barackilic aus dem Mühlviertel kennt es nur zu gut, auf offener Straße angesprochen zu werden, was sie denn als Muslima mit Kopfbedeckung in Österreich zu suchen hätte. Sie ist dann immer gerne bereit, sich auf ein Gespräch einzulassen. »Meist sind sie total schockiert, dass ich ihre Sprache spreche und auch noch Dialekt. Aber ich will die Leute nicht beschämen, sondern ihnen zeigen, dass nicht alle gleich sind.« Dass es MigrantInnen in Österreich derzeit nicht leicht haben, führt sie darauf zurück, dass man ihnen jegliches Selbstbewusstsein raubt. »Diesen Menschen soll man endlich etwas zutrauen, ihnen Freiraum zum Atmen geben. Würde ich heute nach Österreich kommen, in eine Situation, in der mir jeder sagt, was ich zu tun habe, ich würde mich nicht mehr auskennen. Ich würde mich in dem ganzen Chaos, den Vorurteilen und Vorwürfen selbst nicht mehr finden. Ich hatte es als Kind sicher leichter, da ich meinen Freiraum hatte.«
1992 kam sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester nach Österreich. »Damals lebten hier nicht viele Kinder mit Migrationshintergrund. Der soziale Zusammenhalt war besser.« Sprachschwierigkeiten gab es nie, denn das Erlernen von Deutsch war für sie kein Muss in der Schule, sondern die Basis für Freundschaften. Zudem war und ist die gebürtige Kurdin ein sehr gesprächiger Mensch. »In meiner Umgebung waren Kultur- und Religionsunterschiede kein Thema. War ich bei Nachbarn zum Essen eingeladen, haben sich diese die Mühe gemacht, sich zu informieren, dass ich kein Schweinefleisch esse. Es war ein Geben und Nehmen.« Als Mädchen hat sie sich freiwillig entschlossen, das Kopftuch ? Barackilic bezeichnet es lieber als Kopfbedeckung ? aufzusetzen. »Meine Eltern stellten es mir frei, sie haben uns unsere Religion und Lebensführung erklärt. Ich begann nachzufragen. Der eine Freund ist jüdisch, der andere römisch-katholisch, wieder ein anderer interessiert sich für den Buddhismus und ich bin Muslima.
Ich wollte wissen: Was macht uns so anders? Mit dem Ergebnis, dass manche andere Glaubensrichtungen haben, aber als Mensch macht es uns nicht anders. Der Glaube ist immer das Private an uns. Das lebt man für sich, ist etwas für die Seele und fürs Herz und beeinflusst den anderen nicht. Ich lebe meine Religion als Muslima, ohne irgendeinem Menschen zu schaden.«
Dass Österreich ihre Heimat ist, wird der 25-Jährigen immer bewusst, wenn sie auf Urlaub in der Türkei war. »Wonach man sich sehnt, das ist Heimat. Österreich ist meine Heimat, davon kann ich nicht lassen. Es ist in mein Gehirn eingebrannt ? die Kultur, der Umgang mit Menschen, die Tradition.«

Ich vergleiche uns mit Aschenputtel

Rückschläge auf ihrem Weg der Integration hat Minire Jashari durch Erlebnisse ihrer Kinder in Kindergarten und Schule hinnehmen müssen. »Einmal ist Rina weinend nach Hause gekommen. Sie wurde als Ausländerin bezeichnet und die Sachen, die sie trage, seien alle nur geschenkt. Ich erzähle meinen Kindern dann immer das Märchen vom Aschenputtel. Das war auch zuerst Prinzessin, dann Magd und dann wieder Prinzessin. Mich haben die Aussagen der anderen aber immer sehr verletzt.«

Die westliche Frau

Minire Jashari (36) ist Spielgruppenleiterin, lebt mit ihren drei Kindern ? Rina (12), Vlera (6) und Luigj (17 Monate) ? und Ehemann Remzi (41) in Ottensheim, Oberösterreich.

Ich will mich mit allem sehr gut integrieren. Das funktioniert nur, wenn man die deutsche Sprache lernt und mit den österreichischen Leuten in Kontakt ist«, sagt Minire Jashari. Und genau diesen Weg ist sie seit ihrer Ankunft in Österreich, dem Jahr 2005, konsequent gegangen. Sie hat das Gespräch gesucht. Anfangs mithilfe von Englisch oder Französisch »samt Händen und Füßen«. Sie hat sofort österreichische Traditionen aufgenommen, wie das Weihnachtsfest, das sie von Anfang an mit ihren Kindern gelebt hat. »Wir sind nun hier und meine Kinder sollten alles über diese Traditionen wissen.« Die schönen Sachen, wie die 36-Jährige Teilbereiche von Österreichs Kultur bezeichnet, hat sie gerne übernommen. »Die Zivilisation ist sehr hoch, die Leute arbeiten sehr viel. Das gefällt mir. Es gibt ein großes Angebot an Jobs, an Ausbildungen. Auch für uns Frauen. Das haben wir in Mazedonien nicht.« Was sie hier in Österreich etwas vermisst, ist der Zusammenhalt innerhalb der Familien. »Ich will meinen Kindern schon mitgeben, dass es innerhalb der Familie sehr wichtig ist, zusammenzuhalten, Zeit miteinander zu verbringen.«
Der Durchbruch in ihrer Integration war übrigens ihre Kochkunst. Auf Anfrage ihrer Lehrerin aus dem Deutschkurs im Flüchtlingshaus der Caritas in Rottenegg bereitete sie für den Wochenmarkt in Ottensheim das albanische Nationalgericht »Pita« zu. Aus dem einen Mal wurden fast zwei Jahre auf dem lokalen Markt. »Das war sehr gut   für mich. Ich habe so viele Leute kennengelernt, viel gesprochen.« Schließlich hat sie beim Verein »SPIEGEL« die Ausbildung zur Spielgruppenleiterin gemacht. Ein nächster beruflicher Schritt wird ein Lehrgang zur Kindergartenhelferin sein.
Ihre Kontakte, die sie in der kurzen Zeit in Österreich knüpfen konnte, kommen inzwischen anderen MigrantInnen zugute. Ihr Ehemann und sie führen im Eltern-Kind-Zentrum Beratungen über Integration durch. »Ich gebe auch Kleidung an MigrantInnen weiter. Denn für mich ist auch das Optische ein wichtiger Punkt der Integration.« Hier kommt das Thema Kopftuch ins Spiel. Minire Jashari lebt ihre Religion, den Islam. »Wir haben natürlich unsere Feste. Ich bete, wenn ich Zeit habe, mit sehr viel Gefühl. Dabei trage ich ein Kopftuch, sonst nicht. Wir Frauen aus Mazedonien sind sehr westlich, wie europäische Frauen.«
Derzeit lebt Minire Jashari mit Visum in unserem Land. In zwei, drei Jahren hofft sie auf die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie bezeichnet sie sich dann: als Österreicherin oder Albanerin? »Beides. Meine Staatsbürgerschaft ist dann Österreich, ich bin Albanerin aus Mazedonien. Was ich in Österreich mache, mache ich gerne. Aber ich vergesse meine Tradition nicht. Das ist doch in Ordnung.«