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Ich bin gehalten worden
Von ihrem Vater hatte Eva ein Tagebuch geschenkt bekomen. Zuerst hielt die damals Achtzehnjährige Schreiben für „ziemlich daneben“. Doch half es ihr beim Überleben.

Warum kann ich mich auf einmal nicht mehr konzentrieren? Ich stehe knapp vor der Matura. Ich fühle mich total abwesend. Völlig daneben.

Nein, nein, da war nichts. Gar nichts. Ich bin doch nicht verrückt. Diese Stimmen, ich habe sie mir nur eingebildet. Hilfe, was passiert mit mir? Sie belauern mich, verfolgen und peinigen mich. Und rauben mir den Schlaf. Wie verrückt rasen Bilder und Gedanken durch meinen Kopf. Lasst mich doch alle in Ruhe! Haut ab, greift mich ja nicht an! Ihr erreicht mich nicht! – Schaut nicht so erschrocken drein. Papa, Mama. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin!

Die Diagnose lautet „paranoide Schizophrenie“. Medikamente erlauben mir die Rückkehr in meine Normalität. Ausgehen mit FreundInnen, die Führerscheinprüfung, regelmäßige Chorproben. Ich liebe Musik. Statt der Schule beginne ich eine Lehre. Ich fühle mich stark. Der Albtraum der vergangenen Monate ist überwunden. Vorbei. Ich nehme keine Medikamente mehr.

Papa hält mein Leiden aus und mich fest im Arm.

Mein Rückfall folgt prompt. Unaufhaltsam. Haltlos. Immer tiefer versinke ich zwischen hier und weg. Zwischen neuerlichen Psychosen, Medikamenten, zwischen Krankenhaus und TherapeutInnen. Die Krankheit schleicht unaufhaltsam kreisend immer noch näher. Mit immer mehr und neuen Tabletten soll sie auf Distanz gehalten werden. Keine Chance, sie überrollt mich, lässt locker, um erneut nach mir zu krallen. Ich kann nicht mehr aufstehen. Bin unansprechbar und kann nicht mehr denken. Wie heiße ich eigentlich? Ich will nur, dass diese Stimmen weggehen. Die paar Schritte im Garten überschreiten meine Kräfte. Mein Häkeldeckerl wird nicht fertig. Stimmen, geht weg! Ich flehe, ich tobe, bis ich verstumme.

Papa ist da. Er lässt sich nicht abweisen. Er hält mein Leiden aus und mich in meinen Psychosen fest im Arm. Er kennt die Krankheit von seiner Mutter. Ich bin auf dem Nullpunkt. Völlig leer und mir selbst entglitten. Ich will weg, flüchten, raus aus der geschlossenen Anstalt. Um mich herum nur Menschen mit ähnlichen Krankheiten.

Aus Erzählungen weiß ich von meinem Sprung aus dem fünften Stock in die Tiefe. Dass meine Eltern unter Tränen über mein Leben als Schwerstbehinderte und über ein mögliches Begräbnis gesprochen haben. Und dass ich nach zwei Wochen im künstlichen Tiefschlaf begonnen habe, das Leben neu zu erobern. Mit 26 Jahren habe ich noch einmal gehen, essen, deutlich sprechen und singen lernen müssen. Über meinem Spitalsbett klebten Fotos von früher. Diese strahlende Frau mit langen blonden Haaren, die wollte ich wieder werden. Ob es da oben jemanden gibt, der für jeden Menschen einen eigenen Plan entworfen hat?

Nun bin ich wieder daheim. Keine Anzeichen von „paranoider Schizophrenie“ mehr. Wir fallen uns immer wieder weinend in die Arme. Voller Erleichterung, Hoffnung und Lebensgier. Jetzt geht’s los. Voll cool.

„Wo bist du gewesen?“, fragen mich die Leute. Ganz weit weg. Wo genau? Ich weiß es nicht.

„Was wir nicht alleine schaffen, schaffen wir zusammen …“ Das Lied der Musikgruppe „Söhne Mannheims“ ist meine Lebenshymne geworden. Ich bin wieder da. Mutig und offen für alles. Nur die leichte Mulde an der linken Schläfe wegen des künstlichen Teils in meinem Schädel erinnert äußerlich an mein zehnjähriges Leid.

Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2012 – von Michaela Herzog