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Ich bin eine Kämpferin!
Helene, 47, wollte unbedingt wieder Arbeit finden. Sie verfasste unzählige Bewerbungen und ließ sich nicht unterkriegen.

Ich kann es noch gar nicht fassen. Unglaublich, ich habe den Job gekriegt, den ich mir immer gewünscht habe. Seit ich auf der Welt bin, fühle ich mich vom Leben bestraft. Als ungewolltes Kind war ich der Sündenbock für alles, was in der Familie schieflief. Aber ich habe gekämpft, sonst hätte ich die Schläge und den Missbrauch nicht überlebt. Jeden Tropfen Liebe saugte ich auf. Viel gab’s nie.

Ich verliebte mich in meinen Mann, dessen Eltern mich von Anfang an ablehnten. Ich hatte eine tolle Sekretärinnenanstellung. Leider als Karenzvertretung. Beim nächsten Job konnte sich der Chef meine Arbeitskraft nach einem halben Jahr nicht mehr leisten.

Meine Schwangerschaft klappte erst nach vielen Jahren, nur mit medizinischer Unterstützung. Nach der Geburt stürzten die Erinnerungen an meine Kindheit auf mich ein. Die Folge war jahrelange Therapie. Ich war unfähig, einer Arbeit nachzugehen. Den Alltag für meine Familie konnte ich gerade noch bewältigen. Zwei Schritte nach vor und einer zurück.

Zu alt, zu teuer. Die vielen Absagen machten mir schwer zu schaffen.

Durch einen Bekannten wurde mir eine Stelle als Reinigungskraft angeboten. Ich wollte endlich wieder eigenes Geld verdienen. Doch war mir nicht klar, welche Herausforderung auf mich wartete. Körperlich war ich schnell an meinen Grenzen. Eine ungewohnte Arbeit.

Mein Respekt gilt jedem Reinigungspersonal, das oft 20 oder 30 Jahre hindurch diese körperliche Schwerstarbeit verrichtet. Mir fehlte das Durchsetzungsvermögen in einer so großen „Damenriege“. Der Ton rau. Konkurrenz, Neid und viel Tratscherei an der Tagesordnung.

Wichtig für jede war, herauszufinden, wer das Sagen in der Gruppe hatte. Wenn du diesen Menschen für dich gewinnen konntest, ihm sympathisch warst, dann hattest du „gewonnen“. Wenn nicht, dann konnte es zur täglichen Hölle auf Erden werden. Ich wusste bis dahin nicht, wie viele Stolpersteine einem in den Weg gelegt werden können.

Ob das Wort „Mobbing“ gerechtfertigt ist? Meinem Gefühl nach war es nicht zu weit hergeholt. Ich hatte durch meine von klein auf erlernte Überangepasstheit geschafft, mich halbwegs durchzuschmuggeln. Trotz des morgendlichen Unwohlseins auf dem Weg zur Arbeit und der anhaltenden Magenschmerzen. Die Gesprächsthemen in den Pausen waren derb und tief. Nicht nur ich empfand es so. Einige von den Frauen sah ich still vor sich hin leiden. Weil sie keine Chance auf Veränderung sahen. Weil sie Alleinerzieherinnen waren. Weil sie nichts gelernt hatten. Weil in unserer Gegend gute Arbeitsplätze für Frauen eine Rarität sind. Weil sie für einen Wechsel zu alt waren.

Ich mochte auch die Dienstkleidung nicht. Jedes Mal empfand ich es als Demütigung, wenn ich die graue Hose und das Oberteil am Morgen anziehen musste. Doch ich wollte durchhalten. Von meinem Wunsch, im erlernten Beruf eine Anstellung zu finden, hatte ich mich verabschiedet. Wie es aber der Zufall wollte, ergab sich die Möglichkeit, mich als Sekretärin zu bewerben. Ich nahm all meinen Mut zusammen. Und jetzt – ich kann es nicht glauben –, sitze ich wieder vor einem Computer. Ein bisschen stolz traue ich mich schon sein. Wenn da nicht diese ständige Angst vor dem Verlust im Hinterkopf wäre! 


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/2013 – von Michaela Herzog