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Bibi Fellner heißt die neue Tatort-Kommissarin an der Seite von Moritz Eisner, alias Harald Krassnitzer. Ihre Darstellerin, die Schauspielerin Adele Neuhauser zeichnet eine Figur, die die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verwischt und eine Frau mit Widersprüchen ist.

Als Adele Neuhauser das Café Eiles in Wien betritt, erkennen sie manche, manche sinnieren, woher sie »dieses Gesicht« wohl kennen. Allen ist aber klar: Diese Frau, die weiß, was sie will. »Ehrlich? Wirk? ich so? Das ist aber nett! Und wissen Sie, was ich jetzt will: ein Seiterl Bier, es ist ja bereits nach zwölf Uhr mittags, da passt das schon!«, gibt Adele Neuhauser ihre Bestellung auf. So leicht hat es Bibi Fellner, die neue österreichische Tatort-Ermittlerin an der Seite von Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), nicht.

Schließlich ist deren »Alkoholproblem« amtsbekannt, Moritz Eisner deckt ihren Vorrat an Magenbitter-Fläschchen zwar genervt auf, hält aber Bibi immer wieder davon ab, im Beisl nebenan »abzustürzen«: »Bibi, komm, das bringt ja nichts, ich fahr dich nach Hause.« Die 52-jährige Schauspielerin ist unterwegs zu den Dreharbeiten der dritten Tatort-Folge: »Die Rolle der Bibi Fellner hat mich von Anfang an gereizt. Sie ist 50 Jahre alt, kommt von der Sitte, ist ausgebrannt, hat ein heftiges Alkoholproblem. Sie ist eine Kämpferin, die das Angebot der Frühpensionierung rigoros ablehnt und hinter ihrem neuen Chef atemlos hinterherrennt. Nur abhängen, das lässt sie sich nie!« Adele Neuhauser hat auf der Bühne die Medea, die Maria Callas, die »Erna« in den Präsidentinnen gespielt. In der Rolle als Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser in »Unschuldsvermutung«, dem Stück über »die unschuldigsten Persönlichkeiten der Republik« im Rabenhof Theater Wien, überzeugt die Künstlerin nicht nur aufgrund ihrer tiefen, sonoren Stimme. »An dieser Rolle reizt mich das Maskenhafte der Figur, das gleichzeitig das Tragische der Person, des Menschen ist. Wenn ich unangenehme Persönlichkeiten darstelle, nähere ich mich in kleinen Schritten dem Grauen dahinter an. Sonst blieben diese Persönlichkeiten flach, es wäre nur Komödie und zu wenig Tragödie, die sich im entsetzten Lachen ausdrückt.«

DER REIZ DES UNPERFEKTEN.

Die Künstlerin hat bereits langjährige Erfahrung mit Morden, Schuld und Sühne. Als bitter-herbe Bäuerin Julie Zirbner lässt sie sich auch in der TV-Serie »Vier Frauen und ein Todesfall« niemals vom schönen Schein, vom Zauber des ersten Eindrucks blenden. »Abgesehen von dieser Rolle kennt mich das Publikum nur als Verdächtige oder gar als Täterin. Ich bin gern die von der anderen Seite, da habe ich einen enormen Spielraum, kann ausprobieren, was geht, wie weit etwas geht.« Dieses Experimentieren gelingt ihr auch mit ihrem Schauspielerkollegen Krassnitzer: »Wir haben uns vor Beginn der Dreharbeiten nicht gekannt, klar, wir wussten, wer wir sind und was wir so machen, aber das meine ich nicht mit kennen. Wir haben uns sofort gut verstanden, die Rolle der Bibi Fellner ist für mich sehr ausbaufähig. In ihrem ersten Tatort muss sie sich noch an jedem Beisl vorbeikämpfen, Alkohol- und Medikamentenmissbrauch wechseln einander ab, bedingen sich. Ich will auf die Beschädigungen dahinter aufmerksam machen und trotzdem im Alltag als Kommissarin auch nur irgendwie funktionieren. Das ist nicht spektakulär, aber ein Kampf Glas um Glas, Tablette um Tablette, Absturz um Absturz.«

»ICH LACHE FÜR MEIN LEBEN GERN.«

Die ernste und die heitere Seite Adele Neuhausers sitzen mit am Tisch, wechseln einander unvermittelt, spontan und unberechenbar ab. So erklärt die Schauspielerin sehr ernst: »Ich recherchiere für jede Rolle genau, beinahe akribisch. Jede Person, die ich verkörpere, muss mir nahekommen dürfen, muss sozusagen bei mir wohnen. Sie muss das Recht auf Annäherung, Nähe und manchmal sogar Besitznahme haben. Sonst bleibt sie flach bzw. platt.« Diesem Satz schickt sie einen hellen Lacher nach: »Das gilt nicht nur für das Tragische. Ich lach ja für mein Leben gern, bin eine richtige Lachwurzn, und das kann ich als Julie Zirbner wunderbar ausleben. Auch die Bibi hat dieses Lachen, derzeit noch selten, aber das entwickelt sich noch, wir beide arbeiten daran. Das Offene, das Nichtperfekte reizt mich. Ich war und bin eine Grenzgängerin, ich muss immer ausprobieren, wie weit ich gehen kann. Und gehe dann noch einen Schritt weiter.«
Als 10-Jährige hat sich die Schauspielerin die Pulsadern aufgeschnitten, weitere Suizidversuche folgten. »Das ist kein Geheimnis, schreiben Sie darüber, ich bitte Sie sogar darum. Sogar heutzutage ist es noch eine Art Tabubruch, wenn jemand ? ich im konkreten Fall ? davon erzählt, dass er oder sie sich das Leben nehmen wollte. Jetzt bin ich über diese Phasen hinweg, hinter mir liegt aber auch ein harter Weg. Mit 21 Jahren war mir dann klar: Es gibt nichts Fantastischeres als das Leben. Diese Einsicht, dieses starke Gefühl habe ich dann Tag für Tag in Leben übersetzt.«
Eine Therapie im eigentlichen Sinne habe sie nicht gemacht, das Spiel, die Sehnsucht nach dem Spiel sei ihre Therapie gewesen. »Mein damaliger Lebensüberdruss hat meinen Blick auf Menschen, auf das Leben und die Seele verändert. Es ist wunderbar zu leben. Das weiß ich auch in unangenehmen, traurigen, bedrohlichen Situationen und das stelle ich nie mehr in Zweifel.«

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/ 2011 – von Christina Repolust