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Ich entwerfe mir jetzt mein eigenes Leben und das weit weg von hier!

Eddy bemüht sich. Eddy scheitert. Eddy beginnt, seine Umgebung zu hassen. Er, der Schmächtigste in seiner Familie, kauft sich nach der Schule Kartoffelchips und legt 20 Kilo zu. Doch auch das Übergewicht schafft es nicht, dass Eddy endlich zur Familie gehört: Einmal läuft sein Gesicht vor Scham rot an, ein anderes Mal beginnt er zu stottern, dann wieder nennen ihn die anderen einfach „Schwuchtel“ und meinen damit, dass er der geborene Looser sei.

Diese Erinnerungen in Ich-Form skizzieren eine Familie, in die man nicht geboren sein möchte und die es gleich um die Ecke in jeder möglichen Kopie gibt: Eltern, die ihre Lebensträume längst vergessen haben, Geschwister, die sich anpassen und ein Außenseiter, der mehr will. So leidet die Mutter unter Asthma und raucht besonders am Vormittag sehr sehr viel: Warum soll sie mit dem Rauchen aufhören, wenn die Fabrik doch die Umwelt so verpestet, dass kein Glimmstängel der Welt diese Vernichtung anrichten könnte? Neben Zigaretten und dem Aufrechterhalten ihrer Ur-Wut interessiert Eddys Mutter vor allem das Fernsehprogramm, sie wundert sich über ihren Jungen, dem das wiederum völlig egal ist. Komischer Junge, ob der schwul ist?

Ich durfte mich nicht mehr so verhalten wie bisher. Ich musste meine Gestik beim Sprechen unter Kontrolle bekommen, musste lernen, mit tieferer Stimme zu reden, und ausschließlich männertypischen Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. Mehr Fußball spielen, keine Schlagersendungen mehr sehen, andere Schallplatten hören. Allmorgendlich im Badezimmer wiederholte ich für mich dieselbe Formel, ununterbrochen, so oft, dass sie schon ihren Sinn verlor, zu einer reinen Abfolge von Lauten und Silben wurde.

Eddy erfährt von seiner Schuldirektorin von den Vorurteilen seines Vaters der nächsten Stadt gegenüber, in der es laut seines Vaters vor Kaffern nur so wimmeln solle. Ja, Eddy macht sich auf und soll wie die Kinder der Lehrer und des Bürgermeisters Matura machen, seine Mutter weiß kaum, was so ein Abitur ist. Doch auch hier muss sein Vater noch ein schauerliches Spiel mit ihm, dem Sonderbaren, treiben: Eddy nimmt den Brief der Schule, die ihn annimmt, und rennt davon!

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Wut, Engagement, Sich-Einfühlen in Kinder, die in den falschen Familien leben, Freude an Bildung, Freude über Überwindung der Bildungsschranken, feinsinnige Szenenbeschreibungen.

Der Autor: Edouard Louis ist 22 Jahre alt, soziologisch kommt er aus so genannten einfachsten Verhältnissen, geografisch aus einem Dorf in der Picardie/Nordfrankreich. Sein Buch wurde u. a. mit einem Preis gegen Homophobie ausgezeichnet, es erscheint in 18 Sprachen.

 

 

Edouardo Louis:

Das Ende von Eddy.

Roman.

Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.

Frankfurt/Main: Fischer Verlag 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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